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Das erste auf ein größeres Publikum angelegte Werk der Schweizer TV-Moderatorin Barbara Bleisch lohnt eine genaue Betrachtung. Von Carsten Schmidt.

Es ist immer spannend, Menschen zu beobachten, die sich außerhalb ihrer vermeintlichen Komfortzone bewegen, also sich etwa an Kulturtechniken versuchen, für deren Ausübung sie nicht bekannt sind. So war es faszinierend zu betrachten, wie sich der ZEIT-Literatur-Chef Ijoma Mangold, der normalerweise Literatur eher passiv begutachtet und delegiert wie ein Hafenmeister ankommende Fracht, selbst ein Buch in Angriff nimmt. Und so war es für manche erhellend, den sonst äffchengleich plappernden Moderator Jan Böhmermann auch einmal still und so leer wie der Kaffee-Pappbecher vor ihm sitzen zu sehen, als er in Amerika einer wahren New York Times-Größe gegenübersaß und ohne Witzeschreiber und Teleprompter-Skripte schlichtweg verblasste.

Barbara Bleisch hat sich bisher einem breiten TV-Publikum als hervorragend vorbereitete und präzise fragende Moderatorin u.a. in der Sternstunde Philosophie vom SRF einen Namen gemacht und wirkte luzide gegenüber Interviewpartnern wie Noam Chomsky, Carolin Emcke, Irvin Yalom oder Daniel Barenboim. Als Autorin war sie bislang einem breiten Publikum nicht bekannt und agierte eher unter dem Radar in wissenschaftlichen Bereichen.

Coverabbildung © Hanser Verlag

Nun ist mit ihrem Titel „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ eine Debatte angeschnitten, die nicht nur aufgrund ihrer gesellschaftlichen Relevanz wichtig erscheint, sondern auch durch medial vielfach befeuerte Debatten zu den Themen Pflege, Demenz, Alter und Generationenkonflikte aktuell erscheint. Da in dem Titel des Buches bereits die Grundhaltung der Autorin deutlich wird und es darüber hinaus die Lust am Erwerb dieses empfehlenswerten Buches ersticken könnte, wenn zu viel vom Inhalt beschrieben würde, sei zumindest ein wenig über die Art der Vorgehensweise von Barbara Bleisch gesagt.

Die Autorin beantwortet zum einen zwar die Hauptfrage der Debatte bereits im Titel, nämlich dass Kinder ihren Eltern per se nichts schulden, nur weil sie deren Kinder sind – so schreitet sie dennoch argumentatorisch, Bertrand Russell nicht unähnlich, Schritt für Schritt Punkte ab, die ihre Haltung untermauern und Seitenaspekte der Problematik beleuchten. Was meinen wir eigentlich mit Schuld? Was könnten wir unseren Eltern „schulden“, welche Art von Güter wären angemessen? Gilt das nur für leibliche Eltern? Gilt es auch für adoptierte Kinder? Gilt das auch für Kindheiten, die furchtbar verlaufen sind, oder dürfen nur Eltern ewig dankbare und hilfsbereite Kinder erwarten, die sich ihrerseits außergewöhnlich gut um ihren Nachwuchs kümmerten?
Entlang von Fragen wie diesen klopft die Autorin Hauptthemen ab. Im Abschnitt zur Dankbarkeit fragt sie sich etwa, wofür und in welchem Maße Generationen untereinander dankbar sein können. Beim Kapitel zur Freundschaft geht es um die Beziehungsähnlichkeit, die Familienmitglieder zu Freunden haben, obwohl man sich Systeme wie Familie, anders als Freunde, nicht aussuchen kann. So tasten sich die Leser mit der Autorin durch einen Wald von Aspekten, von der Bedeutung von Verwandtschaft über die besondere Form der Verletzlichkeit innerhalb von Familien bis hin zu der Frage, was denn ein „gutes Kind“ ausmachen kann – jenseits von ungerechtem Zwang. Mehr braucht über die Vielfalt und umsichtige Durchleuchtung des Themas nicht vorweggenommen zu werden.

Die Kapitel lesen sich auf der einen Seite anspruchsvoll und tief, andererseits auch sehr aufgeräumt und von einem hellen Geist erfasst. Es zeugt zudem von methodischem Mut, die Haltung bereits vorweg zu sagen und sich dann am Warum entlang zu hangeln, als anders herum um den heißen Brei zu schreiben, wie dies zu oft geschieht, obwohl die Leser die Meinung des Autors sowieso schon ahnen.

Barbara Bleisch, die bereits als Herausgeberin über familiäre Pflichten im Suhrkamp Verlag Schriften vereinigte, hat sich in „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ in eine Ebene vor-geschrieben, in der sie sich in Sachen Handwerk, Verständlichkeit, gesellschaftliche Relevanz – und vor allem Anschlussfähigkeit – nicht vor einer Carolin Emcke oder einem R. D. Precht verstecken muss.

Barbara Bleisch
Warum wir unseren Eltern nichts schulden.
Hanser Verlag, München 2018
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Barbara Bleischs tiefe Gesellschaftsdebatte – Über Eltern, Zügel und Flügel, 5.0 out of 5 based on 4 ratings