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!Tipp: Ingrid Noll „Halali“Rezension von Barbara Hoppe

Bonn, 1955. Die beschauliche Stadt am Rhein ist gerade Hauptstadt der jungen Bundesrepublik geworden. Hier wohnen Karin und Holda, jung und frisch gebackene Sekretärinnen im Innenministerium. Neugierig erforschen sie das eigenständige Singleleben, immer mit einem interessierten Blick auf die Männerwelt. Und wer Ingrid Noll kennt weiß, dass es ihre vermeintlich naiven, sich in einem beschaulichen Leben dahinwiegenden Frauengestalten faustdick hinter den Ohren haben. Nicht per se berechnend, aber klug genug, aus den Umständen Kapital zu schlagen. Umstände, in die sie zumeist zufällig geraten und die ihre Neugier wecken.

So staunen Karin und Holda nicht schlecht darüber, dass sich in ihrem wenig geheimnisvollen Innenministerium offenbar auch ein merkwürdiger Mitarbeiter herumtreibt, der – Halali – sich als Burkhard Jäger in einem der Gästezimmer bei Karins Tante einquartiert. Und dieser Burkhard Jäger hat Dreck am Stecken. Davon sind Karin und Holda überzeugt. Dass sie dann aber doch in einen Agentenkrimi geraten, in dem Romeos eine ganz besondere Rolle spielen, bringt die beiden Frauen an den Rand ihrer Nervenstärke. Die Jagd ist eröffnet. Als Leser weiß man dann aber schon, dass zumindest Holda die Geschehnisse unbeschadet überstanden hat.!Tipp: Ingrid Noll „Halali“

Sie, die 82-jährige, erzählt nämlich allabendlich Enkeltochter Laura, was damals geschah. Sushi essend und Dim Sums kauend, lauscht die Mittzwanzigerin atemlos den Abenteuern ihrer Großmutter. Ein kleiner, unspektakulärer Kunstgriff nur, der große Wirkung entfaltet, wird die Enge der provinziellen Bundeshauptstadt, als Männer noch den Hut lupften, Partys und Monopolyspielen eins waren und Herrenbesuch nicht erlaubt, im unmittelbaren Vergleich zur modernen Zeit besonders deutlich.

Ingrid Noll gelingt eine anschauliche, amüsante Zeitreise ins Fotoalbum unserer Mütter und Großmütter, die zudem überaus amüsant ist: Ein bisschen Agentenroman, ein bisschen Romantik, ein bisschen Humor, ein bisschen (mehr) Berechnung gepaart mit einem Hauch von Bösartigkeit – fertig ist die perfekte Ingrid-Noll-Lektüre. Besser kann man den Leseherbst nicht einläuten.

Ingrid Noll
Halali
Diogenes, Zürich 2017
Ingrid Noll: „Halali“ bei amazon

Coverabbildung © Diogenes Verlag

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