Mozartwoche 2020 in Salzburg: Aus dem Konzerttagebuch von Stephan Reimertz (Teil V)

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Im Kleinen das Große finden

Mozarts Divertimenti, vermeintliche Nebenwerke des Meisters, geschrieben, um mit halbem Ohr gehört zu werden, offenbaren Erstaunliches, wenn man sie mit ganzem hört. Das bewiesen die Solisten des Chamber Orchestra of Europe während der Salzburger Mozartwoche.

Versetzen Sie sich in das Salzburg der frühen 1770er Jahre. Hieronymus Colloredo, der letzte regierende Fürsterzbischof des Fürsterzbistums vor seiner Säkularisierung, sucht die Barockkultur zurechtzustutzen, sieht sich als Aufklärer wie sein kaiserlicher Kollege in Wien, und mutet dem Ländchen geistliche und weltliche Verwaltungsreformen zu. Salzburg ist durch den Kleinadel geprägt, und dieser reichlich vorhanden; lauter Damen und Herren, die Wert auf korrekte Titulatur legen, obgleich nur noch ein kleiner Teil von ihnen sich am Hofe nützlich macht. Auch die übrige Bevölkerung ist vergnügungs-, musik- und tanzsüchtig. Es ist ein etwas hausbackenes Ancien Régime, welches sich selbst in Salzburg zelebriert. Doch mitten unter ihnen haust das größte musikalische Genie seit Johann Sebastian Bach, was die Salzburger freilich nicht bemerken.

Zwischen Barock und Empfindsamkeit

Ein großer Teil von Mozarts Werk besteht aus Muggen. Freilich adelte die bei aller Ironie spürbare Ernsthaftigkeit des Komponisten diese ausnahmslos zu Meisterwerken. So sind auch die vier Divertimenti, welche die Solisten des Chamber Orchestra of Europe zum Auftakt der heurigen Mozartwoche im Großen Saal des Mozarteums zu Gehör brachten, faszinierende Welten für sich. Auf den ersten Blick scheinen diese Serenaden oder Nachtmusiken – die Bezeichnung Divertimento stammt hier meist vom Vater des Komponisten – weniger komplex als die Musik Mozarts, wie man sie sonst kennt. Kniet man sich indes etwas tiefer hinein, wozu nun in Salzburg Gelegenheit besteht, so stellt man fest, wie der Komponist sich auch hier ganz gibt, wenn auch gelegentlich ein Gestus à la „das wollt ihr so, das gebe ich euch – ich kann’s auch anders“ nicht zu überhören ist. Schon im Divertimento für jeweils zwei Oboen, Hörner und Fagotte B-Dur KV 270 ist neben dem Neckischen und Beschwingten der Gattung eine enorme Latenz musikalischer Ausdruckmöglichkeiten angedeutet. Mozarts Divertimenti könnte man mit Skizzen vergleichen, wie sie ein Raffael auf eine Serviette wirft oder kleinen Dramoletten Goethes. Dieser schrieb in der Tat in jenen Jahren mit dem Werther und der Theatralischen Sendung nicht nur die Hauptwerke seiner Jugend, sondern auch Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern und Hanswursts Hochzeit. Freilich vergessen wir bei aller Ironie des Tons, die sich Mozart hier dann und wann erlaubt, niemals die Anmut seiner frühen Operngestalten wie der Konstanze oder dem Blondchen. Ebensowenig sind wir von der Empfindsamkeit von Goethes Clavigo oder seinem Egmont entfernt.

Von der Digestion zur Inspiration

Seit dem Barockzeitalter sprach man Bläsermusik eine günstige Einwirkung auf die Verdauung zu. Sowenig dies gastroenterologisch untersucht ist, so gern wird Kammermusik für Bläser bis heute von den Radiostationen als Mittagsmusik gesendet. Vom siebzehnten Jahrhundert bis in Mozarts Zeit spielten kleine Ensembles an Höfen, großen Bürgerhäusern, ja Volkstischen zur Tafel auf. Der Übergang zum Tanz ist fließend, wie denn die Divertimenti dem alten Satzaufbau der Tanzsuiten verpflichtet bleiben. Hauptwerk der Mozarteum-Matinée mit dem Chamber Orchestra of Europe war das Divertimeno D-Dur für zwei Violinen, Viola, Bass und zwei Hörnern KV 251, das sich unter dem Namen „Nannerl-Septett“ einiger Bekanntheit erfreut. Sein als Variationssatz aufgebautes Menuett  geht in seinem Beziehungsreichtum und seiner Vielfalt freilich über den Gattungsrahmen hinaus; dieses Prinzip allerdings ist Mozarts Grundprinzip. Die Violinistinnen Malin Broman und Maria Bader-Kubizek zeigten sich auf frappante Weise von dem im Virtuosen verborgenen Humor des Komponisten ansprechbar und gewärtigten, nicht anders als Bratschist Pascal Sifert, Enno Senft an der Baßgeige, die Oboisten Sébastien Giot und Rachel Frost sowie Jasper de Waal und Beth Randell auf dem Horn begeisterte Reaktionen beim Publikum.

Freie Plätze

Etwas traurig mag es stimmen, wenn bei einem solch außergewöhnlichen und wertvollen Konzert der Saal nicht ganz gefüllt ist, wo es doch gerade in Salzburg hunderte von Musikschülern gibt, die allzu gern einspringen, wenn freie Plätze vorhanden sind. Das Konzert brachte im zweiten Teil die Divertimento in Es-Dur und D-Dur dar, wobei auch das stets zum Anekdotischen aufgelegte Fagott zum Einsatz kam, in guten Händen bei Matthew Wilkie und Christopher Gunia. Die bei aller Reflektiertheit nie den Charme des Spontanen verlierenden Solisten des Chamber Orchestra of Europe stellen mit ihrer glanzvollen Matinée unter Beweis, wie reich derjenige belohnt wird, der sich angelegentlich mit der vermeintlichen Unterhaltungsmusik Mozarts beschäftigt. Außerdem bestätigen sie, wie fruchtbringend die Idee des Intendanten Rolando Villazón ist, die Mozartwoche 2020 unter das Motto „tuten und blasen“ zu stellen.

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