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Egon Schiele in neuer Sicht: Ein Moment mit … Johann Thomas Ambrózy, Wiener Kunsthistoriker mit ungarischen WurzelnSelten ist es einem Kunsthistoriker vergönnt, mit der völlig neuen Sicht eines Klassikers aufzuwarten. Wer daherkäme und behauptete, in Sachen Rembrandt, Velázquez, Goya oder Picasso die Umwertung aller Werte vollzogen zu haben, würde bestenfalls Heiterkeit ernten. Und doch ist es dem in Budapest geborenen, in Wien lebenden Kunsthistoriker Johann Thomas Ambrózy gelungen, eine grundsätzliche Wende in der Sicht auf einen der bedeutendsten österreichischen Künstler der frühen Moderne, Egon Schiele (1890-1918), herbeizuführen.

Die umwälzenden Forschungen und Publikationen von Ambrózy waren in Fachkreisen seit etlichen Jahren bekannt, wurden aber von der österreichischen Presse bisher so gut wie totgeschwiegen. Das ist seit kurzem aber völlig anders. Denn nun hat sich die Wiener Albertina als größte Sammlung von Zeichnungen des jung verstorbenen Klassikers der Kunstgeschichte die Sicht von Ambrózy zu eigen gemacht und im Februar 2017 eine große Schiele-Retrospektive eröffnet, welche sich auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse Ambrózys stützt, der auch für den Großteil der Katalogessays zeichnet. Seine Forschungsergebnisse sind somit offiziell anerkannt. Die Albertina ist eines der bedeutendsten österreichischen staatlichen Kunstmuseen und zudem Hüterin des Egon-Schiele-Archivs. Anfang März vermeldete auch die Süddeutsche Zeitung in einer Besprechung der Ausstellung, dass die Deutungshoheit in Sachen Schiele derzeit in den Händen von Ambrózy liegen dürfte. Und Klaus Albrecht Schröder, Generaldirektor der Albertina und selbst Kurator der großen Schiele-Ausstellung, schreibt im Vorwort des umfangreichen Ausstellungskataloges: »Es ist der jüngsten Schiele-Forschung von Johann Thomas Ambrózy zu verdanken, dass Egon Schieles Kunst als Entwurf einer Ethik gelesen werden kann. Ambrózy konnte die Beziehung Schieles zum franziskanischen Ideal der Spiritualen darlegen … « Nicht mehr der Erotiker Schiele steht nun im Mittelpunkt, sondern der Ethiker. Zugleich wird Ambrózy größte Autorität in der Zuschreibung zuerkannt: »Johann Thomas Ambrózy bin ich zu tiefstem Dank für seine unschätzbaren ikonographischen Einsichten, aber auch für seinen stilkritischen Scharfsinn verpflichtet, der es uns erlaubt hat, so manches Blatt aus dem scheinbar ehernen Corpus des authentischen Schiele-Œuvres auszuschließen«, bekannte Schröder.

Und diese Ausstellung, die eine völlig neue Sicht auf Schiele präsentiert, hat eingeschlagen: eine Woche vor Ende der Ausstellung wurden bereits 200.000 Besucher gezählt und diese letzte Woche, bis einschließlich 18. Juni, verspricht noch einen regen Besuch.

Feuilletonscout: Worum geht es in Ihrer Neubewertung des Werkes und der Persönlichkeit von Egon Schiele?
Ambrózy: Bis zum heutigen Tag wurde Schiele als Schöpfer eines Werkes betrachtet, das seinen persönlichen psychischen Problemen, vor allem aber seinen erotischen Obsessionen gewidmet ist. Überspitzt formuliert: ein zwar ungeheuer begabter, aber doch etwas krankhafter Künstler. Das lag nicht zuletzt daran, dass es vornehmlich Sammler und Händler sowie andere selbsternannte „Schiele-Experten“ den Ton angaben und nur ein sehr kleiner Teil der ungemein umfangreichen internationalen Gesamtliteratur zu Schiele als wissenschaftlich im strengen Sinne bezeichnet werden kann. Das bis heute grundsätzlich falsche Bild von Schiele resultierte hauptsächlich aus zwei folgenschweren Fehlern aller bisherigen Befassung mit ihm: Erstens wurde nicht erkannt, dass ein nicht zu vernachlässigender Teil des vermeintlichen „Gesamtwerkes“ gar nicht aus der Hand Schieles stammt. 

Feuilletonscout: Sie meinen Fälschungen? Können Sie uns einige Beispiele nennen?
Ambrózy: Ja, Fälschungen. Das war bis jetzt ein absolutes Tabu. Der allgemein verwendete, von einer Kunsthändlerin 1990 (und 1998 in erweiterter Form) publizierte Werkkatalog galt bis jetzt unangefochten und die Autorin selbst weltweit als letzte Instanz bei der Entscheidung über die Authentifizierung neu auftauchender Werke. Meine Liste der in diesem Werkverzeichnis enthaltenen unechten Schiele-Werke ist lang. Drei prominente, 1911 datierte Beispiele, die in vielen Publikationen als wichtige Beispiele für Schieles extrem freizügige Kunst abgebildet sind und in den letzten Jahren immer wieder auch in Ausstellungen gezeigt wurden, möchte ich Ihnen nennen: „Die Traum-Beschaute“ (KD922), „Eros“ (KD948) und „Die rote Hostie“ (KD972).
Bezeichnenderweise handelt es sich allesamt um „pornographische“ Blätter. Aber nicht aus diesem Grunde, sondern vielmehr aus stilkritischen Gründen müssen sie aus dem Gesamtwerk Schieles ausgeschieden werde. Es handelt sich übrigens um sehr frühe Fälschungen, vielleicht tatsächlich aus dem Jahre 1911 und wahrscheinlich aus der Hand von Dominik Osen, eines zwielichtigen Freundes und Imitators von Schiele. Es versteht sich von selbst, dass nach Entfernung dieser und vieler anderer gleichfalls nicht echter „erotischer“ Zeichnungen das Gesamtwerk ganz anders aussieht. Unabhängig von dieser nun veränderten Einschätzung Schieles ist die Fälschungsproblematik natürlich auch ein Politikum, denn es geht um viel Geld. Jährlich wurden bis jetzt weltweit mit mutmaßlichen Schiele-Fälschungen Millionen umgesetzt. Einerseits ist nun eine der wissenschaftlichen Ethik verpflichtete stilkritische Forschung herausgefordert und andererseits aber auch die Politik, die Rahmenbedingungen für einen sichereren Kunsthandel schaffen müsste. Ich selbst bereite jetzt, nachdem ich in den letzten Jahren schon etliche Vorträge zum Thema gehalten habe, eine Grundsatzpublikation zur Problematik der Schiele-Fälschungen und zur Methodik der stilkritischen Fälschungserkennung bei Schiele vor.

Egon Schiele
Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911
Ernst Ploil, Wien

Feuilletonscout: Und was war, neben der Nicht-Erkennung von Fälschungen, der zweite gravierende Fehler in der bisherigen Beurteilung Schieles?
Ambrózy: Dieser zweite Irrtum wiegt vielleicht noch schwerer. Denn der wohl wichtigste Teil seines gesamten Oeuvres, das geheimnisvolle, sogenannte „Allegorische Werk“, wurde bis jetzt entweder völlig falsch interpretiert oder überhaupt ignoriert. In der Tat konnte erst ihre Entschlüsselung Schieles wahres Wesen als Künstler und Mensch enthüllen. In völligem Gegensatz zur bisherigen Sicht erweist er sich nun nicht nur als der bestürzend eindringliche Darsteller existenzieller Einsamkeit, sondern vielmehr weit darüber hinaus als ein Verfechter hoher Ethik und leidenschaftlicher Spiritualität.

Feuilletonscout: Können Sie uns das kurz näher erklären?
Ambrózy: So langwierig und komplex die Forschungen und vor allem die umfangreiche Beweisführung waren, das Resultat ist durchaus einfach: Schieles großes ethisches Vorbild und spiritueller Leitstern war Franz von Assisi. Er ist der Hauptheld des gesamten allegorischen Werkes, ihm und Klara von Assisi sowie ihrer beiden ergebenen Gefolgschaft und unbeirrbaren, treuen Nachfolgern, den „Spiritualen“, sind all die bisher gänzlich unverstandenen Gemälde und Arbeiten auf Papier mit den enigmatischen, von Schiele selbst stammenden Titeln gewidmet. Zugegeben, im ersten Moment klingt das, zumal nachdem ein Jahrhundert lang niemand das Geringste davon auch nur geahnt hat, wirklich unglaublich. Und ich war in der Tat auch selbst völlig verblüfft. 

Feuilletonscout: Wie Sind Sie darauf gekommen und welche Details des Werkes haben Ihnen die entscheidenden Hinweise gegeben?
Ambrózy: Ich war von Anfang an überzeugt, dass die Bilder überlegt konstruiert worden waren, einen ganz konkreten Inhalt hatten und einer bestimmten Darstellungslogik folgten. Bei den genauen Bildanalysen einiger allegorischer Werke machte ich 2009 daraufhin eine Reihe von entscheidenden Entdeckungen. Nehmen wir das Beispiel des Gemäldes „Agonie“ von 1912. Hier konnte ich feststellen, dass die linke mönchische Gestalt offenbar blind sein muss und dass seine Handhaltung dem Zeigen des Buchstabens T des zweihändigen Fingeralphabets entspricht. Dies führte zur seiner Identifizierung als Franz von Assisi. Denn dieser war gegen Ende seines Lebens infolge einer schweren Augenentzündung erblindet – und das T war sein ganz persönliches Zeichen, mit dem er seine Zellen bemalte und auch seine Briefe signierte. Nachdem ihm nun der andere Mönch im Bild sichtlich feindselig-aggressiv gegenübertritt, musste dieser wohl ein ordensinterner Widersacher des Franziskus sein. Seine Physiognomie wiederum entsprach der eines fiktiven barocken Porträts von Elias von Cortona, der tatsächlich ganz andere Ziele verfolgte als Franziskus. So konnte Schritt für Schritt die Ikonographie des Bildes entschlüsselt werden. Und nach langwieriger Suche konnte ich sogar die ganz unmittelbare literarische Vorlage für die Bildkomposition finden. Es ist dies ein kurzer Auftritt in dem Schauspiel „Franz von Assisi“ von Johannes Lepsius aus dem Jahre 1911. Vor allem die Regieanweisung für diesen Auftritt erklärt alle sonst unverständlichen, seltsamen Details des Gemäldes – womit wir es hier mit dem in der Kunstgeschichte seltenen Fall eines unumstößlichen Beweises zu tun haben. „Agonie“ zeigt also wie der sterbende Franziskus an der Pforte des Klosters Portiunkula um Einlass bittet um dort sterben zu dürfen, jedoch von Elias von Cortona schroff abgewiesen wird.
Auch die anderen Bilder dieser nun als Franziskus- und Klara-Zyklus erkannten Werkgruppe von 1912 konnten entschlüsselt werden, ebenso wie die „Eremiten“. Und in weiterer Folge jene von Schiele mit seltsamen Titel wie „Erlösung“, „Andacht“ oder „Die Wahrheit wurde enthüllt“ versehenen Arbeiten auf Papier aus dem Jahre 1913. Sie alle stellen Begebenheiten aus dem Leben von Franziskus und seiner treuen Gefährten und Nachfolger dar. Franz von Assisi entledigt sich vor dem Bischof seines letzten Hemdes und erlöst sich vom egoistischen Materialismus der Welt. „Nackt will ich nun zu meinem Herrn eilen!“ soll er dabei gerufen haben. 

Feuilletonscout: Dies ergibt wirklich ein völlig neues, ja aller bisherigen Interpretation konträres Bild von Schiele. Wie waren die Reaktionen der quasi für Schiele zuständigen Institutionen?
Ambrózy: Niemand wollte so etwas publizieren.

Feuilletonscout: Und wie kam es dann dazu, dass es nun doch bekannt und nun letztendlich durch die große Schiele-Ausstellung in der Albertina anerkannt wurde?
Ambrózy: Das war ein langer und harter Weg. Ich nahm international Kontakt mit jungen Wissenschaftlern auf, die über Schiele dissertiert hatten oder gerade dabei waren dies zu tun. 2010 begründete ich schließlich gemeinsam mit der deutschen Literaturwissenschaftlerin Eva Werth (Paris) und der spanischen Philosophin Carla Carmona Escalera (Sevilla) das EGON SCHIELE JAHRBUCH als unabhängiges, offenes, diskursives und interdisziplinäres Sammelperiodikum, dessen erster Band zum Jahreswechsel 2011/12 mit Unterstützung unter anderem der Albertina gedruckt und ebendort im Januar 2012 präsentiert werden konnte. Parallel dazu organisierten wir das 1st International EGON SCHIELE RESEARCH SYMPOSIUM, das mit Unterstützung der privaten Galerie am Lieglweg der Frau Dr. Ursula Fischer in Neulengbach im Juni 2012 erfolgreich stattfinden konnte. Damit war die „Neue Schiele-Forschung“ entstanden. Die Herausgeber, zu denen dann die tatkräftige Wiener Kunsthistorikerin Sandra Tretter hinzukam, gründeten schließlich 2015 die EGON SCHIELE RESEARCH SOCIETY, die vor wenigen Tagen das bereits nunmehr schon sechste der jährlichen internationalen Schiele-Forschungssymposien abhalten konnte: den ersten Tag in der Wiener Albertina und den zweiten Tag in der Galerie am Lieglweg in Neulengbach.

Feuilletonscout: Sie haben also nicht nur die Sicht auf Egon Schiele völlig verändert, sondern auch die verkrustete, alte Klischees mit institutioneller Macht einzementierende „Schiele-Welt“ ordentlich aufgemischt.
Ambrózy: Nicht ich allein, das wäre ja unmöglich, sondern gemeinsam mit meinen Kolleginnen – und den vielen internationalen Autorinnen und Autoren, die Artikel beisteuerten und beisteuern und so die vielfältige, unzensierte Diskussion am Leben erhalten und den Fortschritt der Schiele-Forschung gewährleisten.
Im Herbst wird übrigens der nächste voluminöse Doppelband des EGON SCHIELE JAHRBUCHES erscheinen.

Feuilletonscout: Dann möchten wir Ihnen zu den bisherigen Erfolgen herzlich gratulieren und der Neuen Schiele-Forschung weiterhin viel Glück wünschen.

Albertina
© Albertina, Wien (Foto: Harald Eisenberger)

Die Egon Schiele Ausstellung in der Wiener ALBERTINA ist noch bis 18. Juni 2017 geöffnet, der umfangreiche Katalog mit zahlreichen Aufsätzen zur neuen Sicht auf Egon Schiele auch danach noch HIER erhältlich (auf den Link klicken)

Auf der Website des EGON SCHIELE JAHRBUCHES kann der erste, in gedruckter Form bereits vergriffene Band als PDF gratis heruntergeladen werden und die anderen Bände bestellt werden.

Albertina 
Albertinaplatz 1
A-1010 Wien

Öffnungszeiten:
Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr
mittwochs 10.00 bis 21.00 Uhr

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