Fantastischer junger deutscher Bariton singt Dichterliebe hoch zwei: „Im wunderschönen Monat Mai“ von Robert Schumann und Robert Franz

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Von Ingobert Waltenberger.

Die 16 Heine Gedichte haben bekanntlich Robert Schumann zu vokalen „Flöten und Geigen“ inspiriert, aber auch in zahlreichen anderen großen Tonsetzern quicklebendige musikalische Imaginationen erweckt. Bis zum Jahr 2009 gab es immerhin zwölf parallele Vertonungen von Schumann & Co.  So ist auf der vorliegenden CD die russische Version von „Aus meinen Tränen sprießen“ des Modest Mussorgsky oder „Im Rhein, im schönen Strome“ von Franz Liszt zu hören. Aber auch Charles Yves („Ich grolle nicht“), Edvard Grieg („Hör ich das Liedchen klingen“), Hugo Wolf („Wenn ich in deine Augen sehe“), oder Fanny Hensel („Verlust“) ist Essentielles zu den sprachbildmächtigen Gedichten eingefallen.

Der viel zu wenig aufgeführte Robert Franz trägt den größten Anteil an alternativen Eingebungen mit vier Titeln: „Im wunderschönen Monat Mai“, „Die Rose, die Lilie“, „Ich will meine Seele tauchen“ sowie „Am leuchtenden Sommermorgen“. Die genuine Heine-Ader von Carl Loewe ist mit „Ich hab im Traum geweinet“, von Felix Mendelssohn-Bartholdy mit „“Allnächtlich im Träume seh ich Dich“ zu entdecken. Da fehlten aber noch vier.

Die Lücke schloss Stefan Heucke mit dem Zyklus „Nachtigallenchor“ nach vier Gedichten von Heine, beauftragt vom Bass Assaf Levitin und dem Pianisten Dan Deutsch. 2011 uraufgeführt, komplettiert das Kleeblatt nun die 16 Lieder, die Robert Schumann zur „Dichterliebe“ verführt haben. Bei Schumann war es ja gerade umgekehrt: Von den ursprünglich 20 Titeln nahm er vier vor der Drucklegung 1844 wieder heraus.

Das Besondere an Schumanns Kompilation ist, dass sie eine geschlossene Geschichte erzählt, „als eine emotionale Achterbahnfahrt, die zwischen Spott, Ironie, Innigkeit und tödlichem Ernst wechselt.“ (Stefan Heucke). Dieses Momentum darf auch für den zweiten ‘Zyklus’ gelten.

Nun liegen erstmals auf einem Tonträger beide „Zyklen“  vor. Für Wiener Opernbesucher wartet die CD noch dazu mit der aktuellen musikalischen Visitenkarte des Ensemblemitglieds Samuel Hasselhorn auf. Der blonde  deutsche Bariton ist seit September  an der Wiener Staatsoper in der Rolle des Ottokar im Freischütz zu erleben. Wer sich die beeindruckende Liste seiner jüngsten Debüts aber auch das eine oder andere YouTube Video ansieht, darf sich von diesem aufgehenden Stern am Opernhimmel viel erwarten. Und tatsächlich ist seine Stimme individuell reich timbriert,  der Stimmumfang beträchtlich. Zu einer erdig ausladenden Tiefe gesellen sich eine kräftige Mittellage und  sensationelle Höhen. Hasselhorns Vortrag zeugt von dramatischem Sinn, erzählerischer Lust und instinktiver gestalterischer Kraft. Kein anämischer Notenzähler, kein  kopflastiger nur am kleinen Detail interessierter Tüftler ist hier am Werk, sondern ein vor Energie berstender Vollblutmusiker, der ein wenig an den jungen Terfel erinnert. Hoffentlich wagt er sich nicht zu rasch in allzu dramatische Gefilde vor. Könnte sein, dass das feine Vibrato einem solchen Druck nicht standhielte.

Am Klavier begleitet von Boris Kuznezow, liegt die Stärke der neuen Aufnahme abseits der programmatischen Idee in einem sehr persönlichen Zugang und einer hohen emotionalen Direktheit. Es gibt sicherlich stilistisch ausgefeiltere Interpretationen, aber kaum erzählerisch dichtere. Wie lebenswichtig Liedgesang für Herrn Hasselhorn ist, lässt sich nicht nur an den zahlreichen internationalen Preisen ablesen. Privat singt der Barde schon das eine oder andere Mal für seine schwangere Frau oder den rekonvaleszenten Vater. Er glaubt offenbar an die positive Energie und gute Kraft von Musik, die über den Faktor Unterhaltung hinaus noch mehr bewirken kann. Daher ist sein Motto echte Gefühle und keine ‘Fakes’ auch im Konzert. Also nicht nur Technik und künstlerisches Virtuosentum, sondern die ‚conditio humana‘ als Fundament vokalen Ausdrucks. Das überträgt sich unmittelbar auf den Hörer.

Hi-fi Freaks aufgepasst: Eine klangliche Innovation wird im Album angekündigt. Für audiophile Geister wird es in Zukunft einen speziellen 3D-Stream geben, der über entsprechend zertifizierte Soundbars abrufbar sein wird. Eine derartige 3D-Aufnahme soll eine absolut realistische Wiedergabe wie in einem Konzertsaal ermöglichen. Die nötige Hardware ist erst seit diesem Jahr im Handel.

Samuel Hasselhorn
Dichterliebe²
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