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Ein Moment mit ... Anneleen Lenaerts, Solo-Harfenistin bei den Wiener Philharmonikern

© Marco Borggreve

Sie war 22 Jahre alt, als sie 2010 Solo-Harfenistin bei den Wiener Philharmonikern wurde. Anneleen Lenaerts liebt die Musik, wollte nie etwas anderes machen. Gerade erschien ihr jüngstes, wunderbares, Solo-Album „Harp Concertos“ mit Werken von Joseph Jongen, Joaquín Rodrigo und Rheinhold Glière. Begleitet wird sie dabei von den Brussels Philharmonic.

Feuilletonscout: Wie alt waren Sie, als Sie Ihre Liebe zur Harfe entdeckten? Und warum die Harfe?
Anneleen Lanaerts: Das ist eine ganz lustige Geschichte. Ich hatte mit dem Klavierspielen angefangen, als ich neun Jahre alt war. Und dann wollte ich eigentlich ein Blasinstrument lernen. Die Harfe kannte ich gar nicht. Mein Lehrer, der auch der Dirigent unseres Stadtorchesters war, wollte allerdings sehr gern eine Harfe im Ensemble haben und hat sie mir als Instrument vorgeschlagen. Die Harfe kam also eher zufällig und es war nie so, dass ich sie schon immer spielen wollte. Ich kann mich erinnern, dass ich anfangs ziemlich dagegen war, weil ich wusste, dass man davon ziemliche Hornhaut auf den Fingern bekommt. Das war für ein junges Mädchen nicht wirklich attraktiv. Aber jetzt bin ich sehr glücklich, dass er mich zur Harfe gebracht hat. Ursprünglich wollte ich nur Musik machen. Mit welchem Instrument, war zweitrangig.

Feuilletonscout: Haben Sie jetzt Hornhaut auf den Fingern?
Annaleen Lenaerts: Ja, leider. Aber die Saiten einer Harfe haben sehr viel Spannung, und es ist deswegen notwendig, Hornhaut zu haben, für den Klang und um zu verhindern, dass man Blasen bekommt.

Feuilletonscout: Wie kamen Sie zur klassischen Musik?
Anneleen Lenaerts: Ich habe zwei ältere Geschwister, die bereits mit Klavier angefangen hatten. Und meine Eltern haben uns immer unterstützt, Musik zu machen. Wir konnten und durften viel ausprobieren.

Feuilletonscout: Sie haben in den Jahren von 1997 bis 2009 – also zwischen Ihrem 9. und 21. Lebensjahr – 17 hochkarätige Preise erhalten. Wie wichtig sind Ihnen Auszeichnungen?
Anneleen Lenaerts: Es ist, glaube ich, nicht immer entscheidend, Auszeichnungen zu gewinnen. Aber der Weg dorthin, die Vorbereitung sind sehr wichtig für die eigene Weiterentwicklung. Das Schöne an Auszeichnungen ist auch, dass sie fast immer mit anschließenden Konzerten oder Aufzeichnungen verbunden sind. Ich habe dadurch viele schöne Konzerte machen und meine erste Solo-CD aufnehmen können. Vor diesem Hintergrund sind Wettbewerbe gut und wichtig. Aber man darf sich nicht darauf ausruhen, sondern muss weitergehen und sich neu beweisen. Das Karriereziel ist nicht erreicht, nur weil man einen Wettbewerb gewonnen hat. Gleichzeitig ist so eine Auszeichnung auch immer eine gute Möglichkeit, von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.

Anneleen Lenaerts_Portrait komprimiert

© Marco Borggreve

Feuilletonscout: 2010 wurden Sie mit erst 22 Jahren zur Soloharfenistin der Wiener Philharmoniker ernannt. Hat Sie das damals erschreckt?
Anneleen Lenaerts: Ich glaube, ich habe es damals gar nicht richtig realisiert. Bis dahin hatte ich viele Solo-Auftritte, auch als Kammermusikerin, und ich hatte, wenn ich ehrlich bin, nie vor, in ein Orchester zu gehen. Aber die Wiener Philharmoniker sind nicht irgendein Orchester und eine solche Stelle wird nicht jeden Tag frei. Und ich hatte nichts zu verlieren. Die Bewerbung war ein ganz neues Erlebnis für mich, denn so ein Probespiel ist etwas ganz anderes als ein Wettbewerb. Ich war völlig ohne Erwartungen, und ich glaube, dies war auch mein Vorteil. Ich dachte mir: Hier kennt mich niemand, und wenn es schiefgeht, gehe ich zurück nach Belgien. Dadurch habe ich sehr frei spielen können und hatte das Glück, das alles gut gegangen ist.

Feuilletonscout: Hatten Sie sich denn aktiv auf die Stelle beworben oder hatte man Ihnen geraten, sich dort zu bewerben?
Anneleen Lenaerts: Mein Vorgänger, Xavier de Maistre, hatte das Orchester verlassen, weil er seine Solokarriere verfolgen wollte. Er hatte mir davon erzählt und mich gefragt, ob mich die Stelle nicht interessieren würde. Ohne ihn hätte ich von dem Probespiel sicher nie erfahren. Aber trotzdem muss man sich ganz normal bewerben und dann auch zum Vorspiel eingeladen werden.

Feuilletonscout: Wie hatte denn das Ensemble reagiert? Wenn ich mich recht entsinne, spielen dort überwiegend Männer.
Anneleen Lenaerts: Bei den Wiener Philharmonikern sind erst seit 1997 Frauen zugelassen. So viele gibt es dort also noch nicht. Aber da das gesamte Probespiel hinter einem Vorhang stattfindet, das Orchester also nicht sieht, wer spielt, war ich nur die Nummer neun, die sich präsentiert. Wenn man dann genommen wurde, kommt noch das Probejahr, in dem man zeigen muss, was man musikalisch kann und sich herausstellt, ob man auch menschlich mit den anderen Mitgliedern des Ensembles harmoniert.

Feuilletonscout: Hatten Sie je Angst, eigenen oder fremden Ansprüchen nicht genügen zu können?
Anneleen Lenaerts: Ja, natürlich. Es kommt so viel Neues auf einen zu. Die Sprache. Das Land. Ich hatte nie zuvor in Wien studiert. Es war überwältigend. In der ersten Saison habe ich 47 Opern lernen müssen, die dann ohne Probe gespielt wurden. Das Niveau ist sehr hoch und man muss sich immer wieder neu beweisen, zeigen, dass man mit dem Druck umgehen kann. Man kann immer nur das Beste geben und hoffen, dass es gut ankommt.

Feuilletonscout: Sie haben mit erst 28 Jahren schon viel erreicht. Fühlen Sie sich manchmal schon wie ein „alter Hase“?
Anneleen Lenaerts: Nicht wirklich. Die Zeit vergeht eigentlich viel zu schnell. Ich bin immer von einem zum anderen gerollt, ohne viel Zeit zu haben, darüber nachzudenken. Es gibt noch so viele Dinge, die ich gern machen möchte, Repertoires, die ich lernen möchte.

Feuilletonscout: Haben Sie Vorbilder?
Anneleen Lenaerts: In Wien komme ich täglich mit den unterschiedlichsten Menschen auf höchstem Niveau aus den verschiedensten Bereichen in Kontakt, die mich alle irgendwie beeinflussen, beeindrucken oder von denen ich lernen kann. Dafür bin ich sehr dankbar.

Feuilletonscout: Auf Ihrer aktuellen CD spielen Sie Harfenmusik aus dem 20. Jahrhundert. Was reizt Sie an zeitgenössischer bzw. moderner Harfenmusik, die in diesem Fall ausgesprochen harmonisch und melodiös ist?
Anneleen Lenaerts: Das Schöne an den Stücken auf der CD ist, dass sie alle ungefähr im selben Zeitraum entstanden, aber sehr unterschiedlich sind. Ich mag die impressionistische und romantische Periode. Ich glaube, dass mir diese Musik sehr liegt. Und ich finde es schön, wenn man die unterschiedlichen Stile aus den verschiedenen Ländern zeigen kann, so bei Glière das Russische oder bei Rodriguez das Spanische, und die Stücke trotzdem eine Einheit bilden.

Feuilletonscout: Wie nähern Sie sich einem Stück? Intuitiv oder eher technisch? Wie entscheiden Sie die Art der Interpretation?
Anneleen Lenaerts: Eine Interpretation muss wachsen und ist auch nicht jedes Mal gleich. Ganz wichtig ist sicher, dass man das Stück durch und durch kennt und verkörperlichen kann, sicher ist für eine Aufnahme. Ich muss wissen, wie das Stück aufgebaut ist, muss die Motive kennen, den Dialog mit dem Orchester. Ich muss den Überblick haben und nicht nur meinen Part kennen. Das ist sehr wichtig. All diese Informationen sind wichtig, um eine Interpretation zu bilden. Und ganz bestimmt klingt eine Aufnahme, wenn ich sie zwei Jahre später noch einmal mache, ganz anders. Musik ist nie gleich.

Anneleen Lenaerts spielt Danse sacrée et danse profane von Claude Debussy

 

Feuilletonscout: Die Pianistin Geneviève Hug, die mit Ihrer Mutter, einer Harfenistin auftritt, sagt, sie liebe die Freude und Fröhlichkeit der Musik der Klassik. Wonach wählen Sie Ihre Stücke aus? Haben Sie Lieblingsstücke oder besondere Vorlieben?
Anneleen Lenaert: Der größte Komponist für mich ist Bach. Mit ihm hat alles angefangen, und er bleibt das höchste für mich. Auch liebe ich die impressionistische Zeit. Maurice Ravel oder Debussy z.B. hat wunderbare Stücke auch für die Harfe geschrieben. Auch die Romantik ist wunderschön. Aber als klassischer Musiker darf man sich nicht zu sehr festlegen, muss offen bleiben und zeigen, dass man verschiedene Stile beherrschen kann.

Feuilletonscout: Was ist Ihr größter musikalischer Traum?
Anneleen Lenearts: Ich habe, ehrlich gesagt, nie ein wirkliches Ziel gehabt. Ich bin einfach nur unheimlich glücklich und dankbar über die vielen Chancen, die ich bis heute bekommen habe. Und es reicht mir, wenn ich dies alles einfach nur weiter entwickeln darf. Ich spiele im Orchester, trete aber auch solo auf und unterrichte. Es gibt so viele schöne Sachen, die ich machen darf, und mein Traum ist, dass es so weiter geht.

Feuilletonscout: Was und wo unterrichten Sie?
Anneleen Lenaerts: Ich unterrichte viel privat, war im letzten Jahr z.B. auch vier Wochen in den USA beim Aspen Festival. Ich gebe auch Meisterkurse. Es macht viel Spaß, obwohl ich noch sehr jung bin, meine Erfahrungen weiterzugeben.

Feuilletonscout: Was sollen die Menschen von Ihnen und/oder Ihrer Kunst in Erinnerung behalten?
Anneleen Lenaerts: Für mich ist es wichtig, dass die Menschen nach einem Konzert zu mir kommen und von der Musik berührt sind. Ich glaube, das soll bei Musik immer noch das wichtigste bleiben. Man spielt für das Publikum und man sollte die Menschen erreichen.

Feuilletonscout: Was wären Sie geworden, wenn nicht Musikerin?
Anneleen Lenaerts: Die Frage habe ich mir nie gestellt. Aber es gibt viele Dinge, die mich interessieren, vor allem in der Wissenschaft. Archäologie zum Beispiel, oder Astronomie. Aber es war immer klar, dass es Musik wird. Es ist schön, dass ich ganz frei und ohne weitere Gedanken daraus einen Beruf habe machen können!

Vielen Dank für das Gespräche, Anneleen Lenaerts!

Anneleen_Lenaerts_cover1700x1700Anneleen Lenaerts
Brussels Philharmonic unter der Leitung von Michael Tabachnik
Harp Concertos
Glière, Jongen, Rodrigo
Wea International (Warner), 2015
Klicken Sie hier, um in die CD reinzuhören

Nächstes Konzert:
24. September 2015 in Gotha
Mozart Konzert & Debussy Tänze mit den Thüringen Philharmonikern Gotha

 

 

 

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