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Ein Moment mit ... Bestseller-Autor Norman OhlerMit „Die Quotenmaschine“ veröffentlichte Norman Ohler 1995 den ersten Hypertext-Roman, der im Internet erschien. Sein Sachbuch „Der totale Rausch: Drogen im Dritten Reich“ eroberte 2015 die Bestsellerlisten und ist mittlerweile in mehr als 25 Sprachen übersetzt. In diesem Jahr erschien sein großartiger historischer Roman „Die Gleichung des Lebens“ (Rezension hier)  über die Trockenlegung des Oderbruchs durch Friedrich den Großen.

Barbara Hoppe traf den Autor auf der Frankfurter Buchmesse und sprach mit ihm über die historischen Hintergründe des Romans und darüber, wo Dichtung anfängt und Wahrheit aufhört.

Feuilletonscout: Wie haben Sie recherchiert? Liegen nicht viele Unterlagen in St. Petersburg? Sind Sie dorthin gefahren?
Norman Ohler: Nein, leider war ich nicht in St. Petersburg. Aber es gibt sehr viel Material im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, wie alte Planungsunterlagen und Briefwechsel, z.B. auch der erste Brief vom Staatsminister Marschall an Friedrich bezüglich des Oderbruchs.

Feuilletonscout: Wie sind Sie überhaupt zu dem Thema „Trockenlegung des Oderbruchs durch Friedrich den Großen“ gekommen“?
Norman Ohler: Durch zwei Dinge. Zum einen durch das Sachbuch „The Conquest of Nature: Water, Landscape, and the Making of Modern Germany“ von David Blackbourn, einem britischen Historiker, der verschiedene Wasserprojekte untersucht hat, wie z.B. auch die Begradigung des Rheins. Und ein Kapitel beschäftigt sich auch mit dem Oderbruch. Darin hat er das gesamte Bauvorhaben wissenschaftlich aufgearbeitet, was hochgradig interessant ist. Ich las das Buch, als ich mit meinem Holzkajütboot gerade im Oderbruch war und das war dann auch der zweite Grund, denn ich erfuhr, dass Euler tatsächlich auch mit einem Boot dort unterwegs gewesen ist. Das war vor zehn Jahren. Ich habe dann noch ein bis zwei Jahre daran gearbeitet, es aber zunächst für „Der totale Rausch“ wieder weggelegt und erst jetzt wieder aufgegriffen.

Norman Ohler, Autor, Oderbruch, Brandenburg

Norman Ohler / Foto © Urban Zintel

Feuilletonscout: Sie haben das Sachbuch geschrieben, dann den historischen Roman. Was hat Ihnen mehr Spaß gemacht?
Norman Ohler: Ich habe zwei Kinder und meine Tochter hat mich neulich gefragt, was mein Lieblingskind sei und natürlich liebt man beide Kinder gleich stark. Und so geht es mir auch bei den Büchern. Beide, so unterschiedlich sie sind, habe mir gleich viel Spaß gemacht. Wenn man erst einmal weiß, wie man das Buch schreiben kann, fängt man Feuer und kommt in einen Flow. Bei „Der Gleichung des Lebens“ wusste ich lange nicht, wie ich den Stoff verarbeiten soll. Der Gedanke, die Geschichte mit einem Kriminalfall zu verknüpfen, kam mir erst im letzten Jahr. Dadurch, dass Euler den Mord aufklären muss, gewann das Thema an Fahrt und das war für mich der Schlüssel zum Schreiben. Beim „Totalen Rausch“ war der Schlüssel die Entscheidung, aus dem Stoff ein Sachbuch zu machen und keinen Roman, wie ich es anfangs wollte. Es gilt immer, den Code zu knacken, um anfangen zu können.

Feuilletonscout: Zurück zum Roman. Wo fängt bei Ihnen dichterische Freiheit an?
Norman Ohler: Die fängt bei dem Kriminalfall an. Zwar ist der französische Ingenieur Mahistre tatsächlich gestorben, aber ich habe nichts über das „Wie“  gefunden. Ob es ein natürlicher Tod war oder nicht, sodass die gesamte Kriminalgeschichte frei erfunden ist. Oder vielleicht auch nicht und sie hat sich genauso zugetragen, wer weiß. An dieser Stelle fängt die Fantasie an. Auch die Entwicklung Eulers ist Fiktion, vor allem die Tatsache, dass er im Bruch erkennt, dass es besser wäre, die Natur zu erhalten. Historisch gibt es von ihm keine Aufzeichnungen darüber. Er geriet zwar in Streit mit Friedrich dem Großen, aber es ist nicht überliefert, ob dies mit dem Oderbruch zu tun hatte. Anders ist es mit einigen Äußerungen, die ich den Personen in den Mund lege. Die gab es manchmal, häufig jedoch in anderen Kontexten. Das ist eine Freiheit, die man sich in Romanen nehmen kann. Ein Sachbuch über das Thema wäre sehr viel langweiliger geworden.

Feuilletonscout: Die Brücher sind ja wahrscheinlich auch Fiktion?
Norman Ohler: Ja, die Personen sind fiktiv, obwohl es sehr viel Material über die Menschen dort und ihre Bräuche gibt.

Feuilletonscout: Sie beschreiben sehr genau die Kleidung der Brücher und auch das Essen. Würde es uns heute noch schmecken?
Norman Ohler: Ich habe die Brücher ja immer sehr positiv beschrieben und auch gezeigt, dass sie ihr Essen mögen. Man kann sich schon vorstellen, dass es gut geschmeckt hat. Es war sehr regional, mit slawischem Einschlag und viel Fisch. Obwohl sich die von mir beschriebenen Festessen sicher von der täglichen Küche unterschieden haben.

Feuilletonscout: Wie haben Sie Unterlagen zu den Bräuchen und Essgewohnheiten gefunden?
Norman Ohler: Der Bruder meines Verlegers wohnt noch im Oderbruch und hat ein Privatarchiv, in dem er sehr viel gesammelt hat. Dort kann man gut nachlesen, wie viele Fische wo gefangen wurden, was man aß oder welche Tänze man tanzte. Es gibt auch einen Doppelband „Chronik der Stadt Oderberg“, in der sehr viel drinsteht, sogar, welche Art von Knöpfen man verwendete.

Feuilletonscout: Hatten Sie beim Schreiben der Dialoge auch unsere heutige Zeit im Blick? Vieles, was in dem Buch passiert, ist heute ja immer noch oder wieder aktuell.
Norman Ohler: Es ist schwierig, sich vorzustellen, wie beispielsweise ein Leonard Euler wirklich gespochen hat. Es gab nie irgendwelche Aufzeichnungen mündlicher Rede. Daher wissen wir nicht, ob die Menschen sehr gestelzt oder ganz normal gesprochen haben. Es kommt wahrscheinlich auch auf die Situation an. Der König spricht natürlich viel gestelzter, auf Französisch. Und dann manchmal sicher auch ganz derb auf Deutsch. Dies genau zu treffen, ist schwierig.

!Tipp: Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens“Feuilletonscout: Haben Sie aktuelle Themen wie die Flüchtlingsdebatte oder Klimaveränderung beeinflusst? Themen, die in Ihrem Roman ja eine große Rolle spielen?
Norman Ohler: Mich haben vor allem die Salzstädte-Romane von Abd ar-Rahman Munif, einem syrischen Schriftsteller, beeinflusst, der beschreibt, wie sich Saudi-Arabien verändert hat, als die Amerikaner in den Zehner und Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts dorthin kamen, um nach Öl zu suchen. Damals hatten die Stammesleute ganz ähnliche Diskussionen darüber, ob die alte Welt untergeht, wenn man das Neue kommen lässt. Angela Merkels Flüchtlingspolitik kam dann noch hinzu und ließ sich gut in Friedrichs Flüchtlingspolitik spiegeln.

Vielen Dank, Norman Ohler!

Norman Ohler
Die Gleichung des Lebens
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017
„Die Gleichung des Lebens“ bei amazon

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