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Klingendes Denkmal: Das Minguet Quartett spielt Walter Braunfels

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker Musik

Von Ingobert Waltenberger.

Mit der Oper „Die Vögel“, die bei DECCA in der Reihe ‚Entartete Musik‘ 2004 mit Kwon, Holzmair, Kraus und Wottrich in den Hauptpartien und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Lothar Zagrostek erschien, begann sich nach und nach eine Braunfels-Renaissance auf den Bühnen, in Konzertsälen und vor allem, dank des Engagements des Labels Capriccio, auch auf Tonträgern durchzusetzen. Liebhaber historischer Aufnahmen werden eventuell noch die Einspielung des „Te Deum“ op. 32 aus den fünfziger Jahren mit Leonie Rysanek, Helmut Melchert, dem Gürzenich Chor, dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter der musikalischen Leitung von Günter Wand kennen.

Braunfels galt in der Weimarer Republik als einer der wichtigsten Opernkomponisten. Seine Oper „Die Vögel“ wird mittlerweile landauf landab gespielt, darunter an der Oper Köln und an der Opéra national du Rhin. Für eine der publicityträchtigsten Braunfels-Produktionen in Berlin zeichnete aber der schon schwerkranke Christoph Schlingensief verantwortlich. Er inszenierte 2008 Braunfels‘ ”Heilige Johanna” für die Deutsche Oper. Es handelte sich um eine szenische Uraufführung, die unter Kritikern als Wiederentdeckung des Jahres galt. Die Produktion wurde 2010 wieder aufgenommen.

Aber wer kennt schon Kammermusik von Walter Braunfels? Abhilfe schafft das Kölner Minguet-Quartett. Es hat die Streichquartette Nr. 1 a-moll Op. 60 (1944); Nr. 2 F-Dur Op. 62 (1944); Nr. 3 e-moll (1946/47/53) sowie das Streichquintett in fis-moll Op. 63 (1946/47) mit Jens Peter Maintz am zweiten Cello aufgenommen. Da Braunfels an der zweiten Preußischen Musikhochschule in Köln von 1925 bis 1933 als Präsident und Hochschullehrer wirkte, soll mit den beiden CDs als „klingendem Denkmal“ wohl auch dem Genius loci gehuldigt werden. Es handelt sich, abgesehen vom Streichquartett Nr. 3, nicht um Ersteinspielungen. Die ersten beiden Streichquartette finden sich bereits seit 1998 im Katalog, als beim Label cpo Aufnahmen mit dem Auryn Quartett erschienen. Ebenfalls bei cpo gibt es das Streichquintett in fis-moll op. 63a in einer Version für Streichorchester mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer. Vergriffen ist leider die Aufnahme des Streichquintetts bei Profil/Hänssler mit dem Cellisten David Geringas und dem Gringolts Quartett.

Der in Frankfurt am Main geborene Walter Braunfels startete die musikalische Ausbildung am Dr. Hoch’s Konservatorium. Nach einem kurzen Liebäugeln mit der Nationalökonomie geht Braunfels 1902 nach Wien, um Klavier und Theorie zu lernen. Das wichtigste Vorbild und sein Mentor wird Felix Mottl am Nationaltheater München. Als Komponist macht er zuerst 1909 mit den „Symphonischen Variationen“ von sich hören. Dann folgte die Oper „Prinzessin Brambilla“, aus der Taufe gehoben von Max von Schillings. Den großen Durchbruch markierte 1920 die Oper „Die Vögel“. Weitere Höhepunkte in seinem Schaffen waren die „Phantastischen Erscheinungen“ eines Themas von Hector Berlioz, „Don Gil von den grünen Hosen“, die „Große Messe“ und „Don Juan“. 1923 wird Braunfels Mitglied der Berliner Akademie der Künste und 1925 Gründungsdirektor der Kölner Musikhochschule. 1938 untersagten die Nationalsozialisten die Aufführung aller Werke. Schon 1933 verlor Braunfels alle öffentlichen Ämter. Während dieser Zeit bis 1945 lebt er in Überlingen am Bodensee, nahe der Schweiz. Dort entstehen die Streichquartette und das Streichquintett dieses Albums. Nach Kriegsende wird Braunfels bis 1950 wieder Direktor der Kölner Musikhochschule. Der im Vergleich zu den Zwölftönern und Komponisten serieller Musik klassisch-spätromantische Duktus seiner Musik sowie die wohl verbittert zurückgezogene bis antimoderne Haltung des Komponisten (Ute Jung-Kaiser bezeichnet das im Booklet als „bildungs- und glaubensbedingte Aversion gegen den Ungeist der Zeit) ließen ihn am Ende als altmodischer Außenseiter dastehen.

Da rein akademische Betrachtungsweisen heute nicht mehr interessieren, und Anachronismen in Bezug auf so etwas wie künstlerische Fortschrittlichkeit nicht mehr relevant sind, darf das kammermusikalische Vermächtnis von Walter Braunfels unvoreingenommen mit voller Hingabe genossen werden. Zumal, wenn es wie vom Minguet Quartett klanglich so genießerisch, klar in den komplexen polyphonen Strukturen und sanft im spirituellen Trost serviert wird.

Das Ensemble verdankt seinen Namen Pablo Minguet e Yrol, einem spanischen Philosophen des 18. Jahrhunderts. Dieser plädierte in seinen Schriften dafür, breiteren Kreisen der Bevölkerung Kunst zugänglich zu machen und damit wohl in erster Linie das wachsende Bedürfnis des spanischen Bürgertums nach musischer Betätigung abseits vom Adel zu befriedigen.

In dem nun vorliegenden Album ermöglicht es die expressiv wie präzise differenziert aufspielende Formation, die sich seit der Gründung 1988 besonders für zeitgenössische Kompositionen einsetzt, Musikinteressierten zum ersten Mal das kammermusikalische Werk mit Streichern des Walter Braunfels vollständig zu erforschen und zu hören. Die musikalische Reise lohnt sich. Für alle, die spätromantische Musik lieben, eröffnet das Album eine wahre Fundgrube an originärer musikalischer Invention in tonal ausgeweiteter Harmonik. Das Eskapistische, Weltabgewandte der Musik gibt gerade in Übergangszeiten wie diesen nicht nur zu denken, sondern auch Freiraum zu individuellem Fühlen und Erkunden von kreativen Räumen, die gerade in der Musik unendlicher und schillernder nicht sein können.

Große Empfehlung!

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