Statt Kino: Meditation über Erinnerung und Verlust – Requiem um das Ende der ersten Menschheit mit Hoffnung auf die 17 anderen Menschheiten

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Großflächige, an der Neuen Einfachheit orientierte Filmmusik, die sich an grobkörnig schwarz-weiß in Szene gesetzten bewegten Bildern der brutalistischen „Spomeniks“ (slowenische, serbische und kroatische Bezeichnung für Monument) reibt. Die 1991 und damit längst von der politischen Geschichte verdrängte Utopie des jugoslawischen Staates war Anlass für Hunderte von Marschall Josip Broz Tito von 1960 bis 1980 in Auftrag gegebene Kriegsdenkmäler, kühnen Betonmonstern für die Toten in abgelegenen Bergen, denen die Komponisten Jóhannsson und Glotman mit ihrer Musik zum Film „Last an First Men“ selbst ein vorläufig endzeitliches Denkmal setzten. Manche betrachten die “Spomeniks” nostalgisch als Erinnerungen an bessere Zeiten, während sie für andere schmerzhafte Mahnmale einer blutrünstigen Vergangenheit sind. 

Der für seine elegischen Konzeptalben mit reduziertem Orchestersound, sanft trippelnder Elektronik und wie körperlos wirkenden Stimmen bekannt und berühmt gewordene isländische Musiker Jóhann Jóhannsson hatte seine Idee in einem Kunstbuch des niederländischen Fotografen Jan Kampenaers mit dem Titel „Spomeniks“ gefunden. Tito begründete einen künstlichen Staat als utopisches Experiment, slawische Nationen mit unterschiedlichen Religionen unter einem Dach vereinend. Daher konnten auch keine religiösen Konnotationen in den riesigen urzeitlichen Betonblumen, stahlverkleideten Wellen oder gigantisch geflügelten Augen einfließen, dafür sind jetzt so alte und futuristisch zugleich scheinende Ornamente der Mayas und Sumerer in den entlegensten zerklüfteten Landschaften Bosniens und Montenegros zu bestaunen. .

Die vorliegende Edition der Deutschen Grammophon eint den Soundtrack zum Film „Last and first Man“ auf  hochwertigem Vinyl (2 LPs) mit einer Blu-ray Disc, auf der der kontemplative, meditativ ruhige Film zu sehen ist. Gemeinsam mit dem norwegischen Filmemacher Sturla Brandth Grøvlen verbrachte Jóhannsson einen Monat auf dem Balkan, um die dramatischen Monumente auf einen 16mm schwarz-weiß Film zu bannen. Die grauen, auf Berg und Tal hingetupften skulpturalen Ufos wurden an jenen Stellen errichtet, an denen in Kämpfen oder in Konzentrationslagern Partisanen ihr Leben verloren hatten. Damals als einende Elemente für die Massen und als Gedankenfutter zum Zweiten Weltkrieg für Schulklassen und patriotische Junge Pioniere gedacht.

Im Film scheint die Kamera die rauen verwitterten Betonoberflächen liebevoll in langsamen Takes zu streicheln. Die Aufnahmen wurden im Naturlicht in der Morgen- oder Abenddämmerung immer gegen das Licht gemacht. Beton, Sonne, Wolken, Wälder nach bester Science Fiction Art, die von der Ästhetik her an Stanley Kubricks „2001 A Space Odyssee“ und André Tarkovskys „Solaris“ erinnert. Eine formalistisch strenge Zeitreise, um der sonderbaren asymmetrischen Schönheit der Objekte gerecht zu werden. Kunst und Natur, Beton und Himmel schienen in diesem kommunistischen Steinkreis eine unzertrennliche Einheit einzugehen. Die Kamera zieht ihre elliptischen Bahnen, die Flechten auf der Oberfläche des Betons abtastend, in Zeitlupe von nah zu fern. Die letzten Menschen erinnern sich in diesen Kathedralen des Untergangs. 

Als philosophisches Modell für das Projekt diente Olaf Stapledons 1930 erschienenes Kult-Buch „Last and First Men, A Story of the Near and Far Future”, eine poetische Meditation über unser Sonnensystem aus einem zwei Milliarden Jahre bestehenden Zeitraum, in der die Menschheit als Ganzes sich über 18 verschiedene Entwicklungsstufen immer weiter entwickelt. Dabei stellt der Mensch unserer Zeit die erste Entwicklungsstufe dar – die ersten Menschen. Wir sind also ganz unten, was für ein Trost! Der Roman ist aus der Sicht eines der letzten Menschen (18. Stufe) geschrieben, der diese ersten Menschen wie Insekten beäugt. Natürlich ist das Science Fiction, jedoch ist der skizzierte China-Amerika-Konflikt als letzter der ersten Menschheit bedrückend nah an der heutigen Realität. 

Im Film leiht die Schauspielerin Tilda Swinton ihre Stimme der lyrischen Mystik und akademischen Distanz des Textes, der wie eine weitere Schicht dieses Gesamtkunstwerks melodramatisch von der Musik umspült wird. Musik als Arche Noah für Wort und Bild. Jóhansson gefiel besonders, dass Swinton in der in den Scottish Highlands entstandenen Aufnahme des Romans mit einer „abschiednehmenden Trauer spricht, so als ob ihre Stimme selbst sterben würde, als sie der Erde allerletztes Dokument der Erinnerung rezitiert.“ 

Die Aufnahmen des aus 20 betitelten Nummern bestehenden Soundtracks entstanden in Berlin und BudapestDer harmonisch und farblich sich ständig ändernde Sphärenklang setzt sich aus Streichern, Saxophon, Viola da Gamba, Französischhorn, Kornett, Schlagzeug, elektronischem Sound, Ondes Martenot und Vokalisen zusammen. Die Orchesterpartitur ist über sieben Jahre hinweg entstanden. Zum Zeitpunkt von Jóhannssons überraschendem Tod 2018 in Berlin hatte er “Last and First Men” noch nicht vollendet. Der ebenfalls in Berlin lebende Komponist und Tonkünstler Yair Elazar Glotman stellte sie fertig. Für die Aufnahmen standen Kaliber wie Hildur Guðnadóttir (Gesang, Cello, Schlagzeug), das “Theatre of Voices”, Robert Aiki, Aubrey Lowe und als Dirigent Viktor Orri Arnason zur Verfügung.  

Diese “Minimal Music” hebt sich von anderen Filmmusiken des Genres (Max Richter) durch eine kunstvolle Komplexität, subtilere Stimmungen und eine spezifische Modernität ab, die ihren Lebenssaft u.a. aus Renaissancemadrigalen, den epischeren Stellen im Ring von Richard Wagner, klangmagischen Experimenten von Arvo Pärt, orientalischen Melismen oder Berliner Klubmusik braut. Jede/r kann sich ganz in diese Musik gleiten lassen. Sie besteht auch unabhängig vom Film, wie mein Experiment des nur Hörens, Film Ansehens und nochmals Hörens gezeigt hat. 

Fazit: Ein 70 Minuten langer Film voll düsterer Melancholie und wundersamer Poesie. Musik von packend fragiler Schönheit. Kunst außer jeder Zeit, in ewigen Klang und sagenhafte Worte gehüllt. Wegen der kreativen Kraft und der Macht der Bilder wird das Video sicher eines Tages in Museen landen. Bis dahin können wir es dank dieser Edition zu Hause anschauen und bewundern. 

„LAST AND FIRST MEN“ von Jóhann Jóhannson & Yair Elazar Glotman
VINYL/LP – Blu-ray
Deutsche Grammophon 2020
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