Quentin Tarantino auf Koreanisch: „Parasite“

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„Parasitismus, auch Schmarotzertum, im engeren Sinne bezeichnet den Ressourcenerwerb eines Lebewesens (genannt Parasit) mittels eines in der Regel erheblich größeren Organismus einer anderen Art.“ Was Wikipedia hier beschreibt, hat der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho meisterhaft auf die Leinwand gebracht. Rezension von Barbara Hoppe.

Denn nichts anderes sind die Kims im Hause der Parks. Wenngleich das mit der „anderen Art“ hier eher metaphorisch gemeint ist. Denn die Parks, eine wohlhabende Familie in einer Nobelvilla in den Hängen oberhalb der Armenviertel von Seoul, können in ihrer Eleganz schon als solche gelten. Hier, in dem Haus eines Stararchitekten, ist alles klar und rein, aufgeräumt und modern, ausstellungsreif arrangiert. Eine Haushälterin hält das große Haus in Schuss, der Chauffeur steuert die Nobelkarosse sicher durch die vollen Straßen und ein ordentlicher Student gibt der Tochter Nachhilfeunterricht in Englisch. Und dabei sind die Parks dummerweise auch noch unglaublich nett. Auch wenn sie nicht mit der Wimper zucken, wenn es darum geht, den eigenen Vorteil zu wahren – sei es zum Wohle der Kinder bei Madame oder zum besten des Geschäfts bei Mr. Park.

Sie sind in ihrer ganzen Freundlich- und Arglosigkeit das beste Einfalltor für eine Familie wie die Kims. Arbeitslos teilen sich Vater, Mutter, Tochter und Sohn ein Kellerloch, in dem das WLAN vom Nachbarn nur auf der Toilette zu empfangen ist, Kakerlaken herumlaufen und man sonst auf dem Boden schläft. Das gelegentliche Falten von Pizzakartons reicht nicht, um der Misere zu entkommen. Doch als Sohn Ki-woo von seinem Schulfreund  – besagter Nachhilfestudent – das Angebot bekommt, während dessen Auslandsaufenthalt als Nachhilfelehrer bei den Parks einzuspringen, wendet sich das Blatt. Denn mit List und Tücke erschleicht sich bald die gesamte Familie Kim das Vertrauen der Parks, deren angestammtes Hauspersonal nach und nach verschwindet. Und dabei sind auch die Kims dummerweise unglaublich nett. Auch wenn sie nicht mit der Wimper zucken, alles zum Wohl ihrer Familie zu unternehmen, sei es, um nur einmal richtig satt zu werden oder endlich auf die Universität gehen zu können.

Komisch, tragisch, bissig – Bong Joon-ho entfaltet ein Kaleidoskop an Gefühlen und Bildern, bei denen sich der Zuschauer mehr als einmal fragt, wie das Ganze ausgehen mag. Denn dass es mit der friedlichen Koexistenz beider Familien im Mikrokosmos der Villa nicht lange gut gehen kann, liegt auf der Hand. Als schließlich ein heftiges Unwetter die Stadt und das Kellerloch der Kims im unteren Teil der Stadt flutet, schraubt Bong Joon-ho die Eskalationsschraube nach oben. Was als Hoffnung für den Aufstieg begann, endet in einem Kampf gegen alle Fronten. Mehr sei nicht verraten. Aber dass dieser Kampf um Wohlstand und Wohlergehen gespickt ist von zahlreichen Wendungen, ist das große Plus des Films. Man mag ihn mit den Meisterwerken von Quentin Tarantino vergleichen – und würde ihm damit dennoch keinen Gefallen tun. Bong Joon-hos Stärke ist das Subtile und das feinsinnig Erzählte, das sorgfältig „in-Szene-setzen“, die Details in Ausstattung, Kostüm und Licht. Und dann ist da eben noch dieses dummerweise unglaublich Nette beider Familien.

Bong Joon-ho hat für „Parasite“ beim diesjährigen Filmfestival in Cannes die Goldene Palme bekommen. Zurecht. Auf so viel intelligente, spannende, komische und bitterböse Filmunterhaltung hat man lange gewartet. Fabelhaft.

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Quentin Tarantino auf Koreanisch: „Parasite“, 5.0 out of 5 based on 2 ratings

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