Tipp zum Wochenende: Partnertausch am Prinzregentenplatz

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„La BETTLEROPERa“. Moritz Eggert mit einer radikalen Neuinterpretation des klassischen Stücks an der Neuköllner OperJulia Maschke, Studentin der Operndramaturgie an der Theater-Akademie »August Everding«, bettet ihren Zopf über die Schulter. Den von alten Mozart-Inszenierungen hingegen schneidet sie ab. Mit Regisseur Bruno Klimek, dem Münchner Kammerorchester und sechs Debütanten bürstet sie Così fan tutte gegen den Strich und sagt: So machen’s alle – wir nicht! Von Stephan Reimertz.

Così fan tutte, uraufgeführt 1790 am Burgtheater, ist so etwas wie die Quintessenz des Ancien Régime. In der Musikgeschichte hat das Werk von Mozart und Lorenzo da Ponte eine Bedeutung vergleichbar den Gefährlichen Liebschaften in der Literatur. Die Rolle des Puppenspielers, die im Roman die Marquise de Merteuil spielt, fällt hier dem zynischen Philosophen Don Alfonso zu. Der Deutsch-Amerikaner Gabriel Rollinson, eigentlich ein Bass, beherrscht in der neuen Inszenierung in München das Parlando dieses experimentellen Geistes vollkommen, der meist von einem Bassbariton gesungen wird, gelegentlich auch von einem Tenor. Der Salonphilosoph inszeniert eine Versuchsanordnung der Liebe, die den Beweis erbringen soll, dass Frauen grundsätzlich untreu seien. Um es mit Francesco Maria Piave und Giuseppe Verdi zu sagen: La donna è mobile. Und mit da Ponte und Mozart: Così fan tutte.

Der Zauber in der Frau des anderen

Regisseur Bruno Klimek, der hier auch als Bühnenbildner agiert, hat die Oper bereits in Darmstadt, Braunschweig, Weimar und Wien inszeniert. Kein Wunder, wenn es ihm, ebenso wie dem Münchner Kammerorchester und den jungen Darstellern von der Theater-Akademie »August Everding« eine Riesengaudi bereitet, die Oper mit ihrer 230jährigen Aufführungsgeschichte einmal ganz neu aufzuziehen. An ihrer launigen Produktion im Prinzregententheater flattert gelegentlich die Fledermaus vorbei, verulkt und verspielt wird Mozarts spätes Meisterwerk aber mitnichten. Alle Beteiligten sind sich zu jeder Zeit des hohen Ernstes bewusst, der in diesem Liebes-Spiel lauert, und an dem auch die Musik, besonders am Ende, keinen Zweifel lässt.

Die verliebten Fürwitzigen

Die beiden jungen Herren wetten auf die Treue ihrer Verlobten. Als Ferrando agiert der lyrische Tenor Tianji Lin, als Guglielmo Christian Lange. Die beiden lassen sich auf das Spiel von Don Alfonso ein und versuchen verkleidet die Geliebte des jeweils anderen zu verführen. Henrike Henoch als Fiordiligi und Céline Akçağ als Dorabella komplettieren das verliebte Kleeblatt. Nun kann man heutigen jungen Damen nicht mehr zumuten, auf den vermummten Freund des eigenen Verlobten hereinzufallen. Schon da Ponte und Mozart ließen die Frage offen, ob die verführten Frauen das Spiel durchschauen. In München setzt man ganz auf die Modernität der Desillusionierung und zieht von Anfang an eine Theaterebene ein. Die Inszenierung basiert darauf, dass sie als Spiel im Spiel mit Scheinwerfern und Versatzstücken aus dem Theaterfundus daherkommt, die in postmoderner Manier ironisierend auf dem Bühnenboden verstreut werden.

   

Henrike Henoch passt in keine Schublade

Die jungen Debütanten, die jeweils mit einem Bein noch im Masterstudiengang, mit dem anderen schon auf den Theaterbühnen stehen, singen und spielen bravourös. Das gilt nicht zuletzt für Ayelet Kagan als Despina. Die Kammerzofe, die im Dienste von Don Alfonso auch einmal als Quacksalber oder als Rechtsverdreher auftreten muss, ist eine echte Zauberkünstlerin aus der Trickkiste des Molière. Ayelet Kagan legt eine komödiantische Virtuosität vor, verstellt die Stimme so gekonnt, dass ihr die Begeisterung des Publikums sicher ist. Henrike Henoch als Fiordiligi hingegen fällt schon dadurch auf, dass sie als Antityp erscheint, ein Tomboy von einiger Körpergröße und gerade darum besonders bühnenwirksam. Gemäß den Gepflogenheiten des modernen Regietheaters sind alle Figuren am Anfang in moderner Alltagskleidung gewandet, die im Laufe des Stücks variiert wird, und damit bei den verkleideten Liebhabern zu einigen komischen Effekten führt. Fiordiligi alias Henrike Henoch wirkt zunächst ganz unauffällig. Wenn sie jedoch in Kleid und Pumps aufmarschiert, führt das ebenso zu einem Aha-Erlebnis wie der starke und reine Gesang, in dem sie ihre große Arie abliefert. Das ist eine Wagner-Gestalt mit Mozart-Antlitz.

   

Dorabella ist keine Borabella

Céline Akçağ als Dorabella lässt sich von der überwältigenden Präsenz von Henrike-Fiordiligi allerdings nicht einschüchtern. Dramaturgisches Problem der Oper ist, dass der Komponist jener Figur weniger interessante Stellen, auch keine große Arie gegönnt hat. Opernkenner sprechen oft von »Borabella«. Doch Akçağ gewinnt der Figur eigenes Format als brünette und selbstbewusste Schönheit ab. Die sechs jungen Sänger haben unter Beweis gestellt, dass sie Mozarts musikalisch und intellektuell anspruchsvollem Spätwerk gewachsen sind.

Amore in deutscher Sprache

Für die Aufführung vor den Münchner Opernkennern im Prinzregententheater hat sich das Regieteam etwas Besonderes ausgedacht. Wie wäre es, die Oper wieder einmal, wie in früheren Zeiten, in deutscher Übersetzung aufzuführen? Lorenzo da Pontes kolloquiales Italienisch in ein Deutsch zu bringen, das dem Original ebenso nah kommt wie heutiger Lebensrealität, hat ihnen sicher großen Spaß gemacht. Das Experiment zeigt jedoch, dass das Italienische mehr Textverständlichkeit bietet. Zudem hat kein Komponist so eng an der Sprache entlangkomponiert, an jedem einzelnen Vokal, wie Mozart. So trug Tianji Lin als Ferrando die Arie un aura amorosa als kleine Spielerei in beiden Sprachen vor. Kleine musikalische Angleichungen an die Zielsprache waren früher üblich und mussten auch hier vorgenommen werden.

Verpreußung des Orchesterklanges

Man muss und darf in Kauf nehmen, dass bei einer so spezifischen Neuinterpretation das eine oder andere unter den Tisch fällt. Bruno Klimek und sein Team haben Così fan tutte nah ans moderne Musiktheater geführt. Dazu trägt der Raum des Prinzregententheaters ebenso bei wie der Orchesterklang. Kapellmeister Clemens Schuldt und das Münchner Kammerorchester geben ein klares Statement ab. Die Musik wird bis in kleinste Verästelungen analysiert und mit großer musikantischer Verve vorgetragen. Auffallende Prachtstücke dabei sind die beiden Hörner, die in ihren jagdlich-pastoralen Stellungnahmen daran erinnern, dass die Jagd nach Liebe Hohe Jagd ist. Sie sind es auch, die dazu beitragen, dass gelegentlich eine Art neobarocker Klang aufleuchtet. Kleine Improvisationen am Cembalo gehörten immer schon dazu. Insgesamt müssen freilich viele musikalische, emotionale und kulturelle Nuancen unter den Tisch fallen in einer Gesamtauffassung des Werkes, die seine Allgemeingültigkeit unter Beweis stellt, die aber stark von der historischen Herkunft des Werkes als Schlussstein des Ancien Rrégimes abstrahiert. Eine Pastellzeichnung von Jean-Étienne Liotard wird als Kaltnadelradierung von Max Beckmann abgeliefert

Europa, das ist seine Erotik

Mag sein, dass Produktionsteam und Darsteller zu wenig vom Geist des Dixhuitième berührt sind. Ohne diese faszinierende Welt, jenes letzte Aufleuchten des aristokratischen Europas, ist der ungeteilte Mozart freilich nicht zu haben. So liegt ein Paradox darin, dass junge Verliebte nicht unbedingt am besten von jungen Darstellern gespielt werden. So jugendlich Così fan tutte, so skeptisch und gereift, so weise und resigniert ist das Werk auch. Es kommt hinzu, dass es dieser Aufführung trotz der Jugendlichkeit und Attraktivität der Darsteller auf seltsame Weise an erotischer Spannung gebricht. Die Gründe dafür sind nicht physische, sondern kulturelle. Die Aureole des aristokratisch-anmutigen alten Europas ist Voraussetzung jeder Erotik. Um es mit Worten von Talleyrand zu sagen: »Wer das Ancien Régime nicht mehr erlebt hat, weiß nicht, was die Süße des Lebens bedeutet.«

So machen‘s alle
am 13.1.2019,
19:30 Uhr, Großes Haus im Prinzregententheater
Weitere Informationen
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