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Ein Moment mit ... Daniel Reinsberg. Puppet EntertainmentEin Interview

Er gehört zu den bekanntesten Moderatoren in der Varietészene. Seine Kumpels heißen Scholli, Mr. Monster und Tarzan. Sie sind ein Pinguin, ein Monster und ein Waschlappen. Daniel Reinsberg, Leading Artist des PALAZZO, Europas erfolgreichstes Gourmet-Theater, und regelmäßig im Quatsch Comedy Club Hamburg und Berlin, be- und verzaubert das Publikum – mit sprechenden Puppen, Pantomime und Jonglage.

Feuilletonscout: Wie alt waren Sie, als Sie merkten, dass Ihr Bauch sprechen kann?
Daniel Reinsberg: Das ist jetzt 19 Jahre her. Auf die Bühne bin ich allerdings schon früher gegangen, als ich 13 oder 14 Jahre alt war. Bis ich dann gemerkt habe, dass mich die Bühne ernsthaft interessiert, hat es noch einmal rund sieben Jahre gedauert. Davor hatte ich schon Interessen in den Bereichen Jonglage, Zauberkunst, Pantomime. Ich denke, das hat mir auch den Zugang geöffnet zu einer Ebene, die ich noch nicht kannte, die aber durchaus spannend ist.

Feuilletonscout: Wie entdeckt man eine Bauchredekunst?
Daniel Reinsberg: Aus Neugierde. Ich hatte einen Kollegen in Hamburg, der sich damit beschäftigte. Ich selbst hatte zunächst gar kein großes Interesse daran. Erst später, als ich an einem Punkt war, an dem ich allein nicht mehr weiterkam, habe ich ihn angesprochen. Nun ist es so, dass man unter Kollegen nicht immer gleich bereit ist, sein Wissen weiterzugeben. Aber als er merkte, dass ich ernsthaft lernen möchte, hat es geklappt und er konnte mir die allerersten Schritte und Grundlagen zeigen. Danach musste ich alleine weitermachen, was bedeutete: Täglich üben und stundenlang vor dem Spiegel stehen, um die Technik zu verbessern. Und dann kann man trotzdem noch nicht sicher sein, dass es auf der Bühne klappt, wenn man aufgeregt ist.

Feuilletonscout: Wie übt man?
Daniel Reinsberg: Es gibt mehrere Ebenen. Zum einen geht es um die Stimme. Dann aber auch, ähnlich wie beim Sänger, muss man Atemtechniken üben und die gesamte Skala, die eine Stimme zur Verfügung hat – Stimmungen, Emotionen, den Charakter. Dann kommt irgendwann das Puppenspiel hinzu, was aber vorher auch einzeln geübt werden muss. Also erst einmal non-verbal. Dann muss man beides koordinieren. Man ist beim Puppenspiel ja gleichzeitig Sprecher und Zuhörer. Da muss das Hirn ganz schön arbeiten. Das ist kniffelig.

Feuilletonscout: Kommt es vor, dass Ihre Puppe spricht und Sie nicht mehr merken, dass es eigentlich Sie sind, der spricht?
Daniel Reinsberg: Es gibt so Flow-Momente, in denen man miteinander diskutiert und alles so schnell geht, dass man selbst lachen muss, weil man merkt, dass der Gedanke direkt aus der Figur gekommen ist. Das ist toll. Aber sowas ist eine absolute Ausnahme. In der Regel muss man wieder und wieder üben, bis man zufrieden ist.

Feuilletonscout: Wie würden Sie selbst Ihre Kunst beschreiben?
Daniel Reinsberg: Es gab Zeiten, da hätte ich mich als Zauberkünstler oder Stand-up-Comedian bezeichnet. Inzwischen merke ich, dass Begriffe wie Entertainer oder Unterhaltungskünstler irgendwie auch nicht mehr greifen. Ich überlasse es inzwischen meinem Gegenüber, was er entdeckt. Ich merke, dass sich meine Kunst aus ganz vielem speist, was ich über Jahre gelernt habe und versuche, zusammenzubringen. Eine Schublade wäre da zu wenig.

Feuilletonscout: Was fasziniert an eben dieser Kunst?
Daniel Reinsberg: Ich merke, das hinter allem eine ganz alte Tradition steht, die immer wieder funktioniert. Das finde ich faszinierend. Auch wenn sich die Medien verändern, bleiben die Geschichten. Ich sehe mich da in der Tradition des Kerzenscheins und des Lagerfeuers.

Feuilletonscout: Fiel Ihnen die Entscheidung schwer, Künstler zu werden?
Daniel Reinsberg: Während meiner Schulzeit dachte ich noch, ich würde in die Naturwissenschaften gehen. Meine Leistungsfächer waren Chemie und Physik, und ich hatte das Glück, dass mir die Schule insgesamt leicht fiel. Erst kurz vor dem Abitur spürte ich: Das könnte ich studieren, aber ich könnte es auch genauso gut später tun. Es war keine so klare Entscheidung, weil ich zunächst noch überlegte, das Studium durch die Kunst zu finanzieren. Es war vielmehr ein Prozess, der sich lange hingezogen hat, bei dem ich allerdings das Glück hatte, auf Förderer zu stoßen, die mir Türen geöffnet haben, auch wenn ich anfangs gar nicht bewusst wahrgenommen habe, wie wichtig diese Menschen waren.

Daniel Reinsberg und Pinguin Scholli

Daniel Reinsberg und Pinguin Scholli

 

Feuilletonscout: In Ihrem Programm fällt auf, dass Sie sehr liebevoll mit Ihren Figuren umgehen. Gehässigen Humor findet man nicht. Wie erarbeiten Sie sich die Szenen und Stücke in Ihrem Programm?
Daniel Reinsberg: Es gibt tatsächlich einen gewissen Respekt gegenüber jeder der Figuren. Jeder Charakter muss mich auf seine Art faszinieren, auch wenn ich nicht immer mit ihm einer Meinung bin. Ich glaube, das war auch etwas, was mich an den mir bis dahin bekannten Bauchrednern gestört hatte. Die meisten kannte ich vom Karneval. Es waren Bauchredner, die ihre Figuren eigentlich nur benutzt haben, um möglichst schnell Witze unter der Gürtellinie zu produzieren. Mir war klar, dass ich das nicht machen wollte.

Feuilletonscout: Sind die Puppen Ihre Freunde?
Daniel Reinsberg: Auf eine Art und Weise ja. Ich nenne sie eher Kumpel, weil es ja auch eine gewisse Reibung gibt.

Feuilletonscout: Wie finden Sie Ihre Kumpel?
Daniel Reinsberg: Das ist ein langer Prozess. Manche bleiben auch im Arbeitsstadium, wenn ich merke, dass sie noch nicht reif für die Bühne sind. Das dauert manchmal vier oder fünf Jahre.

Feuilletonscout: Sehen Sie manchmal Gegenstände, in denen Sie eine Figur erkennen?
Daniel Reinsberg: Ja, doch. Manchmal ist da sogar schon zu viel. Ich habe gar nicht die Zeit, immer alles umzusetzen. Deswegen wird vieles auch wieder beiseitegelegt oder mit einer Zeichnung festgehalten. Ich weiß ja, wie lang der Weg zur fertigen Figur ist. Da muss ich mich einfach etwas reduzieren.

Feuilletonscout: Ihre Figuren berühren das Publikum häufig sehr. Was machen Sie, wenn Sie merken, dass das Publikum nicht richtig mitgeht? Ist das schon einmal passiert?
Daniel Reinsberg: Damit muss man als Auftretender leben, dass jede Show anders ist. Die Herausforderung ist, jedes Mal das Publikum neu zu erspüren und das für sich ins Verhältnis zu setzen. Wenn ich z.B. eine Gruppe habe, die aus 120 Herren besteht, dann hat eine andere Figur mehr Wirkung als bei einem gemischten Publikum. Und wenn es mal gar nicht läuft, muss man damit auch umgehen können. Früher war das nicht so einfach für mich. Heute kann ich das besser einordnen.

Feuilletonscout: Sie sind Äthiopien geboren, wurden adoptiert und sind in Hamburg aufgewachsen. In Ihrem Programm spielen Sie auch mit Ihrer Hautfarbe. („Mir wird schwarz vor Augen“ oder „Ich häng’s ans schwarze Brett“). Sie können also über sich selbst lachen. Meinen Sie, Humor hilft, Vorurteile und Ängste abzubauen? Spüren Sie diese Ängste und Vorurteile überhaupt?
Daniel Reinsberg: Ich bin mir schon bewusst, dass man, wenn man auf der Bühne steht, automatisch etwas sendet. Ich habe entschieden, meine Botschaften nicht von oben herab zu verkünden, sondern eine Grundatmosphäre zu schaffen, die die Zuschauer am Ende des Abends mit nach Hause nehmen. Das mache ich aber nicht bewusst, sondern lasse es von innen heraus wachsen.

 

Feuilletonscout. Haben Sie (noch) einen Bezug zu Ihrem Geburtsland?
Daniel Reinsberg: Ja, habe ich. Ich war das letzte Mal vor sieben Jahren in Äthiopien. Ein Patenonkel von mir lebt dort. Ich habe regelmäßig Kontakt zu ihm. Erst letzte Woche habe ich wieder von ihm gehört.

Feuilletonscout: Worüber können Sie lachen?
Daniel Reinsberg: Ich glaube, es gehört zum Beruf, dass man nicht so sehr über das lacht, was andere gern im Fernsehen schauen. Dafür ist man selbst zu nahe dran. Das sind halt Kollegen, die ihre Sache gut machen, aber ich schaue Ihnen nicht bei der Arbeit zu. Im internationalen Bereich ist das etwas anderes. Wenn ich Stand-up-Comedians aus England oder Neuseeland, aus Australien oder Kanada sehe, habe ich sehr, sehr viel Spaß. Die sind, vielleicht auch durch die Sprache, weiter weg. Dabei kann ich mich total entspannen.

Feuilletonscout: Haben Sie eigentlich noch Lampenfieber?
Daniel Reinsberg: Ja, ich habe immer noch eine positive Anspannung. Die ist bei jedem Auftritt da und lässt sich auch nicht beeinflussen. Manchmal ist sie bei einem Auftritt vor wenig Publikum stärker als bei einem großen Publikum. Das ist ganz unterschiedlich und nicht einzuordnen.

Feuilletonscout: Wie sind Ihre nächsten Pläne?
Daniel Reinsberg: Ich bereite gerade eine Show in Münster vor. Dort gibt es das GOP-Theater, Deutschland größte Varieté Theaterhäuser mit Häusern in München, Bad Oeynhausen, Hannover, Bremen, Bonn und Essen. Dort trete ich gemeinsam mit anderen Kollegen auf, worauf ich mich sehr freue. Ich bin dabei sozusagen der „Leading Artist“, der durch die Show führt. Das Ganze startet geht bis Januar.
Speziell als Berliner ausFriedenau bin ich demnächst in einem zauberhaften Lokal, der „Straßenbahn“ bei mir um die Ecke, wo schon seit 30-40 Jahren immer wieder Künstler auftreten. Das ist eine total urige Geschichte, weil sie sich in Zeiten, in denen alles hipper und schicker wird, kaum verändert hat.

Feuilletonscout: Was ist Ihr größter künstlerischer Traum?
Daniel Reinsberg: Es haben sich in meinem Leben schon so viele Sachen erfüllt, z.B. auch eine Zeitlang für das ZDF zu arbeiten, was sehr schön war. Heute lasse ich mich überraschen und habe gar nicht mehr einen großen Traum. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen und bin offen.

Feuilletonscout: Was sollen die Zuschauer von Ihnen oder Ihrer Kunst in Erinnerung behalten?
Daniel Reinsberg: Ich freue mich, wenn sich jeder irgendetwas herauspickt. In den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass meine Figuren unglaublich lange bei den Menschen hängen bleiben. Manchmal werde ich noch 10 Jahre später auf bestimmte Szenen angesprochen.

Feuilletonscout: Sind Sie Autodidakt?
Daniel Reinsberg: Ich bin eigentlich immer auf der Suche nach Weiterbildungen in den verschiedenen Bereichen wie Jonglage oder Zauberkunst. Das war anfangs nicht ganz einfach, sich in den verschiedenen Angeboten zurechtzufinden. Aber im Endeffekt ist es lehrreicher, als einmal eine Komplettausbildung zu machen. Man kann sich besser entwickeln und immer wieder neu erfinden.

Feuilletonscout: Was wären Sie geworden, wenn nicht Künstler?
Daniel Reinsberg: Ich habe mir immer wieder Gedanken gemacht, was wäre, wenn meine Arbeit als Künstler nicht funktionierte. Und ich habe festgestellt, dass ich eine Menge Dinge spannend finde. Ich glaube, egal, was ich gemacht hätte, hätte ich schnell geschaut, das ich immer mit dem Herzen dabei bin.

Vielen Dank für das Gespräch, Daniel Reinsberg!

Feuilletonscout meint: Klare Empfehlung! Zauberhafter kann man einen Varietéabend kaum erleben.