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Eine Ausstellungsbesprechung von Stephan Reimertz

Otto Freundlich, der kosmische Kommunist. Eine Werkschau im Museum Ludwig, KölnWir sollten Otto Freundlich (1878-1943) nicht nur als Opfer der Nazis sehen, sondern vor allem als Pionier der modernen Kunst. Das beweist die gelungene Werkschau im Kölner Ludwig-Museum.

Manchem Besucher des Ludwig-Museums in Köln (Eigenbenennung: Museum Ludwig) mag trotz der bedeutenden Werke der künstlerischen Moderne, die sich darin befinden, das Museum selbst als das größte Kunstwerk erscheinen. Direkt am Rhein neben Dom und Hauptbahnhof in Sichtweite von Himmelfahrts- und Andreaskirche gelegen, eröffnen Panoramafenster des Museums überraschende Blicke mitten in die Stadt Köln. Die römische Gründung mit ihrer bedeutenden mittelalterlichen Geschichte erscheint wie die phantastische Rumpelkammer einer auch schon nicht mehr ganz zeitgenössischen Moderne. Natürlich hat die heutige Stadt Köln, wie alle deutschen Großstädte, mit dem historischen Ort dieses Namens eben nur noch den Namen gemein. Dennoch findet die bekannte lässig-bürgerliche Art, der Humor der Bewohner auch bei heutigen Kölnern eine Fortsetzung. Gelungen ist die Selbstironie der Leute, und so erscheint manchem Besucher Köln als die angenehmste der deutschen Großstädte; zumal sie sich niemals in der unironisch-pathetischen Weise selbst thematisieren würde wie Hamburg, Berlin oder München. Unumstritten ist die Bedeutung Kölns als Kunststadt. Ihre Lage am Schnittpunkt der Handelswege von Italien, Flamen und Flandern führte im Mittelalter zur Begründung einer Tradition des Kunstsammelns, die bis heute anhält.

Otto Freundlich, der kosmische Kommunist. Eine Werkschau im Museum Ludwig, Köln

Otto Freundlich
Sphärischer Körper, 1925
65 x 50 cm
Pastell auf Papier
Privatsammlung
Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln

Kunst als sozialer Abstraktionsprozess

Tagsüber sind es meist Rentner, die den Weg ins Ludwig-Museum finden, und das Museum tut einiges, um diese erfahrene und kunstsinnige Besucherschicht zu binden. Neben gedrucktem Begleitmaterial stehen Audioführer zur Verfügung; zudem finden Führungen durch ausgezeichnete Kunsthistoriker statt. Der beste Unterricht freilich besteht in den Ausstellungen selbst. Das Ludwig-Museum ist von überschaubarer Größe und stellt keineswegs eine Überforderung des Besuchers dar, der beispielsweise im Laufe eine Nachmittags die Klassiker der modernen Kunst, wie Max Beckmann, Pablo Picasso, Marc Chagall usw. ebenso in Augenschein nehmen kann wie die Moderne nach 1945, und der seinen Besuch schließlich mit einer zeitgenössischen Ausstellung abschließt.

Derzeit zeigt Gerhard Richter seine überraschenden neuen Bilder; (der Feuilletonscout berichtete darüber). Während Richter im 1. Stock ausgestellt wird, hat man das Untergeschoss für Otto Freundlich reserviert, dem noch bis zum 14. Mai die Retrospektive Kosmischer Kommunismus gewidmet ist. Freundlich kann als einer der interessantesten Abstrakten betrachtet werden. Als Maler, Zeichner, Bildhauer, Schöpfer von Fenstern und Mosaiken, aber auch als Schriftsteller und Kunsttheoretiker versuchte er nicht nur eine ästhetisch überzeugende Version abstrakter Kunst zu schaffen, sondern auch ihre gesellschaftliche Relevanz und Bedeutung zu begründen. Die Abstraktion war für Freundlich Abstraktion von etwas, d. h. Abbildung und Zusammenfassung gesellschaftlicher Prozesse, die sich nicht anders abbilden und zusammenfassen ließen.

Diaphanie als Prinzip

Otto Freundlich hätte selbst wohl nicht von »Diaphanie« gesprochen, allein die Farbflächen seiner Gemälde haben nicht minder etwas Durchscheinendes als seine Entwürfe für farbige Glasfenster. Es sind Bedeutungsinhalte, die durchleuchten, die zusammengefasst und symbolisiert werden. Daher ist die Bedeutung Freundlichs für die moderne Kunst gar nicht zu unterschätzen. Wie jene Piet Mondrians symbolisieren seine Bilder Prozesse und Erscheinungen der modernen Gesellschaft, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts schon absehbar, aber noch nicht durchgesetzt waren. Otto Freundlichs Bedeutung in der Kunst- und Geistesgeschichte sollte also nicht von seiner historischen Rolle als Opfer des Nationalsozialismus überschattet werden.

Otto Freundlich, Großer Kopf („Der neue Mensch“)
Titelbild des Ausstellungsführers Entartete Kunst, 1937

Die Nazis machten ihn gleich doppelt zum Opfer: Eine Skulptur von ihm diente geradezu als Symbol dessen, was die Nazis als »Entartete Kunst« betrachteten und wurde auf der Broschüre der Schmähausstellung abgebildet. Wie man kürzlich herausfand, haben die Nazis den archaischen Kopf sogar gefälscht, um das, was sie als »entartet« empfanden, stärker herauszuarbeiten. Was beweist, dass die Nazis »Entartete Kunst« selbst immer noch am besten konnten. Otto Freundlich wurde im KZ umgebracht.

Es ist das Verdienst dieser kunsthistorischen Retrospektive, die verschiedenen Aspekte dieses faszinierenden und vielseitigen

Otto Freundlich
Großer Kopf, 1912
Gips
Verschollen
Foto: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

künstlerischen Werks zu zeigen. Dabei fällt auf, dass Freundlich als Bildhauer weitaus gegenständlicher bleibt denn als Maler. Seine Skulpturen sind archaisch-phantastische Gestalten, die der Urzeit oder der Welt des Homunculus entsprungen zu sein scheinen und schlagen damit einen überraschenden Bogen von seiner abstrakten Zukunftswelt zurück in die Urwelt der Geschöpfe. Seine Gemälde hingegen suchen Farbflächen zu organisieren, als wollten sie ein sinnvolles Bild einer kommenden Gesellschaft andeuten, in Freundlichs Worten: »Kosmischer Kommunismus«. Doch nicht die Ideen, die hinter einem künstlerischen Werk stehen, entscheiden über sein Gelingen, sondern die ästhetische Gestalt. Otto Freundlichs Werk ist vielgestalte Erscheinungsform eines Ringens um die Moderne, das uns noch heute betrifft. Die Retrospektive im Kölner Ludwig-Museum ist eine, die den Betrachter hineinzieht. Freundlichs Bilder spiegeln unsere eigene metaphysische Befindlichkeit inmitten der modernen Massengesellschaft.

Otto Freundlich. Kosmischer Kommunismaus
Ausstellung noch bis zum 14. Mai 2017

Museum Ludwig
Heinrich-Böll-Platz
50667 Köln

Öffnungszeiten:
täglich 10 bis 18 Uhr
jeden ersten Donnerstag im Monat: 10 – 22 Uhr
montags geschlossen

12 Euro/8 Euro

 

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