Eine Oase der inneren Ruhe: Sebastian Bohren „Distant Light“

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Von Izidor Mendas

Stellen Sie sich eine unberührte Landschaft vor, irgendwo im Norden. Kristallklare Luft, endlose Wälder, stille Seen, ein breiter Horizont: nichts stört das Zusammenspiel von Licht und Schatten. Dann hören Sie plötzlich einen Ton, wie aus dem Nichts entsprungen, der schließlich in eine Melodie im völligen Einklang mit Naturgewalten einmündet. Dieses Gedankenbild wäre eine treffende Einleitung zur neusten Aufnahme Distant Lights des schweizerischen Ausnahmegeigers Sebastian Bohren bei Sony Classical. Auf dem Programm stehen drei musikalische Juwelen für Violine und Kammerorchester: Distant Light und Vox Amoris des lettischen Komponisten Peteris Vasks (1964-) sowie Chiaroscuro des Georgiers Gija Kantscheli (1935-). Es besteht kein Zweifel, beim Geigenspiel von Sebastian Bohren trifft hohes Talent auf Virtuosität und außerordentliche Musikalität. Man könnte behaupten, er „beherrscht“ sein Instrument, damit wäre der ganzen Wahrheit aber nicht genug getan: vielmehr bleibt er „mit“ seiner Geige, schließlich eine Stradivari, in einem intimen, immer spannenden Dialog.

Neue musikalische Landschaften

Das Programm ist originell und homogen aufgebaut, eine Empfehlung auch für diejenigen, die auf die Musik zeitgenössischer Komponisten lieber verzichten. Es geht nicht um Klangexperimente oder Sprengung von Tonalitäten, sondern um die Entdeckung neuer musikalischen Landschaften, in die der Zuhörer dank Bohren gleich nach den ersten Takten entführt wird, sodass sie uns am Ende sogar vertraut vorkommen. Die Musik wird aus der Stille geboren, entwickelt sich wellenartig zu einem oder mehreren Gipfeln und kehrt schließlich ins Schweigen zurück, wobei die Expression ständig Vorrang vor formellen Elementen bewahrt. Diese Dynamik wird von Bohren sehr gut gefasst und dargestellt. Schon aus diesem Grund ist diese CD-Aufnahme eine Meisterleistung. Es verdient besondere Erwähnung, dass es sich dabei um Live-Mitschnitte handelt, die ausschließlich als Download veröffentlicht wurden.

Foto © Marco Borggreve

Der lettische Komponist Pēteris Vasks (1964), der in einem Atemzug mit Arvo Pärt als einer der Epigonen der zeitgenössischen Musik genannt zu werden gehört, erweist sich mit seiner musikalischen Sprache als ein würdiger Nachfahre Lutoslawskis, Goreckis und Pendereckis. Ihm geht es vor allem ums Mitteilen: jeder soll an seiner musikalischen Agape teilnehmen und somit zumindest in der Musik die Harmonie mit der Natur und sich selbst erleben. Vox Amoris für Violine und Streichorchester (2009) ist ein ausgeprägt melodisches, expressives Stück, dessen freier Aufbau eine organische Formentwicklung ermöglicht. Das Werk begleitet Bohren schon seit vielen Jahren und diese Vertrautheit mit dem Material ermöglicht ihm beim Musizieren ein natürliches Ein- und Ausatmen. Diese Reife kommt wegen seiner langen kammermusikalischen Laufbahn noch überzeugender zum Ausdruck. Vom leisen Tremolo spaltet sich die Geigenstimme ab, zuerst sucht sie scheu nach ihrem Partner, bis sie mittels einer wunderschönen zärtlichen Melodie schwerelos über der orchestralen Klangkulisse schwebt. Der instrumentale Liebesaustausch von Fragen und Antworten setzt sich bis zum Höhepunkt um die zweite Kadenz fort,  als ein anderes schönes (diesmal dramatischeres) Thema den Solisten umarmt. Danach beruhigen sich die hohen Emotionen und das erste Thema erklingt noch einmal, bevor sich die Musik nicht ohne Zögern ins Nichts/in die Stille verflüchtigt. Heller, weicher und frischer Geigenklang von Bohren formt mit dem Orchester eine farbprächtige Tapisserie, die vor allem durch Unmittelbarkeit des künstlerischen Ausdrucks überzeugt.

Distant Light (Tālā Gaisma, 1997) ist um eine Schattierung dunkler und das Licht, weit in der Ferne schimmernd, wird nie völlig verinnerlicht. Die Merkmale des klassischen Violinkonzerts sind deutlicher und das musikalische Gespräch zwischen dem Solisten und Orchester wird gelegentlich zu einer Auseinandersetzung.  Mit jeder von drei Kadenzen wird die Musik anspruchsvoller. Cantabile Passagen werden von rhythmisierten Motive (mosso) verdrängt, so entsteht ein volkstümlich anmutender Tanz, die Atmosphäre wird aufgeregter, emphatischer, auch das lyrische Intermezzo vor der dritten Kadenz des Teufelsgeigers, kann daran nichts mehr ändern. In diesen dramatischen Momenten stehen wir plötzlich dem Schatten Schostakowitschs sehr nahe. Bei Kadenzen stellt Bohren sein technisches Können eindrucksvoll unter Beweis. Nach dem wuchtigen Gipfel werden aus der Asche nach und nach neue Lichtstrahlen entstehen, mit einer sanften Melancholie versetzt. Der Flageoletton am Ende wird die Zerbrechlichkeit des Lichts nur noch unterstreichen. Entweder energisch oder subtil, Bohren sorgt immer für ein einheitliches Kompositionsbild, obwohl sich dabei die Frage stellt, ob er die Freiräume für Intensität oder sogar Pathos, die ihm Vasks zur Verfügung stellt, wirklich völlig ausnutzt/erschöpft. Der Solist wird in diesem Stück vom Georgischen Kammerorchester Ingolstadt begleitet, wobei bei Vox Amoris und Charoscuro diese Rolle von CHAARTS Chamber Artists übernehmen wird.

Der Klangteppich des jeweiligen Orchesters wirkt solide und bietet zuverlässige Unterstützung, damit die fließende Bewegung immer bewahrt bleibt. Das Zusammenspiel wird präzise abgestimmt, man würde sich an manchen Stellen jedoch wünschen, dass die Ausgewogenheit zwischen dem Solisten und Orchester besser gestaltet würde, die Solovioline überschattet nämlich tontechnisch den Orchesterklang auch wo das nicht notwendig ist. Matte Nebelstimmungen und lyrische Reisen werden im Allgemeinen klanglich besser als energische Ausbrüche in tutti wiedergegeben. Wichtiger aber ist, dass Vasks melodische Linien mit Bohren ihre singende Qualität (bei)behalten. Es handelt sich um eine äußert gelungene Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und Interpreten, dass die Erschwinglichkeit des protestantischen Chorals mit höchst persönlichen Seelenzuständen vervollständigt. Schwingt freudig euch empor!

Der georgische Komponist Gija Kanscheli teilt diese hoffnungsgeladene Weltanschauung mit Vasks nicht. Sein eher düsteres Werk Chiaroscuro erinnert in gewisser Hinsicht an die Malerei der Caravaggisten: aus dem dunklen Hintergrund treten Lichtgestalten aus, obwohl nur für kurze Zeit. Man steht vor einem musikalischen Drehbuch zu einem unbekannten Film. Die Geige will sich von beängstigt oszillierenden Kleinintervallen hinweg in die Breite und Höhe befreien und ähnelt einem süß-traurigen Vogelgesang, der immer wieder vom Orchester mit kaukasisch klingenden Motiven unterbrochen wird. Bohren wiedergibt diesen nächtlichen Monolog introvertiert, trauernd und feierlich zugleich. Die elegische Stimmung wird durch Trommeleingriffe bedrohlicher, das Klavier spendet ihr ab und zu Trost und die Celesta gibt ihr eine fast mystische Dimension, bis sie endgültig kurz nach der Mitte in die Wucht à la Shostakovich ausbricht. Danach wird Bohren nachdenklicher und schlägt fast versöhnte Noten an, oder ist es einfach die Resignation gegenüber dem Schicksal, die trotz eines letzten orchestralen Aufschreis, letztendlich ihre Gemütsruhe findet?

Obwohl es sich bei Vasks und Kanscheli um zwei post-sowjetische Komponisten handelt, ist ihr Anspruch viel breiter. Es gibt eine Tendenz, die auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion entstandene Musik geographisch und gesellschaftlich stark zu kontextualisieren. Die Interpretation Bohrens beugt sich vor keinem vorgeschriebenen Schema, deswegen bleibt ihre universelle Essenz erhalten. Wenn er mit seinem Bogen imaginäre Landschaften mahlt, oder Liebesfreud, Liebesleid und Leidenschaft zum Ausdruck bringt, behält Bohren ständig die intellektuelle und emotionale Kontrolle. Er tritt als Geiger mit einer klaren Botschaft an. Diese CD-Aufnahme wirkt wie eine Oase der inneren Ruhe in der Wüste unserer leistungsorientierten Gesellschaft. Wir lassen den Zeitdruck hinter uns und begeben uns in die Welt freier Gedenken, wo uns Bohren mit reinstem Genuss beglückt. Wir sind begeistert!

Sebastian Bohren spielt am Freitag, dem 16. März 2018 im Piano Salon Christophori.


Sebastian Bohren
Distant Light – Vasks: Vox Amoris, Distant Light & Kancheli: Chiaroscuro
Sony Classical 2018
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Eine Oase der inneren Ruhe: Sebastian Bohren „Distant Light“, 5.0 out of 5 based on 1 rating

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