Künstlerischer Idealismus beim Abschlusskonzert des Érard-Festival in der Hamburger Laeisz-Halle

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikVon Stefan Pieper.

Chopin, Mendelssohn, Schumann, Brahms und viele andere Zeitgenossen spielten auf Flügeln aus der Produktionswerkstatt von Sébastien Érard, die nach seinem Tod 1831 von seinem Neffen Pierre weitergeführt wurde. Von ihm stammen die wunderbaren Instrumente, die uns noch heute verzaubern. Richard Wagner fühlte sich nach dem ersten Hören des feinen Klangs aus einem solchen Instrument für seinen „Tristan“ inspiriert. Die Rede ist von jenen französischen Érard-Flügeln, welche im 19. Jahrhundert den state of the art markierten, bevor Steinway sein weltweites Monopol errichtete. Seit Jahren pflegt die Érard-Gesellschaft unter Federführung von Stephanie und Mathias Weber die feine Klangkultur, die sich aus einer völlig anderen Konstruktion dieser Instrumente ergibt. Das daraus resultierende „etwas andere“ Klavier-Erlebnis inspiriert immer wieder aufs Neue zur klug durchdachten kammermusikalischen Begegnung. Beim Abschluss-Konzert des diesjährigen Érard-Festivals in der Laeisz-Halle verband ein großer künstlerische Idealismus Menschen, Nationen und Generationen.

Zu Beginn betrieb der junge Franzose Hugo Philippeau eine forschende Auseinandersetzung mit Komposition und Instrument aus heutigem Geist heraus. In Franz Schuberts tiefschürfender Spätwerk-Klaviersonate c-moll traut sich Philippeau vieles, um Neues und Tiefes in den Noten zu entdecken. Dramatisch-ruhelos zeichnet sein Spiel diesen typisch-Schubertschen Zustand des „Getriebenseins“ nach. Unerschrockene Präzision bleibt auch bei den dunklen Facetten dieser Musik bestehen, aber er lässt auch die kindlich liedhaften Passagen unschuldig aufleuchten. Sich hinein begeben und „loslassen können“ – das ist seine Sache in der gespenstisch pulsierenden Tarantella des Finalsatzes. Philippeau, dieses Multitalent aus Paris wurde schon beim vorigen Érard-Festival in der Elbphilharmonie begeistert gefeiert. Aktuell macht er auch mit einem eigenen, sehr erfolgreichen Trio von sich reden. Ebenso sorgte eine experimentierfreudige Inszenierung von Schönbergs „Pierrot Lunaire“ an der Lyoner Oper für Furore.

Aktives Hineinhören ist gefragt

Der Érard-Sound ist deutlich weniger „fett“ als der Steinway-Klang. Das begünstigt die feine Klangsprache, in die ein aktives Hineinhören gefragt ist. Die gleichberechtigte Interaktion mit anderen Instrumenten ist die Königsdisziplin dieses Instruments. Mathias Weber und der Cellist Christian Brunnert trafen vor 40 Jahren beim ARD-Wettbewerb aufeinander. Ihre Wiederbegegnung auf der Bühne wurde schon beim zweiten Programmpunkt des Abends zum Freudenfest, nämlich in  Chopins einziger Sonate für Pianoforte und Violoncello: Wie dynamisch der Érard zupacken kann, zeigt sich in einem kolossalen Stürmen und Drängen, welches vor allem Christian Brunnerts Cellospiel befeuert. Hier herrscht maximaler menschlicher Konsens, der die beiden über der ganzen formalen, zukunftsweisenden Kühnheit dieser Komposition souverän drüber stehen lässt.

Dramatische Seelenzustände

Ein Abend in dieser konzentrierten Atmosphäre, mit einem offenkundig im Zuhören geschulten Publikum taugt bestens, um mehr als nur „Häppchen-Kost“ zu liefern. Und so markierte auch jeder weitere Programmpunkt eine große Welt für sich: Robert Schumann war, wie viele andere auch, von Johann Wolfgang Goethes „Mignon-Liedern“ angefixt. Er hat daraus nichts geringeres als ein kolossales, dramatisches Epos kreiert. Jetzt lag es an Klaus-Dieter Jung – einem der profiliertesten Liedbegleitungs-Pianisten – auf dem Érard-Flügel für umfassende orchestrale Größe zu sorgen. Denn die braucht es als Gegengewicht für jene Seelenzustände, welche Romana Noack, Sopran und Michael Wolfrum in hoher dramatischer Verdichtung erzeugten.  

Als wäre die Musik nur für diese Spieler komponiert….

Zum Finale noch einmal eine Familienbegegnung mit Gewicht: Mathias Weber übernahm wieder den Érard, während Cellist Christian Brunnert zusätzlich noch seinen Sohn Lucas Brunnert an der Violine ins Spiel brachte. Auch der geht längst unbeirrt einen individuellen Weg und hat vor allem mit einem Solo-CD-Debüt (Lucas Brunnert: Gateway in the beyond, Aldila Records 2020)voll aufregender Repertoire-Neuentdeckungen eine hoffnungsvolle künstlerische Eigenständigkeit bewiesen.

Mendelssohns Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello wirkte an diesem Abend so, als wäre es extra nur für diese begeisterungsfähigen Musiker komponiert. Eine Kantilene, mit der man die Welt umarmen könnte, eröffnete diese leidenschaftliche Konversation zu dritt. Und auch im weiteren liefert dieser frühreife, früh verstorbene Komponist zuverlässig alles, wodurch eine solche Interaktion einmalig wird. Wenn man all dies nur virtuos, energetisch und hellwach auszuleben weiß. Das beste Kapital war einmal mehr die menschliche Chemie zwischen Mathias Weber, Christian und Lucas Brunnert. Spätestens beim tänzerischen Feuer im Finalsatz entfesselten, wollte wohl niemand mehr aus diesen reichen Klangbädern auftauchen müssen. Da erwies sich der langsame Satz aus Beethovens Gassenhauer-Trio als denkbar beste Brücke, um sich sanft wieder mit der Realität zu versöhnen.

Die Laeisz-Halle erwies sich an diesem langen, gehaltvollen Abend einmal mehr als sinnliches Kleinod: Das glänzende Holz der Bühnenverkleidung schmiegte sich stimmig an das Finish des Érard-Flügels an, so viele atmosphärische Wärme drumherum tat den Musikerlebnissen einfach gut.  Ohnehin ist es staunenswert, wie Anfang der 1950er Jahre dieses einstige Jugendstil-Palais zu einer funktionalen Spielstätte ertüchtigt wurde – die akustisch der großen Elbphilharmonie das Wasser reicht….

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