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Zwischen Realität und Metaphysik: Haruki Murakamis neuer Roman „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“

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Literatur

Haruki Murakami wird 75. Mit „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ erscheint rechtzeitig zum Geburtstag sein neuer Roman. Erneut zeigt der Autor hier seine Meisterschaft, Phantastik und Realität in eine fast metaphysische Erfahrung zu gießen. Von Barbara Hoppe.

In einem 2016 geführten Interview mit dem Spiegel sagte Haruki Murakami über seinen Entschluss, mit dem Romanschreiben zu beginnen: „Ich wusste, dass der Rhythmus des Textes entscheidend sein würde, die Melodie, wie in der Musik. Ich wollte schreiben, als würde ich ein Instrument spielen.“ Es hat noch eine Weile gedauert, bis er persönlich diesen Rhythmus gefunden hat und „Wenn der Wind singt“ das Licht der Welt erblickte, aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Bereits mit diesem Erstling avancierte er 1974 zum Bestseller-Autor und ist es bis heute geblieben.

Es ist dieser besondere Rhythmus gepaart mit zarter Melancholie, der einen in seinen Romanen unweigerlich umfängt und nicht mehr loslässt. Seine Geschichten sind wie sanfte Melodien, die Raum und Zeit vergessen lassen. Die Handlung beginnt meist harmlos. Seine Protagonisten führen oft ein schlichtes Leben, ohne Höhen und Tiefen. Genügsam verfolgen sie ihr Tagwerk, gehen arbeiten, einkaufen. Bereiten sich ihre Mahlzeiten und denken über das Leben nach, über verpasste Chancen oder Menschen, die ihren Lebensweg kreuzten. Krankhafter Ehrgeiz sind ihnen ebenso fremd wie ausgeprägte Charaktereigenschaften oder der Wunsch, aufregende Abenteuer zu erleben.

Das Überraschende an diesen Geschichten ist, dass sie dennoch zu den fesselndsten gehören, die Literatur hervorgebracht hat. Im selben Spiegel-Interview führt Haruki Murakami aus: „[…] ich würde sagen, dass ich über die Fähigkeit verfüge, Träume zu erschaffen. Das ist keine Begabung, sondern eine Fähigkeit, die mir großen Spaß bereitet. Wenn Sie aufwachen, lösen sich Ihre Träume auf. Ich kann meine Träume wieder einfangen und sie weiterspinnen, während ich schreibe.“ Darin mag jenes Geheimnis liegen, das dazu führt, dass man beim Lesen nicht im Entferntesten auf die Idee kommt, das Übersinnliche und Übernatürliche seiner Erzählungen infrage zu stellen. Und auch für Murakami selbst, so betont er immer wieder in Interviews, existiert keine Trennung zwischen der realen Welt und einer übernatürlichen Realität.

Foto: DuMont Buchverlag

So beginnt auch „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ zunächst ganz realistisch. Ein siebzehnjähriger Junge, ein namenloser Ich -Erzähler, und ein sechzehnjähriges Mädchen lernen sich durch einen Schreibwettbewerb kennen. Eine zarte, aber sehr intensive Zuneigung entsteht, in der schüchtern Küsse ausgetauscht und Händchen gehalten werden, aber vor allem reden die beiden stundenlang miteinander. Und wenn sie sich nicht treffen können, schreiben sie sich Briefe. Immer häufiger erzählt das Mädchen dabei von der ummauerten Stadt, aus der sie eigentlich kommt und wo ihr eigentliches Ich noch lebt. Sie selbst hingegen sei nur der Schatten dieses Ichs. Der Junge ist fasziniert von dieser Vorstellung und sehr bald auch sehr verwirrt. Denn eines Tages ist das Mädchen ohne ein Wort verschwunden. Die ummauerte Stadt scheint sie zurückgefordert zu haben. Ihr zu folgen, ist fast unmöglich. Denn um dort hinzugelangen, ist der unbeugsame Wunsch, dies auch zu wollen, Voraussetzung.

Und hier schleicht sich langsam das Übernatürliche ein. Auf mysteriöse Weise gelangt der Junge – inzwischen ein Mann von Anfang zwanzig – schließlich doch in die Stadt. Dort trifft er auf das Mädchen, das ihn nicht erkennt. Er selbst wird als Traumleser in der Gesellschaft der Stadtbewohner aufgenommen. Täglich geht er in die Bibliothek, wo ihn das Mädchen umsorgt, und liest in alten Träumen. Eine Tätigkeit, die ihn ausfüllt. Das ruhige, zeitlose und anspruchslose Leben in der grauen, emotionslosen Stadt beginnt, ihm zu gefallen. Wäre da nicht sein Schatten, den er vor den Toren der Stadt hat abgeben müssen und der als zweites Ich vor der Heimtücke und Seelenlosigkeit des Ortes warnt. Und obwohl der junge Mann bleiben möchte, gelingt es ihm – genauso mysteriös wie er in die Stadt kam – auch wieder aus ihr hinauszukommen. Er nimmt sein altes Leben auf, arbeitet im Buchhandel, verlässt die Branche nach 20 Jahren jedoch, um in einer kleinen Bibliothek auf dem Land die Leitung zu übernehmen. Hier trifft er auf den rätselhaften Herrn Koyasu und den Jungen im Sweat-Shirt mit dem Yellow-Submarine – Aufdruck aus dem Film der Beatles.

Poesie und Magie

Immer verschlungener wird die Wahrnehmung des Erzählers und sein Eintauchen in andere Bewusstseinsebenen. Mit jedem Gespräch, jeder Begegnung entwickeln sich neue unerklärliche Begebenheiten. Sie werden als solche wahrgenommen, aber weder als Bedrohung noch als Hirngespinst abgetan. Wer sich als Leser darauf einlässt, verschiedene Bewusstseinsebenen nicht nur zu akzeptieren, sondern das Überschreiten der Grenzen von Erfahrung und Bewusstsein als gegeben hinzunehmen, gleitet unversehens in die Unbegreiflichkeit und rätselhafte Schönheit einer traumhaften, federleichten Welt.

Eine Welt, mit der Haruki Murakami einen weiten Bogen in die Vergangenheit spannt. Vor 40 Jahren erschien nicht nur eine erste Erzählung mit demselben Titel, sondern auch „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“, ein Schlüsselroman, der die Grundlage seines Denkens in einem erzählerischen Meisterwerk darlegt. Für ihn jedoch waren Erzählung und Roman noch nicht das Ende seiner unaufhörlich um das Thema kreisenden Gedanken. So greift er die ummauerte Stadt als Ort des Unbewussten erneut auf. Wer noch die frühere geniale Geschichte um die Auflösung von Sein und Bewusstsein kennt, liest mit Verwirrung und Verstörung erneut über die Stadt von damals, eingebettet in einem neuen Plot. Das Gefühl, dass sich Raum und Zeit, Sein und Bewusstsein nun gänzlich auflösen, führen zur Kapitulation vor dem, was wir bisher als unsere Welt erachtet haben. Dafür können wir Haruki Murakami aus tiefsten Herzen dankbar sein.

Haruki Murakami
Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
a.d. Japanischen von Ursula Gräfe
DuMont Buchverlag, Köln 2024
bei amazon
bei Thalia

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Between Reality and Metaphysics: Haruki Murakami’s latest novel „The City and its Uncertain Wall“
Haruki Murakami turns 75 and presents his latest novel, „The City and its Uncertain Wall.“ The author once again demonstrates mastery by interweaving fantasy and reality into an almost metaphysical experience. In a 2016 Spiegel interview, Murakami emphasized the crucial rhythm of his writing, comparable to the melody in music.

Murakami’s stories are characterized by a unique rhythm and delicate melancholy. The protagonists lead simple lives, without pronounced highs and lows, yet his works are among the most captivating in literature. In the interview, he emphasizes his ability to create dreams that, when read, do not question the supernatural and the otherworldly.

In „The City and its Uncertain Wall,“ the plot begins realistically with a tender relationship between a seventeen-year-old boy and a sixteen-year-old girl. The girl talks about a walled city from which she originates and another level of her self. The supernatural creeps in as the boy reaches the city and is accepted as a dream reader.

With this work, Murakami reaches into the past, revisiting the walled city and connecting it with new elements. His key novel, „Hard-Boiled Wonderland and the End of the World,“ from 40 years ago, forms the foundation of his thinking. Amidst inexplicable events and different levels of consciousness, Murakami guides the reader into a dreamlike, ethereal world, for which we can be deeply grateful to him.

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