!Tipp: Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens“

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!Tipp: Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens“Rezension von Barbara Hoppe

„Wir werden dafür sorgen, dass er aus den Geschichtsbüchern verschwindet“ – und in der Tat konnte Friedrich der Große den großen Mathematiker  Leonhard Euler, der in St. Petersburg Erfolge feierte und nach dem Formeln benannt wurden, zumindest in der Berlin-Brandenburgischen Geschichte auf einen Platz in den hinteren Rängen verweisen. Und das, obwohl der Schweizer rund 25 Jahre in der preußischen Stadt lebte. Die Straße, die man in Berlin nach ihm benannte, liegt im nördlichen Wedding, versteckt und unscheinbar, umgeben von anderen Straßen unbekannten Namens. Sein Wohnhaus, das heute in der Behrenstraße in Berlin-Mitte zu finden ist, gehört auch nicht in die Liga der touristischen Hotspots. Dabei hatte der König den genialen Mathematiker 1741 nach Berlin an die Akademie der Wissenschaften gerufen und 1747 dafür eingesetzt, die Berechnungen für die Trockenlegung des sumpfigen Oderbruchs durchzuführen. Hier sollten Äcker entstehen, Roggen, Weizen und Gerste sich im Wind wiegen und die gerade entdeckte „Erdtoffel“ wachsen.

Dieses Mammutprojekt war ein Erbe Friedrich Wilhelms I., dem das Ganze zu teuer geworden war. Doch der Alte Fritz, damals erst Mitte dreißig, stemmte das Unterfangen zwischen den Schlesischen Kriegen zwei und drei, als die Staatskasse schon stark dezimiert war, mithilfe von 1600 Arbeitern, darunter viele Soldaten, dem holländischen Wasserbauer Simon Leonhard von Haerlem und eben mithilfe Leonhard Eulers, der die Berechnungen für die Begradigungen des Oderlaufs anstellte.

Dass dies nicht ohne Proteste und Widerstände der Einheimischen ablief, ist historisch verbrieft. Und neben Überschwemmungen und Sumpffieber standen die Modernisierer einer teils widerspenstigen Bevölkerung gegenüber, die nur mit Waffengewalt zu zähmen war. Aufklärer gegen Bewahrer, Fortschrittsglaube gegen die Mystik des naturgewaltigen Oderbruchs sind dann auch die umspannenden Themen dieses ausgezeichneten Romans von Norman Ohler. Zehn Jahre lang recherchierte er über den Oderbruch, seine Natur- und Tierwelt. Er sprach mit Historikern, forschte in Archiven – und schuf mit „Der Gleichung des Lebens“ ein detailgetreues Gemälde dieses einst so unzugänglichen Landstrichs, der entgegen den Weissagungen Friedrich des Großen vielleicht nicht für damalige, aber doch für heutige Verhältnisse, immer noch dünn besiedelt ist. Genaue Beschreibungen der Essgewohnheiten, der Kleidung und des Fischfangs wie –handels und das Hechtreißen in Wriezen ermöglichen ein tiefes Eintauchen in eine Zeit, die mit der Urbarmachung unwiederbringlich verloren und dennoch überraschend aktuell ist. So manches Gespräch, so manche Haltung der Brücher, so manche Ängste prägen auch Diskussionen von heute. Der Eingriff in die Natur ebenso wie die Furcht vor Fremden – Friedrich der Große warb Kolonisten aus Pommern, Sachsen, Schwaben, Franken, dem Vogtland, aus Polen, Böhmen und aus der gesamten Mark, um das Land zu besiedeln und versprach ihnen enorme Vergünstigungen – sind Themen, die immer noch oder wieder die Menschen bewegen.!Tipp: Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens“

Und auch damals gab es Aufruhr – und Tote. Der französische Ingenieur Mahistre stirbt, was historisch belegt ist. Doch Norman Ohler macht daraus nicht nur einen überraschenden, sondern auch ungeklärten und geheimnisvollen Todesfall, den Leonhard Euler klären soll. Ebenso rätselhaft der Tod des Vorarbeiters und die schweren Fieber, die Arbeiter wie Zugereiste – namentlich Simon Leonhard von Haerlem und Leonhard Euler selbst – erfassen. Langsam wie die Oderflut in diesem heißen Juli 1747 heranrollt, entspinnt Norman Ohler seine Geschichte, porträtiert Menschen wie Landschaft, macht Traditionen und Lebensweisen erfahrbar. Ihm ist ein großartiger historischer Roman gelungen, bei dem das Wort „historisch“ seiner Bedeutung mehr als gerecht wird. Eine leise Lehrstunde über die Modernisierung in bewegter Zeit.

Norman Ohler
Die Gleichung des Lebens
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017
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Coverabbildung © Kiepenheuer & Witsch

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!Tipp: Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens“, 4.1 out of 5 based on 7 ratings

5 Gedanken zu „!Tipp: Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens““

  1. Marga van Tankeren

    Ein sehr schlecht recherchiertes Buch. Viele historische Fehler, es fängt schon damit an, dass das Oderbruch kein Urstromtal ist, dass Bach das „Musikalische Opfer“ Friedrich II. im Potsdamer Stadtschloss vorgespielt hat und nicht in Sanssouci, dass den heutigen Archivzugang Detlef Mallwitz und nicht Malchow gewährt hat und
    wenn die Rezensentin nicht mal beachtet, dass das Oderbruch sächlich ist setzt das dem die Krone auf. ne, kein gutes Buch.

    1. Liebe Frau van Tankeren,

      danke für Ihr Feedback.

      Ob es sich bei den von Ihnen angesprochenen Punkten um historische Fehler, Ungenauigkeiten, Dichtung oder Zugang zu verschiedenen historischen Quellen handelt, vermag ich hier nicht zu beurteilen und möchte ich nicht kommentieren.

      Da Sie mich aber direkt bezüglich des vermeintlichen Neutrums „Oderbruch“ ansprechen, möchte ich Sie auf den Duden verweisen, der sehr deutlich sagt:

      Oder­bruch, das oder der
      Substantiv, Neutrum, oder Substantiv, maskulin

      https://www.duden.de/rechtschreibung/Oderbruch

    2. hallo Frau van Tankeren, wenn Norman Ohler das Oderbruch als Urstromtal bezeichnet, liegt er sicher grundsätzlich richtig, denn das Oderbruch ist Teil des Thorn-Eberswalder Urstromtals, das eine größere Ausdehnung hat. Also macht Herr Ohler hier keinen „historischen Fehler“. Wenn sie einen historisierenden, höchst interessanten und lesenswerten Roman als „kein gutes Buch“ bezeichnen, dann stehen sie recht einsam da in ihrer Einschätzung. Und genau die „Schlechte Recherche“ , die sie Herrn Ohler vorwerfen, wird ihnen in ihrer Kritik zum Stolperstein.

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