Technisch und emotional raffiniert: Benjamin Engeli interpretiert Brahms

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Von Izidor Mendas.

Johannes Brahms (1833-1997) ist ein Großmeister der musikalischen Romantik. Die meisten seiner Klavierwerke sind zwar keine leichte Kost, dem aufmerksamen Zuhörer ermöglichen sie aber intime Einblicke in die Seele des Komponisten, der die Zusammenführung von Melodik, Rhythmik, Harmonie und Kontrapunkt, vervollständigt und neu begriffen, in nicht erahnte Höhen katapultiert hat. Der Schweizer Pianist Benjamin Engeli eröffnet uns großzügig die Tür zu dieser Brahmsʼschen Welt: sein technisch und emotional raffiniertes Klavierspiel bewahrt die Essenz der eingespielten Stücke und führt uns dann verlässlich bis zu ihren entlegensten Winkeln. Seine Hände gleiten zuversichtlich über die weißen und schwarzen Tasten und bringen eine starke persönliche Prägung mit vielen liebevoll ausgearbeiteten Details hervor. Für seine neuste CD-Aufnahme hat Engeli eine reizvolle Programmauswahl getroffen. Auf die frühen Balladen op. 10 folgen die reifen Rhapsodien op. 79 und nach den späten Intermezzi op. 117 erklingt zum Schluss die JS Bachs Chaconne BWV 1004, bearbeitet von Brahms für die linke Hand, die man sonst selten zu hören bekommt. Die Stücke bewegen sich zwischen der klassischen Struktur, die manchmal auf verblüffende Weise erweitert wird, und der romantischen Palette voller unerwarteten Farben. Engeli hebt den ersten Aspekt besonders deutlich hervor und betont damit die deutsche Tradition, die uns von Bach über Beethoven und Brahms, bis in die Moderne führt. Engelis Deutungen sind von Anfang bis Ende genau durchdacht, oft diskret oder nachdenklich, entsprechend den Tiefen des menschlichen Daseins, die Brahms so rührend in seiner Musik erforschte. Bei Brahms wird die imminente Virtuosität nie zum Selbstzweck umgedeutet, sondern dient dem großen Ganzen. Engeli versteht dieses Postulat offensichtlich gut umzusetzen. Wen kümmert es, ob ab und zu ein Übergang nicht so sauber ausgeführt wird? Die subtil gestaltete Dynamik, präzises rhythmisches Gespür, fester und sicherer Anschlag,  sowie vorsichtig dosierte Anwendung des rechten Pedals helfen ihm dieses anspruchsvolle Ziel zu erreichen.

 

 

Die zwei Rhapsodien op. 79 sind der Höhepunkt dieser Aufnahme. Engeli zeigt uns das mit Feuer und Flamme. Innerhalb der frei interpretierten Rondo- und Sonatensatzform wird fast jede Phrase zu einer treffenden Aussage, einzelne Segmente werden kontrastierend jedoch ausgewogen dargestellt, Tempi bleiben mäßig, der Weg durch breit angelegte Akkorde und Sprünge, zahlreiche Modulationen sowie harmonische Ambiguitäten erklingt überzeugend. Unruhe und Sehnsucht vermischen sich mit Würde und Energieausbrüchen. Das eher düstere und geheimnisvolle Drama der zweiten Rhapsodie wird mal mit heroischen, mal mit resignierten Zügen, präzise formuliert.

Die 4 Balladen op. 10 sind vorsichtiger ausgeführt. Die Gegensätze zwischen einzelnen Abschnitten sind zwar deutlich dargestellt, darunter leidet aber manchmal die lyrische Komponente. Am Anfang der zweiten und vierten Ballade werden die Indikationen espressivo und dolce nicht wörtlich genug zur Geltung gebracht. Die Steinblöcke aus Akkorden in der ersten Ballade wirken ein bisschen schwerfällig, man wünscht sich mehr Kolorit, und der Spannungsaufbau im Mittelteil wird nicht mit vollständiger Souveränität überbrückt. Mit dem stärker ausgeprägten erzählerischen (balladesken) Strang würde in der dritten Ballade wahrscheinlich auch, im Vergleich zu hervorragend ausgeführten ätherischen B-Teil, der dämonische Anfang bzw. Schluss besser ausfallen. Brahms, der langbärtige Grand-Seigneur des deutsch-österreichischen Musiklebens war beim Op. 10 auch noch ein leidenschaftlicher Jüngling.

Drei Intermezzi op. 117 sind wahre musikalische Pralinen: melancholisch, zugänglich und äußerst delikat sorgen sie für magische Momente. Viele Pianisten wollen diesen Stücken eine fast mystische Aura verleihen, nicht so Engeli. Sein zurückgezogener, fast meditativer Zugang bedient sich einfacher Mittel und bleibt im positiven Sinne, wie bei der Haiku-Dichtung, aufs Wesentliche reduziert. Das intime Gespräch des ersten Stücks in der ABAʼ Form, mit einer der schönsten Melodien, die Brahms je komponiert hat, verläuft ruhig, ohne große Gesten. Das dritte Intermezzo erklingt herbstlich, ein Hauch Abendwind könnte das Klangbild noch vervollständigen, und im zweiten werden sich die Arpeggios der linken und rechten Hand komplementierend zum Ausdruck des zarten Trübsinns entwickeln. Codas werden mit besonderer Aufmerksamkeit gestaltet, damit alles wirklich abgerundet klingt. JS Bachs Chaconne für die linke Hand, wird nicht nur als Beweis der Virtuosität, sondern vor allem als Würdigung der Achse Bach – Brahms aufgefasst. Abseits der transparenten Stimmführung, hat Engeli in diesem Balanceakt zwischen Barock und Romantik das notwendige Gleichgewicht behalten.

Engelis Interpretationen zeichnen sich durch ihre Übersichtlichkeit und minutiöse Schattierung aus. Man spürt dahinter eine gründliche Auseinandersetzung mit dem kompakten Musikmaterial, aus dem mal wärmere mal kältere Klänge hervorgerufen werden. Engeli hat ein gutes Gespür für die architektonischen Feinheiten der musikalischen Strukturen, große Bögen spielen immer eine entscheidende Rolle, und sein Spielen präsentiert die Brahmsʼsche Komplexität mit Natürlichkeit und erfrischenden Klarheit, was für anregende und packende musikalische Erlebnisse sorgt. Aimez-vous Brahms? Nach dieser Aufnahme ist die Antwort ein klares „Ja“.

Benjamin Engeli
Brahms Piano Works
Balladen Op.10, Rhapsodien Op.79, Intermezzi Op.117
Ars Produktion 2018
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Coverabbildung © Ars Produktion

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