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Spätromantische Transkriptionen barocker Gassenhauer: Sebastian Bohren – La Folia

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikVon Ingobert Waltenberger.

„La Folia“ wie auf dem Album getitelt geht auf den lautmalerischen Beinamen der Violinsonate in d-Moll Op.5 No.12 von Arcangelo Corelli, veröffentlicht 1700, zurück. ‚Folia‘ bezeichnet neben den bekannten Konnotationen wie Narrheit und Tollerei ein melodisch harmonisches Satzmodell, einen flotten portugiesischen Tanz oder auch bestimmte spanische/portugiesische Lieder des 17. Jahrhunderts. Der Schweizer Geiger Sebastian Bohren kannte natürlich das eingängige musikalische Thema Corellis, das so viele verschiedene Komponisten wie Lully, Marais, A. Scarlatti, Geminiani, Boccherini und Rachmaninov in ihren Bann zog. Genauer gesagt, ihn traf die Erleuchtung eigentlich erst, als er Ida Haendels Interpretation der Sonate – insbesondere die Kadenz von Hubert Léonard – auf Youtube entdeckte.

Der große romantische Geigenton, generell die großen Geiger des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit ihrer Vorliebe für Transkriptionen von Barockmusik, stehen im programmatischen Zentrum der vorliegenden CD. Nach heutigen Begriffen ist ein gesellschaftlich breit gestreutes Stratum unter den Instrumentalsolisten obsolet. Da sorgen noch die billigsten „Superstar gesucht“ Formate im Fernsehen für weitaus höhere Quoten. Damals jedoch sorgte eine „Virtuosenmania“ dafür, dass sich Top Geiger und Geigerinnen solche Programme – individuell maßgeschneidert und bisweilen abseits des heute geltenden guten Geschmacks – zurechtzimmerten, die ihre Talente und technischen Fertigkeiten am besten und publikumwirksamsten zur Geltung brachten. Historisch informiert mit all den schönen Faxen in Bezug auf Artikulation, Strich, Bogenführung, Phrasierung, ausgereizte Kontraste, Geradlinigkeit in der Tonproduktion (bitte möglichst kein Vibrato) etc., da war man noch Lichtjahre davon entfernt

Eine solche „Hommage“ an die Besten von damals ist daher mit unseren – nach all den Jahren – lieb gewonnenen Hörgewohnheiten ein heikles Unterfangen, wie ich meine, gibt es doch kaum etwas Unzeitgemäßeres als Barockmusik mit romantischem Schlagobers-Streichersound weichgespült. Außerdem muss sich der Hörer mit der Qualität der Arrangements befassen oder soll ich sagen herumschlagen?

Meine erste Reaktion auf den CD-Titel war: Aufregend, Sebastian Bohren spielt barocke Kammermusik. Als ich dann merkte, dass es sich um romantisch gefärbte Arrangements von barocken Soloviolinwerken für Instrument und Orchester handelt, war das „Jessas na“, populär sich anbiederndem Kitsch lauschen zu müssen, groß. Dank der Kunst des Schweizers kam es naturgemäß anders (sonst gäbe es diesen Artikel nicht), außerdem gibt es für Barockmusik-Puristen einen Ausweg, das Dilemma zu vermeiden:

Das Album kann einfach als eine bunte Experimentierwiese für den Klang edler italienischer Geigeninstrumente gelten. Und als solche wollen wir das Album begreifen und genießen, zumal sich Sebastian Bohren hier musikalisch und technisch wohl in eine Liga mit Legenden wie Nathan Milstein gegeigt hat.

Zu den Instrumenten: Sebastian Bohren spielt eine Konzertgeige aus Parma 1761 des Giovanni Battista Guadagnini, für Ottorino Respighis Bearbeitung der Violinsonate in A von Giuseppe Tartini für Violine und Orchester („Pastorale“) griff er jedoch auf eine dunkler timbrierte Stradivari zurück. Zur optimalen Nutzung aller klanglichen Valeurs wählte Bohren einen Jean-Jacques Millant-Bogen für Corelli, Tartini und die Kreisler-Variationen, für den Rest des Programms einen des Norwegers Helge Norland.

Zwei Stücke des Albums stehen nicht in Zusammenhang mit ‚La Folia‘, das sind die „Sicilienne“ von Maria Theresia von Paradis und das „Präludium und Allegro im Stile Pugnanis von Fritz Kreisler (arr. Manuel Naegeli).

Dies gesagt, kommen wir nun getrost zum genießerischen Teil des Projekts: Das Spannendste des Albums sind die stupenden Kadenzen, wo Sebastian Bohren als legitimer Nachfahre aller berühmten, von ihm zitierten Virtuosen ein blitzendes Feuerwerk an lichtem geigerischem Naschwerk zündet. Vor allem die trillerreiche Kadenz von Fritz Kreisler in Ingolf Turbans& Holger Freys Bearbeitung von Tartinis Violinsonate in g-Moll entzückt alle Sinne. Die Bezeichnung „die mit dem Teufelstriller“ geht auf einen Traum Tartinis zurück, in dem er den Beelzebub als Violinisten am Fußende seines Bettes sah. Der schwefelige Kerl trillerte herum wie kein Zweiter, was Tartini am Morgen dazu veranlasste, es diesem „Vorbild“ gleichtun zu wollen. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Tartini ist den Leuten heute wahrscheinlich wohl eher als Träger des PR-mäßig höllisch guten Beinamens ein Begriff als mit seiner Musik. Wer schon einmal im slowenischen Piran war, wird das markante Denkmal am zentralen Tartini-Platz und des Teufelgeigers Geburtshaus kennen…

Sebastian Bohren führt seinem Publikum mit diesem Album zudem vor, was es heißt, seine Leistungen bis zum kleinsten Ton hin zu hinterfragen und kompromissloser Perfektionist zu sein. Als alle Tracks mit den fabelhaften CHAARTS Chamber Artists – von Claudio Abbado 2003 als Luzern Festival Orchester gegründet und ausschließlich mit erstklassigen Kammermusikern besetzt – im Kasten waren, kamen ihm Zweifel, ob er die ersten drei Stücke des Programms wirklich bestmöglich realisieren hat können. Also nahm er das „Kreisler Präludium“, die „Chaconne“ in g-Moll von Tomaso Antonio Vitali (arr. Léopold Charlier) und Maria Theresia von Paradis’ Sicilienne‘ nochmals auf; diesmal mit dem Ensemble Stringendo Zürich unter der Leitung seines Lehrers Jens Lohmann.

Genau in dieser Suche nach Genauigkeit im Tun und daraus folgend einer differenzierten Betrachtung eigener Hörgewohnheiten mögen wir hier von Sebastian Bohren lernen. Nach mehrmaligem Auflegen des Albums können erst alle Details der geigerischen Kunst von Sebastian Bohren erfasst werden. Aber die Frage, ob er statt der Bearbeitungen nicht doch lieber die Originalversionen hätte wählen sollen, bleibt offen.

Bohren spielt mit fokussiert großem Ton (ganz ohne dicker Butter), besinnten Verzierungen und unbestechlicher Disziplin, worunter merklich ein Vulkan an subkutanen Leidenschaften glüht. Dabei meidet Bohren Extreme der Errungenschaften der Befassung mit einer historisch informierten Aufführungspraxis, nichts klingt hier dünn oder scharf, oder im Tempo überhetzt. Auf der anderen Seite ist Bohren in Sachen Artikulation, Dramaturgie im Aufbau der Stücke bzw. den grundlegenden Fragen des Stils ein Kind ganz unserer Zeit. Aber am wichtigsten und jenseits des Beschreibbaren: Was auf diesem auch technisch brillant aufgenommenen Album an kulinarisch gemischten Klangfarben, subtiler Dynamik und Lust am frei wirkenden Kadenzieren rüberkommt, ist so komplex schön und gläsern windungsreich wie das Brennen von edlem Schnaps. Wohl bekomm‘s!

La Folia
Sebastian Bohren | Geige
CHAARTS Chamber Artists
Stringendo Zürich
AVIE RECORDS, Juni 2022
bei amazon

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