GD Star Rating
loading...

Rezension von Barbara Hoppe

Feuilletonscout empfiehlt ... OHNE ROLF - Erlesene Komik. Kabarett aus der Schweiz

Christph Wolfisberg (li.) und Jonas Anderhub: OHNE ROLF machen erlesene Komik

Jonas Anderhub und Christoph Wolfisberg machen grandioses Kabarett, ohne ein Wort zu sprechen. Gäbe es ein Buch mit dem Titel: „Die 100 Kabarettisten, die Sie in Ihrem Leben live erleben müssen“, so wären die beiden Schweizer ganz vorn dabei.

Da stehen sie, Jonas Anderhub und Christoph Wolfisberg, auf der schlichten Bühne hinter den großen, schwarzen Kästen, ganz in Schwarz gekleidet und schauen todernst ins Publikum. Plötzlich greift Christoph. in seine Kiste und hängt ein Plakat nach vorn „Jonas“. Keine Reaktion. „JONAS“. Noch immer nichts. „JONAS!!!“ Spätestens an dieser Stelle lacht das Publikum. Bisher wurde kein Wort gesprochen, doch bei den Zuschauern läuft Kopfkino. Jonas mit drei Ausrufezeichen – das kann nur jemand meinen, der genervt zum hundertsten Mal ­ ja, irgendwie ruft – und immer noch keine Antwort bekommen hat.

„OHNE ROLF“ aus der Schweiz machen Kabarett. Mit ganz vielen Worten, aber ohne zu sprechen. Bis heute bescherte ihnen diese ungewöhnliche Idee zahlreiche Auszeichnungen. 2015 erst erhielten Jonas Anderhub und Christoph Wolfisberg den deutschen Kabarettpreis. Sie hätten, so die Jury, mühelos alle Genregrenzen zwischen Kabarett, Theater und Literatur gesprengt.

Feuilletonscout: Wie kamen Sie auf die Plakatidee?
OHNE ROLF: Vor bald sechzehn Jahren fragten wir uns, wie wir die Aufmerksamkeit der Passanten auf der Straße unaufdringlich auf uns lenken könnten.
Wir entschieden uns, sie wegzuschicken.
Das führte dazu, dass wir uns mit kleinen Plakaten auf die Straße stellten, auf denen wir die Menschen schriftlich aufforderten, uns nicht zu beachten und bitte weiterzugehen, denn hier würde nichts passieren. Die Leute ignorierten unser Anliegen und blieben in Scharen stehen -­‐ unser erstes Publikum stand uns gegenüber und ermutigte uns, weiterzumachen.

Die Sogwirkung dieser Plakatidee ist unbeschreiblich, und dieses Mal wirklich: schwierig, in Worte zu fassen. Was passiert da mit dem Publikum? Es ist die eigene, höchst persönliche Interpretation, die jeder einzelne Mensch im Zuschauerraum in die geschriebenen Worte des Duos legt. Was er liest, ob er es lustig findet, wann er darüber lachen kann, welche Betonung er im Geiste in die Wörter legt: Alles Sache des Einzelnen. All‘ das wäre aber nur halb so witzig, wären da nicht auch die Personen Jonas Anderhub und Christoph Wolfisberg. Ihre zurückgenommene Mimik, der Ernst ihres Ausdrucks, steht in Kontrast zum Situationswitz und ist doch gleichzeitig unverzichtbarer Teil der Gesamtkomik. Wie kommen die beiden auf ihre Ideen? Wie entsteht ein solches Programm?

OHNE ROLF: Wir notieren konsequent jede Idee, die uns einfällt. Dann fragen wir uns, was uns interessiert, reizt und beschäftigt, worauf wir zu schreiben beginnen. Später kommt unser Regisseur Dominique Müller dazu und wir diskutieren stundenlang über einzelne Plakate, proben das Blättertiming um dann letztendlich auf der Bühne endlich schweigen zu können.

Es ist das Zwischen-den-Zeilen, das die Fantasie anregt. Auf fast 1000 Blättern führen OHNE ROLF den Zuschauer durch ihre eigentlich kurzen, sehr alltäglichen Unterhaltungen. Und irgendwann kommt es dann und man fragt sich: „Warum heißen die eigentlich „OHNE ROLF“?“

OHNE ROLF: An Fragen erinnert man sich eher, als an Antworten. „OHNE ROLF“ weckt sofort eine Frage im Kopf – man vermutet eine Geschichte und fragt sich nach dem Warum. Wir heißen OHNE ROLF, weil es zu denken gibt.

Denken tut man als Zuschauer bei OHNE ROLD ständig. Im Kopf wirbelt es, die gesamte Aufmerksamkeit ist auf den Plakatdialog vorn auf der Bühne gerichtet. Pausen sind nicht drin. Und manchmal muss das Publikum sogar selbst ran – etwa, wenn der kleine Schreibhals getauft werden soll und die Kirchengemeinde, also wir, das Publikum, einen Gospel geschrieben vortragen soll.

 

 

Manchmal lassen Jonas Anderhub und Christoph Wolfisburg den kleinen Schreibhals auch einfach in der Obhut seiner Paten – die sich dann plötzlich in einem geschriebenen Dialog wiederfinden. Am Ende beklatscht man sich selbst und lacht wie meine Freundin neben mir: „Es ist großartig, dass man schon so alt wie ich sein und noch so unglaublich überrascht werden kann!“ Der pointierte Knalleffekt in Schriftform ist grandios. Und worüber können OHNE ROLF selbst lachen?

OHNE ROLF: Gerade kürzlich besuchten wir eine Vorstellung von Thomas Kreimeyer, dessen Programm schlicht daraus besteht, sich mit dem Publikum zu unterhalten. Innerhalb dieser neuartigen Kabarettform entstanden Wortwechsel, die uns überdurchschnittlich oft zum Lachen brachten. Eine herzliche Empfehlung!

Vielleicht muss es so sein, dass man nach einem Abend mit OHNE ROLF nicht mehr weiß, was man eigentlich sagen soll. Der Wortwitz hat einen mundtot gemacht und man ist auf eine angenehme Art total geplättet.

Feuilletonscout: Herr Anderhub, Herr Wolfisburg, was macht Sie am Ende einer Vorstellung glücklich?
OHNE ROLF: Wenn wir das Publikum inspirieren konnten. Wenn wir durchs Publikum inspiriert wurden. Wenn zwischen uns beiden und dem Publikum ein stiller Konsens entstand, dass in den vergangenen zwei Stunden etwas passiert ist, dass sich zu erleben lohnte

Vielen Dank, Jonas Anderhub und Christoph Wolfisburg!

 

 

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.