Originalreportagen aus Europa und dem Heiligen Land von Mark Twain

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LiteraturHistorische Reiseliteratur: besoffen sarkastisch bis sündig schrullig. 
Rezension von Ingobert Waltenberge


„Wir haben eine Schar erstklassiger Leute an Bord und werden während der nächsten fünf bis sechs Monate eine lustige, gesellige, gemütliche Reise genießen. Und schließlich werden wir – mit ein wenig Glück – allesamt auf den Meeresgrund sinken. Denn es gibt kein schlimmeres Elend, als nach einer fröhlichen, sorglosen Fahrt wieder Land (und Arbeit) zu sichten.“ Mark Twain

Der rohe, raue, großspurige, igelige Start ins große Schriftstellerleben

Mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn schrieb der Seehundbart-schnauzige Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain populäre Jugendbücher. Er war ein elender Geschäftsmann, aber umso besserer Durchblicker. Die von ihm ungefiltert von Benimm und gesellschaftlichem Anstand apperzipierte Wirklichkeit mündete so in scharfe amerikanische Gesellschaftskritik. Besonders sarkastisch, stallriechend böse und gnadenlos spitz gerieten aber seine Reisetagebücher. Der unheilig Whisky, Zigarren, Kartenspiel, Flüchen und derben Witzen verfallene Twain war Teil der „Sünder“ oder „Nachtfalken“ auf der Quaker City. Das nach dem amerikanischen Bürgerkrieg ausgemusterte Schiff wurde 1865 versteigert und zu einem Passagierdampfer umgebaut. Das weckte Begehrlichkeiten des Predigers Henry Ward Beecher, der von einer Reise nach Europa bis zu den heiligen Stätten Palästinas träumte. Das edle Unterfangen sollte unter der Schirmherrschaft der Plymouth Church stattfinden und für alle offen sein….

Vergnügungsreise und schriftstellerische Freiheit

Twain war sofort Feuer und Flamme, fünf Monate frei aller Sorgen und Kümmernisse mit Menschen zu verbringen, die nur auf Vergnügen aus sind. Aber Geschäft muss auch sein. Daher wandte sich Twain nach seinen erfolgreichen Hawaii-Reportagen 1866 abermals an die Tageszeitung „The Daily Alta California“ in San Francisco. Das Blatt engagierte ihn –  potz Blitz – zu seinen Konditionen, das waren 1200 Dollar sowie einer Zusage, 50 Reisebriefe aus Europa und Palästina publizieren zu dürfen. Allerdings gab es statt illustrer Schauspielerinnen, hoher Militärs und publicityträchtigen Promis nach der Absage des Reverends und des Generals Sherman nur noch übellaunige Pensionisten, stumpfe Farmer und ein paar selbstgefällige Neureiche an Bord.

Übertreibungskünstler par excellence

Das literarische Ergebnis von Mark Twains stets süffisant und in allerhöchster Übertreibung à la Thomas Bernhard kommentierter Reise waren einmal die erwähnten Zeitungsreportagen und daraus gefiltert das wohl berühmteste Reisebuch der amerikanischen Literatur, „The Innocent Abroad.“ Die gegenständliche Publikation stützt sich erstmals auf die nicht geschönten noch geglätteten Originaltexte. Dabei wurden nicht nur die ursprünglichen 50 Berichte unter dem Titel „The Holy Land Expedition“ herangezogen, sondern auch sechs weitere Reisebriefe, die Mark Twain in der „New York Tribune“ drucken ließ, sowie ein „abschließender, äußerst boshafter“ Aufsatz aus dem „New York Herald“. Da Mark Twain seine Recherchen für verschiedene Zeitungen nutzte, kommt es an einigen, wenigen Stellen zu inhaltlichen Überschneidungen im Buch. So gibt es bspw. zwei Beschreibungen vom Besuch beim russischen Zaren.“, so Alexander Pechmann im Vorwort. Pechmann ist aber auch der geniale Übersetzer, der aus dem 1958 von Daniel Morley McKeithan bei der University of Oklahoma Press herausgegebenen Sammelband „Traveling with the Innocent Abroad. Mark Twain’s Original Reports from Europe and the Holy Land“ das vorliegende, auch auf Deutsch sprachkünstlerisch überaus farbenprächtige Werk nachgeschaffen hat.

Twains ‚Stil‘ in drei Zitaten

„Dan“ war ein herrlich unmoralischer, tabakrauchender, weintrinkender, gottloser Kabinengenosse und der „beste, wahrhaftigste und vernünftigste Mann, der je gelebt hat.“

„Diese Stadt (=Annunziata) ist die allerletzte auf Erden. Hier haben sie das letzte Stückchen Anstand verloren. […] Sie bedrängen dich, plagen dich, umschwärmen dich und schwitzen und stinken und lügen, sehen hinterlistig und gemein und kriecherisch aus – die geballte Essenz des seelenlosen, Staub küssenden Abschaums der Erde.“

„Von allen lächerlichen Dinge, die ich je gesehen habe, ist unsere Gruppe aus acht Personen am lächerlichsten. Die Ellbogen flattern wie ein Hahn, der sich anschickt zu krähen und die lange Reihe an Sonnenschirmen hüpft krampfhaft hoch und nieder. Wird dieses entsetzliche Bild am helllichten Tag zur Schau gestellt, staunt man, dass die Götter nicht ihre Blitze hervorholen und die Pilger von Julesburg nach Jericho scheuchen! Warum haben sie es nicht längst getan. Ich hätte eine solche Karawane nicht durch mein Land ziehen lassen.“

Himmlisches Versailles

Na gut, wieder zurück in die USA. Das Schiff stach endlich in See. Über die Azoren, Gibraltar und Tanger erreichte der nach heiligen Einsichten und weniger segensreich nach gestibitzten Souvenirs gierende Trupp Paris und Versailles. Dort trifft der erstaunte Leser nach vieler Schimpferei und übellaunigem Genörgel, manch flauem historischem Diskurs und der einen oder anderen poetischen Landschaftsschau auf einen schwärmerischen Twain: „Sollte ich tausend Jahre leben, werde ich dennoch nie etwas auch nur halb so Schönes zu sehen bekommen.“ Lobpreisende Auslassungen dieser Kategorie finden sich im Buch nur noch anlässlich der Beschreibung von Jalta und dem Besuch der Ami-Touristenmannschaft beim russischen Zaren und seiner Familie.

Cover: mare Verlag

Italien

Zuvor heißt es aber: Anschnallen, Italien kommt: Genua, Mailand, Comer See, Venedig, Florenz, Civitavecchia, Neapel, Pompeji und der Vesuv. Twain gibt selber die Anleitung zu dem, was die Leserschaft erwartet: „Und nun, da ich mich aufgewärmt habe, kann ich ebenso gut weitermachen und jeden beschimpfen, der mir in den Sinn kommt.“ Marks gigantische Begabung des Fluchens erweist sich ebenso als ausbaufähig: „Je weiter ich reise, desto schlimmer werden die Barbiere. Anfangs reichte es noch, auf Englisch zu fluchen, aber ich möchte lieber keine italienische Rasur mehr riskieren, ehe ich in sieben verschiedenen Sprachen fluchen kann.“

Griechenland und Konstantinopel

Twains gloriose Begabung, in der Kajüte bildreich mit scharfem Bleistiftstrich das Erlebte nicht in mildes Abendlicht, sondern ungeschminkt in die blanke Haut zu ritzen, erfährt in der Beschreibung des nächtlichen Ausflugs auf die Akropolis einen gewaltigen Höhepunkt. Als Blockadebrecher (elf Tage hätten sie an Bord des Schiffes in strenger Quarantäne ausharren müssen) gingen vier gegen elf Uhr nachts in einem kleinen Boot unauffällig an Land. Umgeben von den Schätzen der Vergangenheit stahlen sie so viele Weintrauben wie möglich, von Polizei und Feldwächtern gejagt.

In Konstantinopel beobachtet Twain – wie immer unartig –  Mode, Gänsehirten, Hunde, tanzende Derwische, Sklavenmädchenmärkte, türkische Bäder und erreicht am 22. August1867 Sewastopol, „die wahrscheinlich am schlimmsten zugerichtete Stadt Russlands oder der ganzen Welt. […] Pompeji ist im Vergleich zu Sewastopol in einem guten Zustand.“ Twain schildert drastisch die Folgen des Krimkrieges, Ruinen und Schlachtfelder und die amerikanischen Andenkenjäger auf der Suche nach Kanonenkugeln, zerbrochenen Rammböcken und Granatenfragmenten. „Einige haben sogar Knochen gesammelt, sie emsig von weither gebracht, um dann mit betrübter Miene vom Schiffsarzt zu erfahren, dass sie von Ochsen und Maultieren stammten.“

Nach Russland, Syrien, Libanon endlich Palästina

Aber wir verzetteln uns: Nach einem bukolisch idyllischen Zwischenspiel in Odessa, Jalta und beim Zaren Alexander II. (Twain hat hier wohl Kreide gefressen und ergeht sich in Lobpreisungen russischer Gastfreundschaft und edler Sitten) kommt die pilgernde Landpartie am 5. September in Smyrna an. „Überall liegt Dreck, überall gibt es Flöhe, überall tummeln sich dünne Hunde mit gebrochenem Herzen.“ Schmunzelnd staunt der Leser über Riesenkamele, gemietete Esel, eine Austernmine und den Eisenbahnbau. Über Ephesos und einem Zeltlager in den Bergen des Libanon und einem weiteren acht Stunden hinter Damaskus, ebenda und Banyas erreicht die illustre Reisegesellschaft Palästina. Hier startet Twain mit dem eigenartigen Versuch, für Städte eigene Namen zu erfinden: „Eigentlich heißt der Ort Caeserea Philippi, aber ich nenne ihn Baldwinsville, weil es besser klingt und ich es mir besser merken kann.“

Die etwas andere Bibelkunde

Auf den nächsten 200 Seiten zeigt uns Twain, wie aufmerksam er die Bibel studiert hat. Das klingt bisweilen penetrant nach Besserwisserei, auf der anderen Seite ist erstaunlich, wie im Detail kenntnisreich Twain Relikte der Vergangenheit mit pittoresken Geschichten verknüpft. Natürlich sprudelt auch sein schräger Humor, wenn er vom Schwimmen im See Genezareth spricht, über die fromme Begeisterung der Pilger lästert oder die geschäftstüchtigen Leibwächter „zum Schutz gegen die Beduinen“ mit Spott überschüttet. Biblische Stätten und Heilige Orte gespickt mit Erbaulichem und Banalem lässt Twain unermüdlich Revue passieren: das Tal von Jerom, den Jordan, Kapharnaum, Nazareth, Magdala, Hattin, den Berg Tabor, Jesreel, Samaria und als Krönung der Reise Jerusalem. Der erste Eindruck enttäuscht. „So klein! Sie war nicht größer als ein amerikanisches Dorf mit 4.000 Einwohnern oder eine gewöhnliche syrische Stadt mit 30.000. In Jerusalem leben nur 14.000 Menschen.“ Das Heilige Grab und die Geißelsäule, alles wird akribisch besucht und besichtigt, wortreich beschrieben und in allen Hell- und Dunkelschattierungen bewertet. Bis zur finalen Erkenntnis:

Zu viel des Guten

„Wir haben jetzt die Nase voll von Sehenswürdigkeiten. In Jerusalem fasziniert uns nichts mehr bis auf die Grabeskirche.“ „Wir haben uns durchgequält. Dieser Gedanke weckt unbeschreibliche Glücksgefühle. Doch den Froschtümpel, den man Hiskija Becken nennt, wo David die Frau Urijas beim Baden beobachtete und sich in sie verliebte, haben wir leider nicht gesehen.“

Der Leser folgt dem pfiffigen Schwadroneur mit seinen akrobatisch sprachlichen Entfesselungskünsten, seinen schrulligen Beobachtungen, Kinkerlitzchen und Trallafitti. Aber genug ist genug. Wir ziehen uns zurück und bemerken: Vergessen Sie nie, es handelt sich um ein historisches Reisebuch. Alle Wertungen und Urteile des Autors sind der Zeit ihrer Entstehung geschuldet und dürfen nicht mit heutigen Maßstäben der political correctness gemessen werden.

Nachwort

„Da gibt es einen Tisch, von dem unweigerlich lautes, ansteckendes Gelächter herüberschallt, und alle Blicke richten sich auf Mark Twain, dessen Gesicht wunderbar geeignet ist, um Heiterkeit zu erwecken. Er sitzt träge am Tisch in einer nicht sonderlich vornehmen Haltung und hat dennoch etwas Unbeschreibliches an sich, das interessant und anziehend wirkt. Ich sah heute beim Abendessen, wie ehrwürdige Theologen und weise Männer sich wegen seiner Possen und eigenartigen Manieren vor Lachen schüttelten.“ Mary Maison Fairbanks

Geneigte Leserin, geneigter Leser: Ich empfehle ihnen Selbiges!

Mark Twain
Unterwegs mit den Arglosen:
Die Originalreportagen aus Europa und dem Heiligen Land
mare-Klassiker, mare Verlag, Hamburg 2021

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