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Rezension von Barbara Hoppe

Feuilletonscout empfiehlt: Haruki Murakami „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“

Coverabbildung © DuMont Buchverlag

Zunächst vorweg: Wer Haruki Murakami liebt, liebt ihn. Wann bekommt dieser Mann endlich den Literaturnobelpreis? Immerhin gilt er jedes Jahr als Favorit, und jedes Mal bekommt ihn ein anderer.

Ich bin ein Fan dieses japanischen Autors, und so hielt ich auch gespannt die jüngste deutsche Übersetzung in den Händen. Zwei Kurzromane in einem Band, die eigentlich Murakamis Erstlinge sind und nun nach 35 Jahren –endlich – auf Deutsch vorliegen.

Allein die Entstehungsgeschichte dieser beiden dünnen Werke ist ein Roman wert. Glaubt man dem 2014 verfassten Vorwort des Autors, so war es im Jahr 1974, als Murakami eine Jazzbar besaß und seine Nächte dort verbrachte. Bis er eines Tages aus der Ferne, auf einer grünen Wiese sitzend, ein Baseballspiel beobachtete. Aus heiterem Himmel wusste er: Er muss einen Roman schreiben.

Und so kam es, dass er Nacht um Nacht, wenn er aus der Kneipe nach Hause kam bis zum Morgengrauen niederschrieb, was sich in seinem Kopf angesammelt hatte. Wohlgemerkt – mit Füller, per Hand. Das Ergebnis gefiel ihm nicht. Zu verschnörkelt, zu langweilig fand er den Text. Also begann er von vorn. Dieses Mal auf Englisch, eine Sprache, die er nicht gut beherrschte und die ihn daher zwang, zu verdichten, seine Aussagen in kurze Sätze zu fassen. Das gefiel ihm schon besser, und er übersetzte diesen Text zurück ins Japanische. „Wenn der Wind singt“ war sofort erfolgreich und erhielt in Japan den Nachwuchspreis der Literaturzeitschrift Gunzo.

Ein Jahr später erschien „Pinball 1973“. Danach gab Murakami seine Bar auf und widmete sich ganz dem Schreiben. Interessanterweise betrachtet er als sein erstes, ernsthaftes Werk als Schriftsteller seinen Roman nach „Pinball 1973“, nämlich „Wilde Schafsjagd“. Ich kenne Kritiker, die behaupten, das anschließende „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ sei sein Schlüsselroman, in dem viele Motive erstmals auftauchen, und zwar in einer Alternativlosigkeit und Konsequenz, die seine späteren Werken nicht mehr haben, was deren Meisterhaftigkeit jedoch keinen Abbruch tut.

„Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ im Gesamtwerk Haruki Murakamis

Wie lassen sich hier die beiden frühen, seine „Küchentisch“-Romane, wie Murakami sie nennt, einordnen? Auf jeden Fall anders, als man vielleicht erwartet. Beide sind keine klassischen Geschichten, durchgängig erzählt. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass Murakami den Schlüsselsatz zur Erklärung seiner Texte in „Pinball 1973“ selbst liefert. Dort sagt ein Professor an der Universität zum Protagonisten: „Ihre Argumentation ist schlüssig, aber Sie haben kein Thema“. Besser kann man es nicht ausdrücken.

In „Wenn der Wind singt“ folgt man einem studentischen Ich-Erzähler im Jahr 1970 in die Semesterferien, die er in seinem Heimatort verbringt, die Tage verbummelnd mit seinem Freund Ratte und einem Mädchen mit vier Fingern. Alles, wie auch in Murakamis späteren Werken, etwas geheimnisvoll, aus dem Nichts kommend. Die Erinnerungen gehen zurück zu Ex-Freundinnen, von denen sich eine das Leben nahm, Ratte kämpft mit nicht näher beschriebenen Lebens- und Sinnkrisen, das Mädchen mit den vier Fingern hat irgendwo eine Zwillingsschwester. Kurioserweise lebt derselbe, immer noch namenlose Protagonist in „Pinball 1973“ drei Jahre später, inzwischen in Tokio, mit Zwillingen zusammen. Zwillinge, die wie treue Hündchen um ihn herum sind, anspruchslos und lieb, ihn umsorgen und hegen. Auch Ratte ist noch da, verbringt seine Tage aber weiterhin im Heimatort vor allem in Jay’s Bar.

Vieles, was man in den späteren Romanen von Haruki Murakami wiederfindet, klingt in seinen ersten Texten an. Die Einsamkeit der Protagonisten, das Mysteriöse an den Frauen, ihre anatomischen Besonderheiten, den Hang zum Unerklärlichen, Phantastischen. Wie in einer Collage reihen sich die Szenen aneinander, scheinbar zusammenhangslos, wie ein Gedankenstrom, ein Dahinbummeln durch Zeit und Raum, wo mal dies, mal das passiert, einem dieser oder jener Gedanke kommt, ohne dass es einen tieferen Sinn ergeben muss und doch das Wesen und Sein unseres Lebens ausmacht. Die Suche nach Erfüllung, die Frage, was das Leben für uns bereit hält spricht tief aus den Zeilen dieser zwei kurzen Romane.

Die Auflösung oder vielmehr Erlösung der beiden Gestrandeten findet man erst in „Wilde Schafsjagd“. Verständlich, dass Murakami dieses Werk als seinen ersten richtigen Roman bezeichnet. (Man versteht diesen übrigens auch, ohne „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ gelesen zu haben).

Wer sich auf das Abenteuer dieser beiden kurzen Werke einlässt, muss wissen, dass er einen Murakami zur Hand nimmt, der fasziniert und verwirrt zugleich. Sie sind tastende Versuche, einen Stil, ein Thema, erzählerischen Fluss zu finden. Szenen, die experimentell wirken, als folge man dem Autor seinen ersten Schreibversuchen, die in „Wilde Schafsjagd“ ihre Vollendung finden und den Anfang des unnachahmlichen Murakmi-Stils bilden.

Feuilletonscout meint: Für Murakami- Erstleser empfiehlt sich, mit einem seiner Romane zu beginnen, um die literarischen Anfänge verstehen zu können. Für Murakami-Fans hingegen sind „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ ein Genuss und ein Muss.

Haruki Murakami on November 7, 2014 in Berlin © Dominik Butzmann

Haruki Murakami on November 7, 2014 in Berlin © Dominik Butzmann

Haruki Murakami
Wenn der Wind singt / Pinball 1973
Zwei Romane
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Dumont Buchverlag, Köln 2015

 

 

 

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!Tipp: Haruki Murakami „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“, 5.0 out of 5 based on 2 ratings