!Tipp: Eiskaltes Debüt: Julia von Lucadou „Die Hochhausspringerin“

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Was für ein Debüt! Julia von Lucadou entwirft grandios eine Gesellschaft, die Angst und Bange macht. Von Barbara Hoppe.

Hier wird alles überwacht. Gnadenlos alles. In dieser Stadt, die so steril daher kommt, irgendwann und irgendwo in einer Zukunft, die das ungemütliche Gefühl auslöst, gar nicht mehr so weit entfernt zu sein. Gewöhnt haben wir uns ja schon heute an die Tatsache, dass wir fast überall unsere digitalen Spuren hinterlassen, aus denen findige Menschen unser Profil zusammensetzen und zumindest Annahmen darüber anstellen können, was uns gefällt, ob und wie häufig wir krank sind und welche Hobbies und sonstigen Vorlieben, aber auch Sorgen und Ängste wir haben.

Doch was die junge Autorin Julia von Lucadou, ihres Zeichens Filmwissenschaftlerin, hier entwirft, ist in seiner Radikalität derart beängstigend, dass man das Buch streckenweise aus der Hand legen muss, um sich die Ausmaße unserer heutigen Sorglosigkeit im Umgang mit der digitalen Welt zu vergegenwärtigen. Man möchte es eigentlich nicht hören, aber die Augen davor verschließen können wir wohl nicht.

Es ist eine Welt, in der ein komplett digitales System den Menschen überwacht und seine Leistungsfähigkeit abfragt. Das beginnt bei ausreichender Nachtruhe und dem täglichen Fitnessprogramm und hört selbst beim digital arrangierten Date nicht auf. Droht man zu versagen, greift das System ein. Schafft man es nicht mehr, sich zu fangen, wird man zurückgeschickt in die Peripherien. Ein Ort jenseits der Stadtgrenzen, wo es laut und heiß ist, es stinkt und die Menschen keine Aufgabe für die Gesellschaft haben. Talentscouts suchen sich Begabte heraus, die zu einem Casting in die Stadt eingeladen werden. Gelingt es ihnen, die Jury zu überzeugen, werden sie Teil der städtischen Gesellschaft und müssen sich behaupten: Jede ihrer Handlungen wird mit Credit Points bewertet, die dafür sorgen, dass man vorankommt und sich ständig selbst optimiert. Erst rückt man in die bevorzugten Wohndistrikte vor, dann in die oberen Etagen der VIP-Zone. Ehen heißen nur noch Credit Unions. Lässt beim einen die Leistung nach, verliert auch der andere oder aber er löst die Credit Union auf. Das ist mehr als künstliche Intelligenz. Das ist systemische Intelligenz, die keine Führung mehr braucht. Das System kontrolliert sich selbst. Wackelt es an einer Stelle, wackeln alle mit, es sei denn, das defekte Teil wird entfernt, sofern es sich nicht reparieren lässt.

So passiert es mit Riva, einer jungen Athletin, die als Hochhausspringerin Karriere macht. Hochhausspringerin – das bedeutet in der Welt von Julia von Lucadou, dass man sich in einem FlySuit™ von den Häusern stürzt, akrobatische Figuren vollführt und dann kurz vor dem Aufprall wieder in die Luft katapultiert wird. Doch eines Tages will Riva nicht mehr. Sie verweigert sich, bleibt apathisch in ihrer Wohnung. Das Psy Solutions Institut, bei dem Riva unter Vertrag steht und dem sie alle ihre Persönlichkeitsrechte überschrieben hat, schickt eine Psychologin, die via Kameraüberwachung herausfinden soll, was mit der Athletin los ist, um sie auf den rechten Weg zurückführen, denn die Investoren werden unruhig. Diese Psychologin, Hiromi Yoshita, ist nur von dem einen Wunsch beseelt, dem System zu dienen und sich perfekt anzupassen. Doch mit der störrischen Riva gerät auch Hiromis Leben durcheinander. Ihr Leben hängt plötzlich an dem der jungen Frau.

Alles, was wir heute schon als Tracking und Überwachung kennen, verwebt Julia von Lucadou geschickt zu einem Szenario, das in seiner Konsequenz beeindruckt. Emotionslos im Ton berührt sie tiefe Ängste und denkt eine skrupellose Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft zu Ende. Sie wäre nicht die erste Autorin, der eine Dystopie gelingt, die Wirklichkeit wird. Und sie ist sehr nah dran. „Die Hochhauspringerin“ macht Angst. Aber das verdammt gut.

Julia von Lucadou
Die Hochhausspringerin
Hanser Verlag, Berlin 2018
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Alle Lesungen von Julia von Lucadou hier

 

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