Klein und mit bunten Zuselhaaren: Das NEINhorn von Marc-Uwe Kling

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Ein Plädoyer für Nonkonformismus und gelebte Individualität – eine Absage an Mainstream und oberflächliches Glücksstreben. Rezension von Ingobert Waltenberger.

Klein, gewaltig übellaunig, mit bunten Zuselhaaren, einem hellblau-weiß gestreiften Hörnchen zwischen den Öhrchen und großen schwarzen Augen. Der Blick zielt direkt ins Auge des Betrachters, der die Stimmung des grantig sympathischen Mini-Einhorns so gut nachvollziehen kann. Ich glaube, Frau Astrid Henn hat sich schon mit der genial ruppigen Darstellung des „Neinhorns“ auf dem Cover ganz tief in die Herzen vieler Kinder und Erwachsener gezeichnet….

Marc-Uwe Kling ist da eine Liebeserklärung an die Unangepassten unter uns gelungen, die in ihrem herben Charme bewegt. Unsere ganz oder ziemlich Kleinen, die in ihrer Trotzphase gespiegelt, ohne es zu merken, über sich selbst lachen können, aber auch viele Erwachsenen, denen dieses obstinate Nein bei Betrachtung der alltäglichen Lebenszwänge nicht nur in Corona-Zeiten aus tiefster Seele spricht. Ist es so schlimm, einfach selbst sein zu wollen, nicht alles mitmachen müssen, wozu man keine Lust hat, nein zu sagen, wo andere ja sagen, aber oft nein meinen?

Aber langsam. Die hübsch störrische Geschichte unseres Außenseiters geht so: Die Einhornfamilie lebt im wunderschönen Herzwald im Land der Träume, wo die Blumen so groß sind wie Träume. Statt Brot gibt es Kekse zu knabbern und die tief liegenden Wolken sind aus Zuckerwatte. Schlicht und einfach das Paradies. Auf einmal kommt ein überaus süßes, mähnenbauschiges und superflauschiges Einhorn auf die Welt. Das einzige Problem: Es fühlt sich nicht so ganz wohl in seiner Haut und lehnt einfach alles ab, was die Erwachsenen von ihm wollen: das Waschen, die Schule, den Sport und sogar den gezuckerten Glücksklee. Das Hörnchen will auch nicht mit den Knuddel-Engelchen auf den Kuschelwölkchen Mittagsschlaf halten. Nichts kann es reizen. Dabei gibt es gar verlockende Angebote, sei es mit den sieben güldenen Feen zu tanzen oder über den funkelnden Regenbogen zu rutschen und dabei an rosa glasierten Äpfeln lutschen.

Das NEINhorn vergnügt sich am liebsten alleine abseits der Reime, badet im Schlamm und isst halbfaulige Äpfel. Und findet dann doch die richtigen Freunde: Den Waschbären, der so schlecht hört (oder nicht hören will – mal so, mal so) und immer nur „Was?“ fragt. Gemeinsam trotten sie nach nirgends los und treffen auf einen großen faulen, in der Sonne sich fläzenden Hund, der immer nur „Na und?“ sagt.

Schließlich befreien das NEINhorn, der WASbär und der NAhUND die KönigsDOCHter aus dem Turm der totalen Tristesse, die der Vater wegen ihrer andauernden Widerworte eingesperrt hat. Sie ergeben eine tolle Rasselbande, die sich oft mit endlosen Gesprächen wie „Nein“, „Doch“, „Nein“, „Doch“, „Was?“, Nein“, „Na Und!“ usw. vergnügt.

Die vier genießen ihr bockiges Leben, manchmal essen sie sogar ein wenig Glücksklee mit der Einhornfamilie, aber keine – bäh! – Petersilie!

Dasn Neinhorn
Cover: Carlsen Verlag

Am Ende der Geschicht‘ gibt es keine Moral, da ist schon das NEINhorn vor. Oder doch? Auf jeden Fall kapiert die KönigsDOCHter ziemlich rasch, dass Untertanen vielleicht doch nicht die besten Freunde abgeben und trägt das NEINhorn flugs huckepack auf ihrem Rücken (statt umgekehrt). Ein kleiner frecher Rabe sitzt derweil auf der goldenen Königskrone und freut sich.

Es stellen sich viele weitere fantasievolle Tierchen vor, die ihr Leben so leben mögen, wie es ihrer Art und ihrem Charakter entspricht: Der Iiihgel, die Schmatze, der Abär, die Schlaumeise, der Ählch, der Plappergei, die Warummel, die Heule, der Bibber, das Musspferd, der Gähnpard oder der Pausenfüssler.

Die Liste der eigenbrötlerischen Mäuschen und Spatzen, Fischlein oder Käfer soll noch länger werden, alle können gerne beliebig viel dazu erfinden.

Das Duo Kling/Henn hat mit dem Buch schon jetzt einen Klassiker geschaffen, der noch viele Generationen an Kindern und Erwachsenen beschäftigen wird. Kann sein, dass der eine oder andere Bub bzw. das eine oder andere Mädel die Eltern nach Lektüre mit endlosen „Nein“, „Was?“ oder „Doch“-Tiraden nerven werden. Aber den eigenen Weg konsequent zu gehen, erfordert manchmal halt Widerborstigkeit, oder?

Mich entzückt ganz besonders auch die grafische Umsetzung, die schon alleine einen Oscar verdiente. Bravo.

Marc-Uwe Kling / Astrid Henn
Das NEINhorn
Carlsen Verlag, Hamburg 2019
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