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Sandra Brökel hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, in dem uns das hohe Gut der Freiheit zu Herzen geht. Von Barbara Hoppe

Was darf die Freiheit kosten? Wieviel Täuschung rechtfertigt sie? Wie eine heiße Welle durchströmen diese Fragen Dr. Pavel Vodák zu einem Zeitpunkt, als er mit seiner Frau Vĕra, Tochter Pavli und der Schwiegermutter in einer Ferienanlage in Jugoslawien sitzt. Es ist das Jahr 1970. Die Reise soll ihr Weg in die Freiheit werden. Raus aus der Tschechoslowakei, wo der Prager Frühling gerade in eine tiefe Eiszeit übergangen ist. Für dieses große Ziel hat er der Schwiegermutter verschwiegen, dass sie unheilbar krank ist, hat der Tochter, dem Rest der Familie und Freunden einen Urlaub vorgegaukelt, aus dem sie nicht zurückkommen werden. Nur Vĕra trägt die Last des Wissens mit ihm. Die Last des Gelingens liegt jedoch allein auf seinen Schultern.

Sandra Brökel_Das hungrige Krokodil

Coverabbildung © Pendragon Verlag

Dr. Pavel Vodák, renommierter Kinder- und Jugendpsychologe, ist zu einem Regimekritiker geworden, der unter Beobachtung steht. Er darf nicht mehr zu Fachkongressen ins westliche Ausland reisen, der eigene Bruder wird zur Gefahr. Die drückende Enge seiner Heimat hält er nicht mehr aus. Als sich die Gelegenheit ergibt, steht sein Entschluss fest. Er muss in ein freies Land.

Es ist eine ungemein fesselnde Geschichte, die Sandra Brökel aus den unzähligen Aufzeichnungen des Arztes herausgeschält hat. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Pavel Vodák damit, seine Erinnerungen zu notieren und sie in philosophische und geschichtliche Zusammenhänge zu setzen. Was fehlt, ergänzte Pavli, zufällig eine Freundin und Kollegin der Autorin, mit der sie heute ein Projekt für trauernde Kinder und Jugendliche leitet. Wer durch die Brille eines Menschen auf das Weltgeschehen schaut, erlebt einen intensiven und prägenden Blick auf die Geschichte. Jeder historische Roman entsteht nach diesem Prinzip. Nur war Pavel Vodák ein Mensch aus Fleisch und Blut, seine Tochter Pavli eine Zeugin des Geschehens. Entstanden ist das warmherzige Bild eines integren, toleranten, freiheitsliebenden Mannes, eines liebenden Vaters und Ehemanns und eines hervorragenden Arztes. Man muss ihn gern haben, diesen Pavel, der schon 1939 in Budweis, als die Deutschen in Tschechien einmarschierten, den Krieg nicht verstand. Seine Mutter war Deutsche, warum plötzlich der Hass der Menschen untereinander?

Pavel Vodák liebte sein Land, seine Geburtsstadt Prag, seine Familie, seinen Beruf. Und er liebte die Freiheit. Die Geschichte spülte ihn durch die Jahrzehnte, immer wieder keimte Hoffnung auf: Der Krieg ist vorbei – und es bleibt schlimm hinter dem Eisernen Vorhang. Der Prager Frühling lässt die Menschen die Schultern spannen, freudige Erwartung macht sich breit – bis die Panzer des Warschauer Pakts die zarten Pflanzen einstampfen. Den Stoff, den Sandra Brökel vorfindet, formt sie zu lebendiger Geschichte. Sie setzt Schwerpunkte, die Wendepunkte sind und sie erzählt: Mitreißend, spannend, berührend. Führt uns in eine heile Familienwelt im falschen politischen System. Ereignisse überstürzen sich, die Menschen sind aufgewühlt und Dr. Pavel Vodák sieht seine Träume einer freiheitlich-demokratischen Zukunft schwinden. Wir lieben diese kleine Familie und leiden, hoffen und bangen mit ihr.

Sandra Brökel gelingt ein reizendes biographisches Kleinod. Man spürt die Liebe der Autorin zu ihrem Sujet. Pavla Kruse ist die Freundin. Doch Dr. Pavel Vodák ist der Mann, der schon in den sechziger Jahren ein Buch über Adoptivkinder schrieb, das Sandra Brökel, selbst adoptiert, gern gelesen hätte. Es war jedoch auf Tschechisch. Spät nun hat sie ihn doch noch kennengelernt. Hier schließt sich der Kreis.

Sandra Brökel
Das hungrige Krokodil
Pendragon Verlag, Bielefeld 2018
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Vor 50 Jahren starb der Prager Frühling, 5.0 out of 5 based on 1 rating