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Treffpunkt der Virtuosen: Liszt – Paganini – Bottesini – Eine musikalisch-literarische BegegnungPaganini, Bottessini, Liszt, Rachmaninoff – wenn am kommenden Samstag die ersten Töne im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie erklingen, wird es nicht nur virtuos, sondern vermutlich auch furios, faszinierten diese musikalischen Allround-Talente doch schon damals ihr Publikum. Ihr Können, ihre Ausstrahlung, ihr Leben, ihr extravagantes Auftreten und nicht zuletzt die Geschichten, die sich um sie rankten würden auch heute noch die Klatschpresse und ihre Leserschaft begeistern.

Um dem heutigen Publikum die Ausnahmekünstler von damals noch näher zu bringen, wird dieser Konzertabend ein ganz besonderer sein. Unter der Leitung von Andreas Wittmann spielt nicht nur das Sinfonie Orchester Berlin Werke dieser Komponisten, sein Bruder, der Schauspieler Thomas Wittmann, hat auch eigens für den Abend Texte zusammengestellt, die vor allem Paganini in den Mittelpunkt stellen. Sein Geigenspiel ließ das Publikum vermuten, er sei der Sohn des Teufels.

Feuilletonscout sprach mit den Brüdern vor dem Konzert.

Feuilletonscout: Waren diese Musiker wirklich so außergewöhnlich? Oder spielten die wilden Geschichten, die man der damaligen Klatschpresse über sie lesen konnte, auch eine Rolle?
Andreas Wittmann: Ja, diese drei, Paganini, Liszt und Rachmaninoff waren wirklich ganz außergewöhnlich. Die Hysterie und Begeisterung, die vor allem Paganini und Liszt beim Publikum damals auslösten, ist vielleicht vergleichbar mit heutigen Pop-oder Rockstars. Auch ihre Erscheinung spielte wohl eine Rolle, sie waren aber vor allem unglaublich charismatische Musiker, die mit ihren technischen und musikalischen Fähigkeiten alles überbaten, was damals vorstellbar war.

Thomas Wittmann

Thomas Wittmann

Thomas Wittmann: Was alle Komponisten, die an diesem Abend gespielt werden, vereint, ist das Virtuosentum, für jeden auf seine Weise. Der Vorreiter dabei war ohne Zweifel Nicolo Paganini, er war- wenn man so will- der erste Musikvirtuose, der das Spiel auf seinem Instrument neu definiert und Grenzen überschritten hat. Dabei war er auch einer der ersten, der seinen Beruf marktwirtschaftlich ausgeschlachtet hat und wie ein heutiger Star im Musikgeschäft zu großem Ruhm und Geld gekommen ist.

Feuilletonscout: Nach welchen Kriterien haben Sie die Texte ausgewählt? Und wo haben Sie sie gefunden?
Thomas Wittmann: Ich habe in diversen Berliner Musikbibliotheken nachgeforscht und dort zum Teil auch sehr alte Biografien über die Komponisten gefunden, die ich dann als Quellen für meine Texte genommen habe.

Feuilletonscout: Paganini steht im Mittelpunkt des Abends. Warum er?
Thomas Wittmann: Ich habe festgestellt, dass sich alle Komponisten dieses Abends mehr oder minder auf Paganini beziehen, sei es nun Rachmaninow, der sich das Thema für sein Klavierwerk mit Orchester direkt aus Paganinis Capricen für Solovioline genommen hat. Oder Bottesini z.B. war bekennender Verehrer des berühmten Geigers,  er war stolz darauf, als „Paganini“ auf seinem Instrument bezeichnet zu werden und hat sich sogar auf demselben Friedhof wie Paganini beisetzen lassen. Und Liszt hat Paganini selbst noch im Konzert erleben können, was für ihn zu einer zentralen Erfahrung seines Lebens wurde.

Feuilletonscout: Als sie sich mit den drei Musikern beschäftigten: Was hat sie am meisten in ihnen fasziniert? Mögen Sie einen von den dreien besonders gern und wenn ja, warum?
Thomas Wittmann: Tatsächlich finde ich Paganini am spannendsten, vor allem die Legendenbildung um ihn. Seine Art, Geige zu spielen, war in seiner Virtuosität anscheinend bis dato unvorstellbar, so dass eben Gerüchte entstanden, er sei gar kein Mensch, sondern stamme direkt vom Satan ab.

Feuilletonscout: Paganini, Liszt, Bottesini, alle drei spielten nicht nur virtuos Geige, Klavier und Kontrabass, sie lebten auch äußerst unstet, waren permanent auf Reisen, konzertierten in den Metropolen der Welt. Beneiden Sie die drei manchmal um ihr Leben?
Andreas Wittmann: Nein, das tue ich nicht. Ich bin selbst zwar auch sehr viel auf Reisen unterwegs, allerdings meistens in einer Gemeinschaft mit mehreren Musikern, z.B. mit meinem Bläserquintett oder eben mit dem gesamten Orchester der Berliner Philharmoniker. Manchmal reise ich jedoch auch alleine, entweder als Solist oder als Dirigent. Man fühlt sich dann doch oft recht einsam. Nur alleine herumzureisen wäre für mich daher nicht unbedingt erstrebenswert.

Andreas Wittmann

Andreas Wittmann

Feuilletonscout: Ebenso wie die drei Musiker sind auch Sie Musiker wie Dirigent. Wie beeinflusst die Tätigkeit als Dirigent ihr Spiel als Oboist? Und umgekehrt? Dirigiert man anders, wenn man auch die Seite des Orchesterspielers kennt?
Andreas Wittmann: Tatsächlich hat mich schon immer interessiert, was im Orchester um mich herum passiert. Deswegen habe ich mich schon sehr früh intensiv mit Partituren beschäftigt. Seit ich selbst dirigiere, beginne ich jedoch, die Werke noch besser zu verstehen. Es ist etwas sehr Schönes, wenn man die Dinge aus der großen Perspektive sehen darf, ohne die vielen kleinen Details aus dem Auge zu verlieren. Man kommt den großen Komponisten dadurch ein Stück weit näher. Ich habe inzwischen auch noch mehr Respekt vor dem Dirigentenberuf, der komplexer und umfangreicher ist, als man gewöhnlich denkt. Ich denke schon, dass ich mich durch meine eigenen Erfahrungen in die oft schwierigen Situationen der Orchestermusiker gut hineinversetzen kann. Beispielsweise ist es sehr wichtig, dass ein Dirigent gemeinsam mit den Musikern atmet.

Feuilletonscout: Und auch Sie sind enorm beschäftigt. Wie schaffen Sie dieses Pensum? Haben Sie nie Angst, dass dabei etwas zu kurz kommt?
Andreas Wittmann: Wenn man gut organisiert ist, schafft man vieles. Leider kam aber doch oft meine Familie zu kurz, das bedauere ich sehr. Man kann eben nicht alles im Leben haben. Im Großen und Ganzen hat alles aber ganz gut geklappt.

Feuilletonscout: Thomas Wittmann, Sie selbst sind Schauspieler, sind am Berliner Ensemble engagiert. Hätten Sie Lust, einmal in die Rolle eines Paganini, Liszt oder Bottesini zu schlüpfen?
Thomas Wittmann: Lust schon, aber ich bin in erster Linie Theaterschauspieler und diesbezüglich für die nächsten Jahre schon  mit Projekten ausgelastet. Und die haben mit diesen Komponisten (leider) nichts zu tun.

Feuilletonscout: Sind solche Karrieren heute im Klassikbereich eigentlich noch möglich? In der Pop- und Rockmusikszene hat man das Gefühl, findet man sie noch öfter.
Andreas Wittmann: Nein, ich denke nicht. Die Stars der heutigen Klassikszene sind zwar auch zumeist ganz fantastische Musiker, jedoch oft eher künstlich geschliffene Persönlichkeiten, die den Vermarktungsanforderungen der Agenturen und Plattenfirmen unterworfen sind.

Feuilletonscout: Der Abend verspricht eine musikalisch-literarische Begegnung. Worauf darf sich das Publikum freuen?
Andreas Wittmann: Abgesehen von den wunderbaren und berauschenden Virtuosenstücken kann sich das Publikum darauf freuen, den Komponisten der wunderbaren Virtuosenstücke durch die illustrierenden und höchstinteressanten Texte etwas näher kommen und sich im besten Falle in die Zeit hineinversetzt zu fühlen, in der diese Publikumslieblinge die Massen begeisterten.
Thomas Wittmann: Auf musikalische Highlights der Extraklasse mit großartigen Solisten- eine davon ist sogar erst 15 Jahre alt. Und auf kurzweilige, geistreiche und spannende Texte,  von mir hoffentlich  gut und verständlich vorgetragen.

Feuilletonscout: Wann sind Sie nach einem Konzert glücklich?
Andreas Wittmann: Wenn ich das Gefühl habe, dass ich im Bestreben, dem Werk der Komponisten gerecht zu werden, möglichst weit gekommen bin und wenn all das, was ich mir vorgekommen habe, gut geklappt hat.
Thomas Wittmann: Für mich als Schauspieler ist die Mitwirkung bei Veranstaltungen, die mit Musik zu tun haben, fast immer ein Erlebnis, das mir  gerade in seinem Kontrast zum Theater unheimlich viel Spaß macht. Und wenn alles gut gelaufen ist, genieße ich ein kühles Bier, bevorzugt aus meiner bayerischen Heimat.

Vielen Dank, Andreas und Thomas Wittmann!

Liszt – Paganini – Bottesini: Eine musikalisch-literarische Begegnung
Samstag, 2. April 2016
Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie
Herbert-von-Karajan-Str. 1
10785 Berlin

das sinfonie orchester berlin
Andreas Wittmann
Dirigent
Elli Choi Violine
Janusz Widzyk Kontrabass
Luca Toncian Klavier
Thomas Wittmann Sprecher

Programm:

Franz Liszt
Fantasie über ungarische Volksmelodien
Niccolò Paganini
La campanella, 3. Satz des Violinkonzerts Nr. 2 h-Moll op. 7
Giovanni Bottesini
Fantasie über La sonnambula und Tarantella für Kontrabass und Orchester
Niccolò Paganini
Caprice für Solo-Violine Nr. 24 a-Moll
Sergej Rachmaninow
Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester a-Moll op. 43

Tickets über die Konzertagentur Prof. Victor Hohenfels.

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