La Clemenza di Cecilia. Pfingstfestspiele in Salzburg

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„La BETTLEROPERa“. Moritz Eggert mit einer radikalen Neuinterpretation des klassischen Stücks an der Neuköllner OperPfingstwunder in Salzburg: Schon 2003 und 2017 war Mozarts Titus bei den Salzburger Festspielen ein großer Erfolg. Auch die gesundheitsamtlich verfügte Schrumpf-Inszenierung der Pfingstfestspiele 2021 begeistert das Publikum. Im Mittelpunkt: Die unverwüstliche Cecilia Bartoli. Von Stephan Reimertz.

Das gibt es nur in Salzburg: Eine Königin der Szene, auf allen Plakaten der Stadt dargestellt, Liebling des lokalen und internationalen Publikums, welches auch zu Pfingsten, dem höheren Aufwand zum Trotz, wieder nach Salzburg pilgert. Seitdem Landeshauptfrau Gabi Burgstaller abgewählt wurde, ist Cecilia Bartoli die uneingeschränkte Königin der kleinen Stadt, in der tausend Jahre lang Fürsterzbischöfe regierten. Bei den Pfingstfestspielen ist sie Intendantin und Hauptdarstellerin zugleich. Berechtigt, wenn das heurige Motto »Roma Æterna« der Heimatstadt der Sängerin aus dem Trastevere huldigt. Zugleich aber hat sich Salzburg selbst immer als das Rom nördlich der Alpen verstanden. Der Salzburger Dom etwa, zwei Jahre nach St. Peter vollendet, ist ohne sein südliches Vorbild ebensowenig denkbar wie Idee und Anlage der kleinen Stadt an der Salzach überhaupt. Folgt man dem Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, hat Salzburg zur Zeit Mozarts seine höchste städtebauliche Vollendung erreicht.

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La clemenza di Tito 2021: Gianluca Capuano (Musikalische Leitung und Choreinstudierung), Bachchor Salzburg, Les Musiciens du Prince-Monaco
© SF / Marco Borrelli

Ein Imperator aus Arkansas

Die katholische Jugend hat heuer auf ihr Pfingsttreffen verzichten müssen, welches traditionell zugleich mit den Pfingstfestspielen stattfindet. Dennoch war die Stadt am Samstag bei schönem Wetter gut gefüllt, die Caféterrassen voll, der vielsprachige Pfingstgeist erfüllte Plätze und Gassen. Während die Wiener am selben Abend in der Staatsoper ihre Premiere von L’incoronazione di Poppea feierten und damit jene Oper, mit der die Gattung endgültig in der breiten Bevölkerung angekommen war, saßen wir in Salzburg zu La clemenza di Tito beisammen, dem Werk, welches als der Schlussstein des aristokratischen Europas angesehen werden kann. Uraufgeführt am 6. September 1791 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater zu Prag anlässlich der Krönung Leopolds II. zum römischen Kaiser, zeigt das Werk den Komponisten als conseiller du prince, drückt es die Wünsche und Hoffnungen aus, die sich an den neuen Herrscher richten. Der Amerikaner Charles Workman, der bereits auf eine internationale Karriere vor allem als Rossini- und Mozarttenor zurückblicken kann, gab einen ebenso signorilen wie sachlichen Kaiser im dunklen Anzug von vorzüglicher Darstellungskraft und Textverständlichkeit. Eine große, volle Stimme verlieh dem stets auf den Punkt gerichteten Gesang jene Überzeugungskraft, welche die Titelpartie dieses entscheidenden Werkes unbedingt braucht.

Halbszenische Aufführung

Stellen Sie sich vor, Adolf Hitler hätte seine Attentäter nach dem gescheiterten Versuch zum Tee eingeladen und ihnen mit dem Finger gedroht: Das mir das nicht wieder vorkommt! Von solcherart unfassbarer Milde ist der römische Kaiser Titus in Metastasios vielfach komponiertem Textbuch. Auch als Schauspieler besticht Workman und stellt den Gewissenskonflikt des Imperators nachvollziehbar auf die Bühne. Die als konzertante Aufführung angekündigte Produktion kann man dabei zumindest halbszenisch nennen. Wie in Così fan tutte haben wir es hier mit sechs Protagonisten ohne Nebenfiguren zu tun, und die Darsteller beweisen die ganze Zeit über im Bühnenvordergrund, sie sind auch ohne Regisseur in der Lage, die persönlichen und politischen Irrungen und Wirrungen des Dramas anschaulich zu machen. Hinter ihnen sind Les Musiciens du Prince aus Monaco und der Bachchor Salzburg aufgestellt, und den Hintergrund der mittelgroßen Bühne im »Haus für Mozart« bilden wechselnde Projektionen römischer Phantasiearchitektur. Mehr braucht es auch nicht.

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La clemenza di Tito 2021: Anna Prohaska (Vitellia), Gianluca Capuano (Musikalische Leitung und Choreinstudierung), Bachchor Salzburg, Les Musiciens du Prince-Monaco
© SF / Marco Borrelli

Klassische Vollendung

Voi stupite a ragion. Roma ne piange,
di maraviglia, e di piacere. Io stesso
quasi nol credo: ed io fui presente, o Vitellia, al grande addio.

Das Werk beschert uns zwei Hosenrollen und damit zwei der schönsten Sopranduette der Operngeschichte. Man könnte nur bis Lakmé oder Hoffmanns Erzählungen vorspulen, um wieder ein so anrührendes Zwiegespräch zweier Soprane zu finden wie im Titus. Cecilia Bartoli als munterer Sesto, ein liebenswerter kleiner Kerl mit gewaltiger modulationsfähiger und weicher Sopranstimme steht einer gefassten, zusammengerafften Anna Prohaska als Vitellia und einer jugendlich verspielten Mélissa Petit als Servilia gegenüber. Lea Desandre als Annio und Peter Kálmán als großer und stimmgewaltiger Publio ergänzen das Ensemble zu einem nachgerade perfekten Sextett.

Der Milanese Gianluca Capuano hält die Zügel der monegassischen Prinzenspieler und des heimischen Bachchors souverän in Händen, man ist an 2003 erinnert, als Nicolaus Harnoncourt das Werk nebenan in der Felsenreitschule in der Regie von Martin Kusej dirigierte. Doch im Gegensatz zu der damaligen Inszenierung, auch jener von Peter Sellers vor vier Jahren, unterbleibt diesmal der überflüssige Regiefirlefanz, von dem die meisten Opernbesucher sowieso nur genervt sind. Im matten, zurücknehmenden Klang im »Haus für Mozart« leitet Capuano einen Titus klassischer, feinnerviger Prägung, in dem sich etliche Orchestermusiker zu Solisten aufschwingen und innere Bewegungen der Protagonisten minutiös nachzeichnen, insbesondere die Klarinette und das Solo-Cello. Der hochgestimmte, würdige Pfingstabend war nicht allein der Milde des Herrschers gewidmet, sondern auch der Gnade, welche allen zuteil wurde, die dabei sein konnten. Ein Wunder klassischer Vollendung wurde erreicht, wie der Ritt auf einem Springpferd, das zugleich in der Dressur ausgebildet ist. Standing Ovations. Manchem der beglückten Zuschauer rollten die Tränen in die FFP2-Maske.

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