Das Salzburg Museum präsentiert Asservate aus dem Festspiel-Jahrhundert

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100 Jahre Salzburger Festspiele

Aus Salzburg berichtet Stephan Reimertz.

Nimm dich in acht!


Seltsame Kreise
Spinnen sich leise
Aus klagenden Augen
Und sie saugen
An deinem Glück!
– Hugo von Hofmannsthal

Es stimmt doppelt melancholisch, wenn man in diesem Sommer überall in Salzburg das Motto „100 Jahre Salzburger Festspiele“ liest. Erstens, weil es einem vor Augen führt, wie schnell das Jahrhundert verwehte… und die Hälfte dieser hundert Jahre war man selbst bei den Salzburger Festspielen dabei; zweitens, weil eine Unterhaltung über Salzburg und die Festspiele immer auch ein Gespräch über die unaufhaltsame Zerstörung der Stadt ist. Die Hauptsponsoren der Festspiele sind Rolex, Audi und Nestlé. Würden Sie ein Produkt einer dieser Firmen kaufen? Mitten in der Klimakrise werden die Manager und ihre Frauen in dicken Limousinen vors Festspielhaus gekarrt. Die Opern sind den Frauen dann aber doch etwas zu lang, wie man an dem Getrappel ihrer Schuhe während der Aufführungen hört. Ich freue mich immer, wenn ich meine kultivierten und musikbegeisterten Festspiel-Freunde aus den alten K&K-Familien treffe und wundere mich über die grauen Mäuse aus der Wirtschaft. Erzherzöge sind eben doch amüsanter als Vorstandsvorsitzende.

Einst und jetzt


bayer verkleidet als österreicher
rück ich der tradition zu leibe
findt man mein hotel bei google
werd ich reich und immer reicher
für mich ist mozart eine kugel
und die erde eine scheibe

Stephan Reimertz in: der salzburger, 2012

Sind genannte Sponsoren mit Hofmannsthals Leitwort zu den Festspielen zu vereinbaren? Der Dichter schrieb: „Die Nationen sollen einander in ihrem Höchsten erkennen, nicht in ihrem Trivialsten.“ Den grauen Wirtschaftsfunktionären werden im Festspielhaus eigene „Lounges“ bereitgestellt, damit sie nicht in die Verlegenheit geraten, sich mit kultivierten Leuten über Mozart unterhalten zu müssen. Den Umweltzerstörern möchte man auch in der Pause nicht die Hand schütteln. Lieber die Hände von Fürstinnen küssen, was in virulenten Zeiten eh hygienischer ist. In meiner Jugend war auf die Rückseiten der länglichen Eintrittskarten in zwei Sprachen die Aufforderung gedruckt, mit seiner Kleidung zu der festlichen Atmosphäre beizutragen. Auch wenn die Aufforderung heute unterbleibt, die Kleidung ist immer noch vorwiegend elegant, wenn auch die Festspiele nicht mehr mondän sind; die europäische Gesellschaft von heute ist zum Mondänen unfähig. Zudem kommen heute auf einen Festspielbesucher zehn Touristen in Baseballkappen, die mit den Festspiele nichts zu tun haben und sich auf Ibiza wohler fühlen würden. Für die Mitglieder des Senats ist „Kultur“ Dorfdisco, deshalb haben sie ganz Salzburg in eine Dorfdisco verwandelt.

Lauter falsche Töne

Die Landesausstellung steht heuer selbstverständlich im Dienste der Festspiele. In zehn Räumen will die Ausstellung „im ‚Dialog’ den Salzburger Festspielen begegnen“. „Dialog“ steht hier in Anführungszeichen. Also doch kein Dialog? Die Ausstellungsbereiche entstanden in „Dialogen“ mit „Künstlerinnen und Künstlern“ (Originalzitat aus dem Katalog). In Salzburg findet man mehr Neu-Deutsch und Englisch im öffentlichen Raum als in jeder anderen Stadt Europas. Auch der postmarxistische Jargon klingt im Land von Walzer und Apfelstrudel etwas eigenartig, so als ob einer im Kostüm von Hans Sachs aus den Meistersingern den Vogelfänger singt.

Reichhaltige Landesausstellung zum hundertsten Jubiläum

Nachdem uns drei Modelle nicht gebauter Festspielhäuser präsentiert wurden und „Expertinnen und Experten“ sich via Bildschirm dazu geäußert haben, werden uns Originaldokumente aus der Planungsphase gezeigt. Es schließt sich ein Max Reinhardt und dem Schloss Leopoldskron gewidmeter Raum an, sodann folgt ein verspiegelter Raum mit Statistik-Trickfilmen über meistgespielte Stücke und meistbeschäftigte Künstler usw., die manches Aha-Erlebnis bereithalten. Der Reproduktion einer „Goldegger Stube“ von 1606 mit Trachtenkleidung und historischen Photographien folgen Räume mit diversen Installationen der „Künstlerinnen und Künstler“ unter Zuhilfenahme von Originaldokumenten aus der Festspielgeschichte. Den Höhepunkt der Landesausstellung bilden die zehn jeweils einem Dezennium gewidmeten historischen Nischen in der Max-Gandolph-Bibliothek; hier kann man in die Atmosphäre der jeweiligen Zeit eintauchen und sich die Künstler und Zeitatmosphäre des Jahrzehnts rasch vergegenwärtigen. Mein Lieblingsobjekt freilich ist eine Art Schubladenschrank, wo in jeder Schublade ein historischer Klang wartet, sei es eine Arie, sei es ein Interview oder auch die „Salzburger Festspiel-Fanfare“ op. 55 Nr. 1 von Joseph Messner (Neuaufnahme mit Ivor Bolton und dem Mozarteum Orchester hier). Im Hobbykeller des Museums dagegen findet sich ein improvisiertes Kino mit Aufzeichnungen aus verschiedenen Jahrzehnten, sowie Kostüme und Photos.

Gedanken zum Geburtstag

Schärfer als Feuer und Stahl kränkt uns das Niedere doch.
– Georg Friedrich Jünger in: Der Mohn, 1934

Der runde Geburtstag der Salzburger Festspiele sollte uns vor allem zum Nachdenken veranlassen. Als kunsthistorischer Enkelschüler von Hans Sedlmayr – vermittelt durch Hermann Bauer und Friedrich Piel – , welcher jahrzehntelang vergeblich gegen die Zerstörung der Stadt kämpfte, geht mir die substantielle Vernichtung der Stadt und ihrer Urbanität besonders an die Nieren. Es sind in der Tat „seltsame Kreise“, welche sich die Stadt zum Opfer gemacht haben. Salzburg ist weder von Salzburgern erfunden noch gebaut worden. Die tausend Jahre lang regierenden Fürsterzbischöfe waren ebensowenig Salzburger wie die Architekten, die das Wunderwerk erschufen. Die Salzburger selbst haben für die Schönheit ihrer Stadt kein Gefühl und machen viel kaputt. Jedes Mal wenn man wiederkommt, ist irgend etwas Altes, Schönes zerstört, und dafür erwarten neue Gräuel den Besucher.

Anmut und Würde in Gefahr

Im umfangreichen Begleitkatalog „Großes Welttheater“ beschreibt Helga Rabl-Stadler ihre Ägide als Präsidentin und erzählt ihren Werdegang von der Tochter einer Salzburger Boutiquerin zur Chefin einer Weltbühne. Das liest sich recht sympathisch und interessant, und so wird niemand Rabl-Stadler die Reklame in eigener Sache übelnehmen, die ja durchaus zu ihren Aufgaben als Präsidentin gehört. Sie konnte die Wiener Philharmoniker stärker an Salzburg binden, die früher nicht selten so taten, als sei es unter ihrer Würde, hier spielen zu müssen, und die jetzt in Salzburg gar ein eigenes Büro unterhalten. Rabl-Stadler sieht sich als Vollenderin der Absichten Gerard Mortiers; freilich hat der legendäre Leiter der Festspiele in den neunziger Jahren unter „Öffnung“ etwas ganz anderes verstanden als die freimütig unintellektuelle Frau Rabl-Stadler. Mortier war Salzburgs größte Chance und der bedeutendste Festspielleiter nach Max Reinhardt. Die heutigen Salzburger Festspiele sind indes vollkommen affirmativ, Intellektuelle spielen hier keine Rolle. Schon Hugo von Hofmannsthal fühlte sich von den Salzburger „Spießbürgern“ bedroht und schrieb über deren Verhältnis zum Festspieldirektor Max Reinhardt: „Sie hassen ihn, hassen ihn drei- und vierfach, als Juden, als Schloßherrn, als Künstler und einsamen scheuen Menschen, den sie nicht begreifen“.

Das Festspielpublikum von morgen

Nessun maggior dolore
che ricordarsi del tempo felice nella miseria.

Auch die Gastronomie in Salzburg wird immer mehr plattgemacht. Im Zipferbräu fällt die Mittagskarte für Einheimische unter den Tisch, die traditionsreiche „Goldene Ente“ verschwindet ganz. Will man hier wirklich eine universale MacDonald’s-Kultur züchten? Wohl kaum, und der einzige Weg aus der Katastrophe ist, wenn die Wirte ihre Arbeit selbst als Kunst begreifen, wie gegenüber dem Festspielhaus im „Triangel“ der Fall. Andernfalls werden die Salzburger Festspiele zu Salzburger Fastenspielen, denn den Fraß in den meisten Etablissements will kein Angehöriger des kultivierten klassischen Publikums mehr essen. Wenn die Festspiele eine Zukunft haben sollen, kann die Direktion das Sponsoren-Portefeuille nur ökologisch umstrukturieren, da die junge Generation die gegenwärtige Auswahl der Firmen schwerlich akzeptieren wird. Das Festspielpublikum von morgen findet sich heute in den Fridays-for-Future-Demonstrationen. Mit vulgärem Massentourismus, neudeutschem Politjargon, Zerstörung der Altstadt und ihrer fortschreitenden Umwandlung in ein Boutiquehotel, umweltzerstörenden Sponsoren sowie englischsprachigem Getue wird man das klassischen Festspielpublikum ebensowenig binden wie die kritische nachwachsende Generation. Am besten wäre, man löste das Land Salzburg aus der „Republik Österreich“ heraus und stellte es wieder unter Vatikanische Oberhoheit; dieses Modell war tausend Jahre lang höchst erfolgreich.

Großes Welttheater
100 Jahre Salzburger Festspiele
Ausstellung noch bis zum 31. Oktober 2020

Neue Residenz
Mozartplatz 1
A-5010 Salzburg

Öffnungszeiten:
täglich 9-17 Uhr
ab 1. Oktober 2020: Dienstag bis Sonntag 9-17 Uhr

9 Euro / 4 Euro / 3 Euro

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