Wer von apokalyptischen Nachrichten genug hat, der höre diese CD

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikAnne-Suse Enßle und Reinhard Führer spielen Bearbeitungen für Blockflöte und Cembalo. Rezension von Ingobert Waltenberger.

So hätte es sein können

Wir sitzen in Leipzig im Zimmermannischen Caffe-Hauß beim Marktplatz, irgendwann im 18. Jahrhundert. Bach stürmt herein, im Schlepptau einen jungen Blockflötenvirtuosen, den er auf der Straße seine perlenden Tongirlanden in die Lüfte hängen gehört hat. Sein studentisches Ensemble Collegium Musicum, in allen Stilen versiert, probt gerade Bearbeitungen der Sonate in A-Dur von Tomaso Albinoni in einer gar köstlichen Instrumentalversion. Natürlich vom Meister selbst arrangiert. Er setzt sich ans Cembalo und lässt unseren Flötisten zu seinen Improvisationen die trickreichsten Verzierungen und unerhörtesten Läufe spielen. Das Experiment gefällt so gut, dass die jungen Studenten wild drauf los applaudieren. Also setzt sich Bach an den Tisch, nimmt die Feder und bearbeitet rasch und flink sein Trio super „Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr“, das Choralvorspiel „Jesus meine Zuversicht“, das Trio super „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ“ und die Sonate in F-Dur ,BWV 1033, für Blockflöte und Cembalo. Das Programm für das abendliche Konzert ist gefunden. Natürlich sorgt der Meister dafür vor, sollte das nicht nur musiktrunkene Publikum nach mehr verlangen. Daher richtet er noch Johann Gottlieb Goldbergs Sonate in C-Dur, Telemanns „Methodical Sonata Nr. 11“ und François Couperins „Les Bergeries“ und dessen „Sixième Concert“ für das neue Duogespann ein. Der Abend kommt, das Café ist voll, Eintritt ist nicht zu bezahlen. Unser Flötist und Bach wetteifern miteinander um die hervorragendsten Effekte, rasen in irrsinnigem Tempo die Noten entlang, schmachten in den langsamen Sätzen. Das Publikum rast vor Wonne, ausgiebiger Branntweinkonsum könnte das enthusiastische Feuer natürlich zusätzlich angefacht haben.

So ist es wirklich

Die deutsche Flötistin Anne-Suse Enßle und der Wiener Cembalist Reinhard Führer haben sich von der üblichen Praxis des 18. Jahrhunderts, herausragende Musik für alle möglichen instrumentalen und kammermusikalischen Konstellationen zu bearbeiten, mitreißen lassen. Dabei haben sie sich wirklich nur Musik vorgenommen, die eng mit Johann Sebastian Bach verbunden ist, weil wie entweder bei ihm zu Hause gespielt wurde, in den Zimmermann‘schen Konzerten erklang oder der Ausbildung seiner Schüler diente. Natürlich haben sich die beiden intensiv damit befasst, was Bach bei solchen Gelegenheiten für das Continuo vorsah, wie er etwa die italienische Continuopraxis mit der Ästhetik des mitteldeutschen Raums verschmolz.

Das oben skizzierte Programm ist höchst vergnüglich zu hören, auch ohne mit den Details der Bearbeitungen vertraut zu sein. Das originell konzipierte Album ist aber auch ein bekömmliches Lehrstück in Sachen Wandelbarkeit und Bandbreite des Tons, der mit dem Oberbegriff „Blockflöte“ einhergehen kann. Anne-Suse Enßle verwendet nicht weniger als sechs verschiedene Instrumente (von Luca de Paolis, Gebrüder Meyer und Andreas Schwob), um die Stücke in all ihrer überbordenden Verspieltheit, ihrer spirituellen Kraft oder schlichtweg ihren virtuosen Anforderungen optimal zur Geltung bringen zu können. Die beiden Solisten interpretieren ihr selbst gebasteltes und arrangiertes Programm mit in jeder Hinsicht atemberaubender Bravour. Der Ton ist stets rund und voll, die Aufnahmetechnik hervorragend. Wer also übergenug hat von all den apokalyptischen Nachrichten dieser Tage und für einen Moment lang ganz für sich selbst sein will, der nehme diese CD und lausche der manchmal in sich selbst verliebten und doch immer beseelten Schönheit dieser barocken Klangwelten.

Caffe=Hauß Zimmermann
Anne-Suse Enßle (Flöte)
Reinhard Führer (Cembalo)
Bach – Goldberg – Telemann – Couperin
Audax Records 2019
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Wer von apokalyptischen Nachrichten genug hat, der höre diese CD, 5.0 out of 5 based on 9 ratings

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