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Rezension von Kirsten Niemann.

Josie ist am Ende. Die Zahnärztin hat bei einer Patientin eine Krebserkrankung übersehen und nun eine Klage am Hals. In den USA kann so ein Schadensersatzprozess teuer werden. Josie verliert ihre Zahnarztpraxis. Aber auch andere Dinge geraten aus dem Ruder: Ihr nichtsnutziger Ex-Mann hat inzwischen eine neue Frau kennengelernt, eine Jüngere, und droht nun Anspruch auf die beiden Kinder zu erheben. Das reicht aus, um die 40-jährige Mutter alles hinschmeißen und die Flucht nach vorne antreten zu lassen. Mit einem schmalen Budget von 3000 Dollar – das ist alles, was ihr nach dem Fiasko geblieben ist – macht sie sich mit den Kindern auf nach Alaska. Denn Alaska ist der Ort, der am weitesten von zu Hause entfernt ist, den man ohne Pass bereisen kann. Außerdem gibt es dort jemanden, bei dem sie hofft, unterzukommen. So begleitet der Leser das Trio Infernale auf seiner Reise durch den nördlichsten Bundesstaat der USA. In vielen Rückblenden werden die Einzelheiten darüber erzählt, wie Josie in ihre missliche Lage gekommen ist.

In einem altersschwachen Wohnmobil der Marke „Chateau“ juckeln Mutter und Kinder also durch die Wildnis, auf der Suche nach einem besseren Leben, das sich aber nicht wirklich einstellen will. Denn auch da oben im Norden gibt es Regeln, die ihr das Leben schwer machen. Als sie ihr Gefährt über Nacht an der Straße parken möchte, taucht gleich ein Polizist auf, der sie weiter zu einem Campingplatz schickt. Aber der kostet Geld, genau wie die Pizzas und Sandwiches, die sie den Kindern kauft und der Rotwein, den sie sich immer wieder genehmigt, um die Nerven zu beruhigen. „Das war Alaska. Es sah aus wie ein kaltes Kentucky, aber seine Preise waren Tokio, 1988.“ So sieht der Leser förmlich ihre Reserven schwinden und er ahnt: Das wird böse enden.

Schöne Strände erweisen sich bei näherer Betrachtung als Müllhalden, Waldbrände verwüsten die Landschaft, Urlauber aus Norwegen und die unvermeidlichen Laubbläser gehen auf die Nerven. Die Zivilisation macht auch in Alaska nicht Halt. Die Wildnis spielt lediglich als Sehnsuchtsort eine Rolle. Hinein kommt man nicht. Stattdessen bewegen sich die Menschen in Trailerparks, an verschmutzten Stränden und den üblichen Versorgungsstationen. Auch der Kneipenabend mit Josies Schwester im Geiste, der eigentlich lustig werden sollte, endet in einem Fiasko.

Josie wird nicht wirklich als sympathischer Charakter beschrieben. Sie agiert ein bisschen irre und lässt es an Verantwortung den Kindern gegenüber vermissen. Oft gibt es Limo, Pizza und Chips zu essen. Ihr achtjähriger Sohn Paul, ein engelsgleicher Charakter mit eisblauen Augen, scheint weitsichtiger als sie. „Wann gehen wir endlich zur Schule?“, fragt schließlich sogar die kleine Tochter Ana, die von ähnlich selbstzerstörerischen Kräften getrieben scheint wie ihre Mutter. Überhaupt sind die Szenen, in denen es um Josie und ihre Kinder geht die schönsten.

Fazit: Eine von Abstiegsängsten gebeutelte Mittelschicht, Digitalisierung, Zivilisationskritik – der Roman handelt eine ganze Menge Themen ab. Gelegentlich fragt man sich, ob der Autor nicht etwas zu viel auf der Agenda hatte. Dennoch hat Eggers alles in allem ein unterhaltsames, teilweise sogar witziges Buch geschrieben.

Dave Eggers
Bis an die Grenze
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017
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Coverabbildung © Kiepenheuer & Witsch

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