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Feuilletonscout-Rezension

„Tod in Neapel“. Eine feine Sonderausstellung zum Tode Heinrich Schliemanns vor 125 Jahren

„Tod in Neapel“, Illustration von Frank Nikol © Frank Nikol

Exzentrisch war er, und sicherlich auch außergewöhnlich intelligent. Als Heinrich Schliemann 1846 mit 24 Jahren in St. Petersburg seine eigene Firma eröffnete, dauerte es kaum zehn Jahre, in denen ihn der Handel mit Kolonialwaren, Genussmitteln, Industrie- und Munitionsrohstoffen während des Krimkriegs sowie geschickte Investitionen in amerikanische Eisenbahnprojekte zum Millionär machten.

Sein Wohlstand garantierte ihm fortan eine gewisse Unabhängigkeit. Ab 1864 widmete er sich schließlich nur noch seiner Leidenschaft, der archäologischen Forschung und der Suche nach der Stadt Troja aus Homers „Ilias“. Sogar sein Privatleben krempelte er um: Von seiner russischen Frau längst geschieden und von den gemeinsamen Kindern getrennt, ließ er per Anzeige nach einer dunkelhaarigen Griechin suchen, die Interesse an seinen Forschungen hat. Er fand sie in der erst 17-jährigen Sophia Engastroménos. Die Kinder dieser Verbindung mussten einiges aushalten, gab der autodidaktische Forscher ihnen doch konsequenterweise die Namen Antigone und Agamemnon.

Unzählige Kostbarkeiten

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Mykenische Keramik, Spätbronzezeit, 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr., Troja (VI–VII), Çanakkale, Türkei © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin / Claudia Plamp

Trotz aller Exzentrik – viele der Kostbarkeiten, die wir heute im Neuen Museum sehen, haben wir diesem Besessenen zu verdanken, der als um Professionalität bemühter Laie seit 1870 Schatz um Schatz hob. Sorgfältig protokollierte er jeden Arbeitsschritt und machte später auch Fotos. Es war Rudolf Virchow, der ihn überzeugte, den Nachlass seinem Geburtsland zu überlassen. Aus heutiger Sicht ein denkbar schlechter Ratschlag: Viele der antiken Stücke wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Von dem, was übrigblieb, ging ein großer Teil als Beutekunst nach Russland, wo es bis heute liegt.

Im Museum findet man die Reste dieser so genannten Trojanischen Sammlung noch in zwei Sälen. Beeindruckende Zeugnisse einer vergangenen Kultur wie Schmuck und Gefäße, die damals als Souvenir verkauft wurden.

Der Rote Saal

Historische Vitrine mit Schliemannschen Ausgrabungsfunden aus Mykene, Orchomenos und von weiteren Fundorten in Griechenland und in der Türkei, Bronze- bis Eisenzeit, 3. – 1. Jt. v. Chr., Sonderausstellung „Tod in Neapel“ im Neuen Museum © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin / Claudia Klein

Historische Vitrine mit Schliemannschen Ausgrabungsfunden aus Mykene, Orchomenos und von
weiteren Fundorten in Griechenland und in der Türkei, Bronze- bis Eisenzeit, 3. – 1. Jt. v. Chr.,
Sonderausstellung „Tod in Neapel“ im Neuen Museum © Museum für Vor- und Frühgeschichte,
Staatliche Museen zu Berlin / Claudia Klein

Anlässlich des 125. Todestages des Forschers zeigt das Haus nun in Ergänzung zu der Dauerausstellung wertvolle Ausgrabungsstücke aus Troja, Mykene und Orchomenos. Aber das Schönste dieser Ehrung ist der Ort: Der Rote Saal. Ein Raum, ganz oben im Gebäude, mit dunkel-rostrot gestrichenen Wänden und dunkelbraunem Holzfußboden. Unwillkürlich verlangsamt man den Schritt, um die besondere Atmosphäre dieses Raumes aufzunehmen. Es ist das Ambiente des Jahres 1880, das einen hier empfängt: Heinrich Schliemann selbst hatte sich die Art der Präsentation seiner Fundstücke ausgedacht, und der Besucher kann das Ergebnis in historischen Vitrinen der Zeit bewundern. Sind auch die Ausstellungsstücke rare Kostbarkeiten, das i-Tüpfelchen der Schau ist der Rote Saal.

Vieles spricht dafür, dass Heinrich Schliemann in der Nähe des Dorfes Hissarlik südlich der Dardanellen den Ort gefunden hat, den Homer einst beschrieb. Seine Entdeckungen und seine schillernde Persönlichkeit brachten Heinrich Schliemann schon zu Lebzeiten Neid und Kritik. Er selbst zahlte mit einem frühen Tod für seine Leidenschaft: Auf dem Weg nach Athen starb er am zweiten Weihnachtstag 1890 im Alter von 68 Jahren an einer verschleppten Ohrentzündung allein in Neapel.

Tod in Neapel – Heinrich Schliemann zum 125. Todestag
Ausstellung bis zum 30. Juni 2016

Wegen der großen Besucherresonanz wird die Ausstellung „Tod in Neapel – Heinrich Schliemann zum 125. Todestag“ im Neuen Museum bis zum 30. Oktober 2016 verlängert.

Die Sonderschau findet man im 3. Stock, im Raum 311.
Die Trojanische Sammlung befindet sich in den Sälen 103 und 104.

Museum für Vor- und Frühgeschichte im Neuen Museum
Bodestraße
10178 Berlin

Öffnungszeiten:
Montag bis Mittwoch und Freitag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 10 bis 20 Uhr

 

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