Last Minute: „Anton Romako. Beginn der Moderne“ im Leopold Museum Wien

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Herausragende Werke eines unterschätzten Künstlers in einer kleinen, aber feinen Ausstellung. Von Izidor Mendas.

Mancher Gymnasiast kennt aus seinen Geschichtslehrbüchern das Bild Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa (I) (1882). Ein kompositorisch gewagter Ausschnitt in Frontalansicht, heute würde man sagen ein Schnappschuss, zeigt den breitbeinigen und kühnen Admiral, der von der Kommandobrücke seine Truppen entschlossen zum Sieg gegen die überlegene italienische Flotte führen wird. Es ist die Sternstunde der ehemaligen k. u. k. Monarchie. Besonders die ausdruckvollen Gesichter der Matrosen bestechen durch ihre Unmittelbarkeit. Anton Romako (1832-1889), der dieses Gemälde voller Dynamik geschaffen hat, bleibt aber trotzdem außerhalb Österreichs ein großer Unbekannter in der Kunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, deswegen ist die ihm gewidmete Retrospektive im Leopold Museum Wien ein willkommenes Geschenk.

Gleich im ersten Ausstellungsraum wird der Besucher mit den gängigen Vorurteilen bezüglich der Malerei der Epoche konfrontiert: akademische Historienmalerei, sentimentale Familienporträts mit Biedermeier-Echo, Genrebilder mit einem Hauch Habsburger Italien-Nostalgie, pastorale Szenen… Die Werke sind gut ausgeführt, aber nicht außergewöhnlich. Dann bleibt man aber vor einem Gemälde stehen. Das großformatige Mädchen aus dem Sabinergebirge (1870-72), als plebejische Göttin interpretiert, spricht uns mit ihrem verführerischen Stolz direkt an. Noch tiefer durchdringt uns der leere Blick des Italienischen Fischerkindes (1873-75), wo der Maler mit wilden protoexpressionistischen Pinselstrichen eine psychologisierte Studie einer Gestalt am Rande der Gesellschaft schafft. Nicht umsonst nennt Oskar Kokoschka Romako als seinen Urahnen.

Mit Vorsicht kann man behaupten, Romako sei ein Wegweiser in die Moderne, vielmehr bleibt er aber ein typischer Vertreter des stürmischen 19. Jahrhunderts, der entgegengesetzte Impulse wahrnimmt und sie auf die Leinwand meisterhaft überträgt. Auslandsreisen, romantische Naturrezeption, entstehende Marktgesellschaft und Siegeszug des Bürgertums, elektrisierende politische Spannungen und Ausbau der Nationalstaaten, Individualismus und zur Mystik neigender Symbolismus, Aufbruchsstimmung und süße Resignation, sentimentale Gestik und narrativer Realismus: all diese Elemente findet man im Romakos Werk wieder. Nach seinem Studium in Wien und München lebte er mehr als 20 Jahre in Rom, bevor er sich 1876 endgültig, abgesehen von kürzeren Aufenthalten in London, Paris, Venedig und Genf davor und danach, in Wien niederließ. Der unkonventionelle leicht exzentrische Künstler konnte sich aber im Pantheon der Wiener Kunstszene nicht etablieren; die ersehnten Ruhm und Erfolg blieben aus. 1889 starb Romako hoch verschuldet und einsam. Erst die nächsten Generationen werden seine Kunst wirklich schätzen lernen.

ANTON ROMAKO, Herr und Dame in einem Salon (Makart-Stil), 1887 © Wien Museum

Als ein technisch unglaublich raffinierter Maler, behauptete er sich in den meisten Sparten der damaligen Malerei. Er wollte zwar vorrangig als Historienmaler wahrgenommen werden, obwohl auf diesem Gebiet Hans Makart das Zepter fest in der Hand hielt. In jedem Genre, das er antastete, entdecken wir die Werke unterschiedlicher Qualität. Romakos Landschaften können, zum Beispiel, ziemlich konventionell, für die Wohnzimmerdekoration geeignet, oder, wie die Gastainertal-Serie, innig, fast impressionistisch wirken. Da werden Abend und Nebel zu subtilen Übermittlern der seelischen Zustände.

Der Höhepunkt seines Schaffens stellt wahrscheinlich seine Wiener Porträtmalerei dar. Die menschlichen Charaktere auf Romakos Bildern werden zu mutigen Zeugen ihrer bewegten Zeit, wobei sie auch eine vielschichtige zeitüberschreitende Komponente besitzen, die noch heute sehr aktuell erscheint. Aus meistens pastellfarbigen, monochromen oder nicht ganz definierbaren Hintergründen treten lebendige Individuen heraus,  die durch kritischen Blick oder Mitgefühl des Künstlers begleitet werden. Sei es ein Kind (einfühlsames Bildnis von Romakos Tochter Mathilde, oder Mädchen mit Kaninchen im Arm (1885), wo die Vorder- und Hintergrundmotive provokativ in gleicher Schärfe gemalt werden), ein unbekannter Galant beim Anzünden der Zigarette, wie im Porträt eines jungen Mannes (1878), oder ein etablierter Mitglied des Gutbürgertums aus den Bildnissen von Christoph und Isabella Reisser (1885), wo der Herr mit erstarrten Würde und die Dame mit ihrer fast grotesk wirkenden Zurschaustellung ihrer Zähne dargestellt werden, Romakos genaue zeichnerische Linie, dynamische Komposition und die Leidenschaft für die Farbe bestätigen den Zuschauer in der Annahme, dass es sich um einen ganz großen Künstler handelt.


ANTON ROMAKO, MÄDCHEN MIT KANINCHEN IM ARM, 1885 © Landessammlungen Niederösterreich/ Foto: Landessammlungen Niederösterreich, Peter Böttcher

Auch seine intimeren alltäglichen Genreszenen stehen diesen Porträts im Nichts nach. In Herr und Dame in einem Salon (1887) scheinen sich die Figuren allmählich im üppigen, zu Last gewordenen und symbolträchtigen Innenraumdekor aufzulösen, was schon auf die Sichtweise der Nabis hindeutet. Die Freundinnen (1880-82), die sich in einem Garten ihren Fantasien hingeben, erzeugen eine überspannte, hypersensible Stimmung und scheinen für eine Sitzung auf Freuds Couch reif zu sein. Romakos schwierige persönliche Umstände spielen in diesem Kontext der chronischen Nervosität eine wichtige Rolle. Nach dem frühen Tod der Eltern kommen noch weitere Schicksalsschläge: die Frau verlässt ihn und die beiden jüngsten Töchter begehen Selbstmord, diese Traumata haben in ihm tiefe Spuren hinterlassen und sein Werk sicherlich beträchtlich beeinflusst.

Die Ausstellung ist relativ klein, aber fein. Es lohnt sich vor jedem Gemälde stehenzubleiben. Das gilt besonders für den dritten Saal, wo sich die Historienmalerei, Mythologie und Träumereien befinden.  Diese traditionellen Gattungen werden aber umgedeutet. Im düsteren Bild Prinz Eugen von Savoyen in der Schlacht bei Zenta (1880-82) wird der ruhmreiche General zur Randfigur inmitten des Gemetzels und beim Totentanz auf dem Schlachtfeld vor brennenden Ruinen (1882-85) wird die expressive Abbildung der Geisterschlacht der Skeletten zu einer desillusionierten Reflexion über den Unsinn der kriegerischen Auseinandersetzung. Ungewohnte Stillmittel setzten sich fort: Odysseus vor Circe (1884-85) zeigt uns eine wohlbekannte mythologische Szene als ein theatralisch inszeniertes Drama mit übertriebenen (ironischen?) Gesten, das Kolorit nimmt die Exotik des Fin de Siècle vorweg. In Barcarole (1882-84), die synchron verschiedene Szenen aus der Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen schildert, beweist Romako seine Vorliebe für die Lockerung der räumlichen und zeitlichen Dimensionen.  Lustige Gesellschaft in einer Gondel (1873-76) kokettiert sowohl mit Präraffaeliten als auch mit der Rokoko-Malerei von Watteau und Boucher. Romako ist vielseitig  und arbeitet gerne mit Gegensätzen. Das Festhalten eines Augenblicks wird als Spagat zwischen Inhalt und Form aufgefasst, was seiner Malerei neuen Duktus verleiht. Ob man seine Arbeitsweise als Vorahnung der Moderne oder Überschneidung unterschiedlicher Strömungen versteht, ist unwichtig. Die Intensität seines originellen künstlerischen Ausdrucks ist ihm wichtiger als die Zufriedenstellung des Auftraggebers, was beim Betrachter manchmal Unbehagen auslöst.

Wenn die Kinder in seinen Porträts oft mit Gegenständen wie Blumenstrauß oder Haustier dargestellt werden um weitere Deutungen zu ermöglichen, wird das berühmte Mädchen, einen Wildbach überschreitend (1880-82) selbst zu einem symbolischen Akt. Das Mädchen versucht, in sich versunken, das Gleichgewicht zu behalten, um nicht in den Abgrund zu stürzen und voranzukommen. Oder ist sie einfach stehengeblieben? Es ist ein passendes Sinnbild für das künstlerische Oeuvre Romakos und letztendlich für unsere menschliche Existenz. Wir bestimmen mit Hier und Jetzt unsere eigene Wirklichkeit.

Anton Romako. Beginn der Moderne
Ausstellung bis zum 18. Juni 2018
Katalog zur Ausstellung

Leopold Museum
Museumsplatz 1
1070 Wien

Öffnungszeiten:
täglich 10 bis 18 Uhr
donnerstags 10 bis 21 Uhr

13 Euro/8 Euro

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