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Von Stefan Pieper

„Ist das Jazz oder kann das aus?“ heißt der Debut-Roman von Claudius Reimann, der eigentlich gar kein Schriftsteller, sondern ein Saxofonist ist. Reimann hat sich selbst über den Erfolg seines Romans gewundert, der jetzt schon in einer zweiten Auflage unterwegs ist: “Das ist mein bislang erfolgreichstes Projekt“ – staunte er selbst nicht schlecht, wie die Botschaft seines literarischen Erstlings „einschlug.“

Claudius Reimanns Geschichte ist im Kern eine Musikerbiografie – aber eine von jemandem, der „an der Basis“ aufbrach. Von einem, der die Liebe zum Saxofon entdeckte und der das Glück hatte, die ersten Schritte bei einem verantwortungsvollen Lehrer tun zu können. Der aber dann die Dinge selbst in die Hand nimmt und in die weite, aber doch meistens kleine, lokale Welt hinauszieht. Er will Musik machen und Geld verdienen – kann man dies doch am besten mit dem, was man mit Leidenschaft betreibt! Aber wer sich wirklich auf dieses Abenteuer einlässt, erlebt so einiges Schräge und auch vieles Desillusionierende. Es gibt so viele anstrengende Menschen, ebenso wie endlos viele komische Örtlichkeiten. Etwa wenn es um die musikalische Mitgestaltung von Kaufhauswerbeveranstaltungen geht, wo im Rampenlicht der Überwachungskameras gejazzt wird und man hinterher „bitte bitte“ sagen muss, um auf die Personaltoilette zu kommen. Reimann erzählt seine Story in lakonischem Gestus und mit trockenem Humor – gerade das macht diese Erzählung aus dem Ruhrgebiet so authentisch: „Ich fragte schließlich, ob es hier sogar getrennte Klos für Holz- und Blechbläser gibt?“ Trickreich gewählt ist die Erzählstruktur des Romans: Eine junge Frau bekommt ständig Briefe von einem Jugendfreund aus ferner Vergangenheit. Dieser erzählt ihr sein ganzes (Musiker-) Leben in allen Episoden. Artikuliert sich hier eine ferne Sehnsucht? Werden die Frau in Norddeutschland und der Musiker im Ruhrgebiet eines Tages aufeinander treffen? Dies gibt der Geschichte zusätzlichen Drive und erzeugt einen zuverlässigen Spannungsbogen.

Foto © Reimann/Bohlen

 

Gute Bücher schreibt, wer viel zu erzählen hat, weil er einfach vieles erlebt hat. Dies bewahrheitet sich in Reimanns Art, mit der er vieles aus seiner eigenen Biografie in die Story einfließen lässt: Da gibt es Seitenhiebe auf einen eitlen Klassik-Dirigenten, unter deren Leitung Reimann den Bolero von Ravel in einem Jugendorchester mitzuspielen hatte. Und einmal mehr blickte ein „E-Musiker“ allzu abschätzig auf die sogenannte „U-Musik“ herab, zu welcher Jazz immer noch degradiert ist.

In den Archiven diverser Lokalzeitungen dürften noch Berichte von vielen Kunst-Happenings schlummern, die Reimann früher initiierte. Mit Schlauchbooten enterten mehrere Jazzmusiker die Insel, entrollten Pamphlete und ließen Frei-Improvisiertes über den See schallen. Die Medien waren jedoch äußerst geschickt drauf vorbereitet, während die Polizei in Dunkeln tappte. Claudius Reimann ist heute in der freien Improvisations-Szene aktiv, dabei hat er schon viele unkonventionelle Wege ausgelotet, um die Kreativität zu den Menschen zu bringen.

Das Hörbuch, aber auch die Lesung vereinen – was hier nicht verwundern mag – die Texte mit ganz viel live gespielter Musik. Reimann und seine Partnerin Katharina Bohlen, wissen ihre Konzert-Lesungen überaus lebendig zu gestalten, was auch auf der Doppel-CD eindrücklich zu erleben ist:

Gemeinsam oder manchmal auch solistisch improvisieren die beiden auf Saxofon und Klarinetten über Standards und Stücke, die sich aus der Erzählung ergeben. Es gibt lautmalerisches, etwa simuliertes „Handyklingeln“ auf einer Art Piccoloflöte und manchmal darf das Publikum auch die Musikstücke erraten, wofür es Freiexemplare des Buches oder der Hörbuch-CD gibt.

Ist das Jazz oder kann das aus? Die kurzen Briefe des Hugo Buriem
Hörspiel nach dem Roman von Claudius Reimann
Tonkunst Manufaktor 2018
CD bei amazon kaufen

Aktuell sind beide in Norddeutschland auf Tour:
Der nächste Termin mit „Ist das Jazz oder kann das aus? findet übrigens auf hoher See statt,
und zwar an Bord der
MS Nordertor
Hafenstraße
25813 Husum

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