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Prof. Mathias Mayer hat den Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Augsburg inne. Seine Interessen und Arbeitsgebiete sind umfangreich und kaum zu überblicken. Nicht nur dem Pygmalion-Mythos und der Dialektik der Blindheit und Poetik des Todes hat der 1958 in Freiburg geborene Wissenschaftler Monographien gewidmet, auch Dichtern wie Eduard Mörike, Adalbert Stifter, Bertolt Brecht und Franz Kafka, um nur ein paar zu nennen. Literatur und Philosophie, Literatur und Ethik, Autobiographie, Klassische Moderne, Musiktheater, der Themenkomplex Oper und Erkenntnis sind nur einige seiner Forschungsgebiete.

Mayers Verdienste um Hugo von Hofmannsthal sind vielfältig. Bereits 1993 veröffentliche er bei Metzler eine Monographie über den Dichter. Er ist an einigen Bänden der großen Gesamtausgabe ebenso beteiligt wie an Ausgaben der Briefe. Zurzeit arbeitet Mathias Mayer an einer kommentierten Ausgabe von Hugo von Hofmannsthals Briefwechsel mit seinen Eltern. Soeben hat er zusammen mit Julian Werlitz in der Handbuch-Reihe des Metzler Verlags ein Hofmannsthal-Werk herausgegeben. Ein Anlass für Stephan Reimertz, dem Literaturwissenschaftler einige Fragen zu stellen.

Feuilletonscout: Herr Professor  Mayer, gestatten Sie mir zu Beginn unseres Gesprächs über Hofmannsthal eine persönliche Frage: Wann und wie ist dieser Dichter in Ihre eigene Lesebiographie getreten?
Prof. Mathias Mayer: Das ist schon sehr lange her, bald 40 Jahre, in der Vorbereitung und dann während eines Studienaufenthaltes an der Universität Wien, im Jahr 1979/80. Damals erschien die zehnbändige gelbe Fischer-Taschenbuchausgabe, die viele unbekannte Texte in einer halbwegs erschwinglichen Form bot.

Feuilletonscout: Als Jugendlicher sah ich den Jedermann in Salzburg; trotz der Besetzung mit Curt Jürgens und Senta Berger empfand ich das Stück eher als Kuriosität. Auch die Gedichte haben mir keinen großen Eindruck gemacht. Es funkte aber ganz heftig, als ich mit etwa sechzehn Jahren den Schwierigen las. Die Atmosphäre des österreichischen Hochadels erschien mir als extrem anziehende Alternative zu dem bundesdeutschen Milieu der späten siebziger Jahre, das einerseits die Technokraten, andererseits die Ideologen dominierten. Wie würden Sie eine solche Lektüre rezeptionsästhetisch qualifizieren?
Prof. Mathias Mayer: Erstaunlicherweise hat sich doch der Jedermann zumindest in Salzburg über all die Jahre gehalten, um den Schwierigen ist es, trotz allem, leider etwas stiller geworden. Die Nuancen, dass hier etwas spezifisch Österreichisches vermittelt wird, zusammen mit dem Charme einer untergegangenen Welt, sind heute wohl nochmals ein ganzes Stück weggerückt.

Feuilletonscout: In Hofmannsthal zeigt sich uns der poeta doctus als Problem. Seine umfassende Bildung hat ihn nicht davon abgehalten, Gedichte, Dramen und Prosa zu schreiben, ja hat diese zum Teil inspiriert und bedingt. Wie hat er es bewerkstelligt, schon als Schüler derart produktives Lesen und Schreiben in seinem Kopf zu organisieren?
Prof. Mathias Mayer: Das können wir nur schwerlich rekonstruieren, glaube ich. Er muss aber eine irgendwie geradezu dramatische Phantasie gehabt haben, sich in andere Handlungen, Szenarien und Figuren einzufühlen, und so scheint er schon früh aus Lektüre – und vielen Theatereindrücken! – ein riesiges Repertoire wahrgenommen zu haben.

Feuilletonscout: Wie würden Sie einem gerade angekommenen Studenten aus Afrika Hofmannsthal erklären?
Prof. Mathias Mayer: Vielleicht als einen kosmopolitisch oder, wie man heute vielleicht sagen würde, »global« aufgeschlossenen, zugleich nervösen Intellektuellen und Dichter, der sich für die klassische Tradition und die Avantgarde, für das Naheliegende wie für das Ferne (den Fernen Osten etwa) gleichermaßen begeistert hat. Und der mit einer großen Sensibilität die Problematik des eigenen Mediums, der dichterischen Sprache, schon früh erfasst und beschrieben hat.

Feuilletonscout: Würden Sie den jungen Hofmannsthal als Frühvollendeten im Sinne von Rimbaud oder Chatterton bezeichnen?
Prof. Mathias Mayer: Man könnte ihn sicherlich in diese Reihe stellen, auch wenn es zur besonderen Erscheinungsform von Hofmannsthal gehört, dass er den enormen Erfolg seines Jugendwerkes ja auch überlebt hat und dann, nach 1900, nach 1906/07 besonders, nach dem Bruch mit George und in der Kooperation mit Strauss, neue, weniger avantgardistische Wege beschritten hat. Und diese Diskussion ist ja weiterhin geblieben. Walter Kappacher hat dieser Melancholie des Sich-selbst-überlebt-Habens in seinem Hofmannsthal-Roman Der Fliegenpalast ein schönes Denkmal gesetzt.

Feuilletonscout: Hofmannsthal wird gern gelobt, weil er die Wunderkindphase überwandt und Opernlibretti schrieb. Sehen Sie in den Libretti eine Fortsetzung seiner lyrischen Sendung oder umgekehrt die frühe Lyrik als eine Vorbereitung auf die Libretti? Einige seiner besten Lyrik stammt ja gar nicht aus der Jugendgedichten, sondern aus den Operntexten, man denke nur an Es gibt ein Reich, wo alles rein ist oder Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen aus Ariadne auf Naxos oder an Wenn das Herz aus Kristall aus der Frau ohne Schatten.
Prof. Mathias Mayer: Da begibt man sich vielleicht auf etwas heikles Gelände – ich würde doch eher dafür plädieren, die frühe Lyrik als etwas Besonderes herauszustellen; was nicht heißt, dass uns nicht hier und da in den Libretti lyrische Passagen begegnen, am ehesten sicher in der Ariadne, aber auch an den »Gesang der Ungeborenen« aus der Frau ohne Schatten kann man denken, oder das »Lied der Welt« aus dem Großen Welttheater.

Feuilletonscout: Sie weisen darauf hin, dass Hofmannsthals »Selbsteinschätzung nicht selten mit der Wahrnehmung von außen kollidiert«. Gerade darum sei er ein »fesselnder Autor«. An welchen Stellen sind diese Konflikte für Sie besonders spürbar?
Prof. Mathias Mayer: Ja, weil er mit Texten wie der Elektra oder dem Andreas-Roman, die wir heute doch wohl besonders ernstnehmen, so kritisch umgegangen ist, dass er vielfach Pläne hat liegenlassen, um dann sich anderen Werken zuzuwenden, die er unter unsäglichen Mühen weiter gefördert oder auch bis zu Ende gebracht hat; aber ich bin entschieden der Meinung, dass man bei Hofmannsthal viel mehr als bei anderen Autoren auf dasjenige schauen muss, was nicht zu Ende gebracht wurde. In seinen unzähligen Werkplänen und Notizen stecken, so mein Eindruck, noch sehr viel aufregendere Ansätze als man es aus der Lektüre mancher publizierter Texte erwarten würde.

Feuilletonscout: Ist der sog. Lord-Chandos-Brief für Sie das Dokument einer aktuellen Sprachkrise oder einer überwundenen Sprachkrise?
Prof. Mathias Mayer: Vielleicht ist es ja kein Entweder-Oder, sondern ein Zunächst und dann ein Sodann, – dass hier also Erfahrungen dieser Zeit, Erschütterungen eines Grundvertrauens vorgestellt werden, die aber in einem zweiten Schritt auf eine erstaunlich raffinierte Weise literarisch gestaltet werden.

Feuilletonscout: Manche Leser kritisieren, dass man bei Hofmannsthal oft nicht weiß, ob es sich bei seinen Anklängen an andere Literatur um Zitat, Anspielung, unbewusstes Zitat, Allusion oder Plagiat handelt. Soll man etwa bei dem Vers »Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen« an Shakespeare denken, oder hofft der Dichter, dass man den Anklang nicht bemerkt?
Prof. Mathias Mayer: Hier muss man wohl mit gleitenden Übergängen rechnen, das heißt manche Allusionen werden sozusagen bis zur Unkenntlichkeit eingeschmolzen, andere aber, so auch der Vers aus dem Sturm, werden eher als erkennbares Zeichen dafür genutzt, dass auch der Dialog mit den großen Texten etwas Selbstverständliches hat. Sicherlich geht es nicht um Arroganz oder Bildungsprotzerei. Für Hofmannsthal dürfte der Dialog mit den anderen Texten ein kreativer Dialog gewesen sein, der zu keinem Abschluss kommt.

Feuilletonscout: Trotz zauberhafter Szenen wie der Arie des italienischen Sängers im ersten Akt, dem Überreichen der Rose und der neckischen Dienstmädchenszene im zweiten und dem Schlussquartett im dritten kann man nicht überhören, dass der Rosenkavalier unter einem schweren Missverhältnis von hochartifiziellem, feinziseliertem Text und dicker, neobarocker Musik leidet. Spricht sich hier auch der Temperamentsunterschied von Dichter und Komponist aus, wie man ihn im Briefwechsel der beiden immer wieder wahrnimmt?
Prof. Mathias Mayer: Mit dem Rosenkavalier kann man wohl schon seine Schwierigkeiten haben, einer der ersten, die sich über die Musik mokiert haben, war Thomas Mann, und dennoch ist es eine der ganz wenigen Opern des 20. Jahrhunderts geworden, die überlebt haben. Die Unterschiede zwischen Dichter und Komponist sind nicht zu übersehen, aber die Differenz hat wohl gerade zur Lebendigkeit ihrer Kooperation beigetragen.

© Wikipedia

Feuilletonscout: Welches von Hofmannsthals Libretti halten Sie für das interessanteste? Und entstand danach die interessanteste Oper?
Prof. Mathias Mayer: Mir persönlich steht die Elektra am nächsten, die ja zunächst nicht als Libretto geplant war, aber aus der doch die nach meinem Gehör nach wie vor wichtigste Kooperation hervorgegangen ist. Unter den späteren Opern finde ich auch die Arabella in vieler Hinsicht vielschichtiger, vom Text her gesprochen.

Feuilletonscout: In der Geschichte der Oper haben viele Leute Libretti fabriziert ohne Dichter zu sein. Oft waren die Librettisten selbst Komponisten wie Arrigo Boito, oder die Komponisten haben sich ihre »Büchln« selbst geschrieben. Hugo von Hofmannsthal war als Librettist ein Sonderfall. Wie würden Sie den Dichter innerhalb der Geschichte der Oper einordnen?
Prof. Mathias Mayer: Immer wieder wird ja der Vergleich mit da Ponte und Arrigo Boito gezogen, aber aus dem Strauss-Briefwechsel wissen wir, wie intensiv Hofmannsthal auch andere Librettisten studiert hat. Am originellsten erscheint mir seine Formulierung aus dem Gespräch über die Ägyptische Helena, wonach eigentlich Shakespeare »lauter Opern« geschrieben hätte, weil in seinen Texten die dialogisch-dialektische Mitteilung eine geringere Rolle spiele. Auch Goethe und seine Singspiele gehören zu den Vorbildern, an denen sich Hofmannsthal geschult hat.

Feuilletonscout: Die Serie von Hofmannstahls großen Bühnenerfolgen, so schreiben Sie und Julian Werlitz im Vorwort Ihres Handbuchs, »steht im Zeichen eines ebenso raffinierten wie komplexen Dialogs mit der Tradition, die gleichwohl die Differenziertheit der modernen Mentalität immer wieder beweist«. Wie ist es angesichts einer so genialisch austarierten Theaterproduktion möglich, dass packende Komödien wie Der Abenteurer und die Sängerin und Cristinas Heimreise so gut wie gar nicht aufgeführt werden, obwohl doch der Typus des bindungslosen Abenteurers, der hier im Mittelpunkt steht, perfekt in unsere Zeit passt?
Prof. Mathias Mayer: Man kann ja den Eindruck gewinnen, dass die wie Sie sagen »genialisch austarierte Theaterproduktion« mit verantwortlich ist für ihre schwierige Vermittelbarkeit. Vielleicht müsste man mehr den Versuch wagen, das Unabgeschlossene und Offene auch auf die Bühne zu bringen. Bei der Heidelberger Tagung der Hofmannsthal-Gesellschaft im September 2017 wurden Ausschnitte aus der fragmentarischen Komödie Silvia im Stern vorgelesen, von sehr guten Schauspielern, und diese Ausschnitte gewannen eine lebendige Kraft. Auch könnte ich mir vorstellen, dass die lyrischen Dramen, die ja nicht wirklich für die Aufführung konzipiert wurden, in mancher Hinsicht dem moderneren Theater nahestehen, – so wie die Einakter von Maurice Maeterlinck in mancher Hinsicht Samuel Beckett vorwegnehmen.

Feuilletonscout: Über Hofmannsthals Komödie Der Schwierige schreibt Ihre Autorin Siegrid Nieberle, das Stück spiele 1917, da einerseits über zurückliegende Kriegserlebnisse berichtet, andererseits ein noch intaktes Herrenhaus (in dem der Protagonist Kari eine Rede halten soll) vorausgesetzt werden. Das wäre dann ein sehr schmales Zeitfenster. Wäre es auch möglich, dass sich der Dichter in dieser 1921 uraufgeführten Komödie eine Utopie erlaubt, in der die Monarchie nach dem Krieg weiterbesteht, das Stück also nach Ende des Krieges spielt? Immerhin hat man bei der Handlung kaum das Gefühl, sie spiele während des Krieges.
Prof. Mathias Mayer: Darüber gibt es eine schon ältere, intensive Forschungsdiskussion, und die Vorstellung einer enthistorisierten „Utopie“ hat vieles für sich, ein Kriegsende also mehr der Imagination als der Realität nach.

Feuilletonscout: In Ihrem monumentalen und geradezu enzyklopädischen Handbuch vereinen Sie mehrere Dutzend Autoren, die in ca. 150 unterschiedlich langen Abhandlungen Werke, Werkaspekte und biographische Ebenen bei Hugo von Hofmannsthal vorstellen und analysieren. Wie organisiert man überhaupt ein solch ehrgeiziges Unternehmen?
Prof. Mathias Mayer: Zum einen waren wir ja zu zweit als Organisatoren, zum anderen erstreckt sich die Arbeit an diesem Autor bei mir über viele Jahre. Der erste Plan für das Handbuch war noch deutlich umfangreicher, man hätte unschwer noch einmal hundert Artikel dazunehmen können, wir mussten uns vielfach auf eine repräsentative Auswahl einlassen.

Feuilletonscout: Hugo von Hofmannsthal lebt im allgemeinen Lektüreverhalten, im Theateralltag, in der literaturwissenschaftlichen Rezeption und im Weiterwirken seiner Motive in fremden Dichtungen ebenso weiter wie in Romanen und Theaterstücken anderer Autoren; (das Handbuch nennt auch hier einige Beispiele). Differenziert fächert das Handbuch die Rezeptionsphasen auf. Wie sehen Sie auf den verschiedenen Ebenen die Zukunft Hofmannsthals?
Prof. Mathias Mayer: Vermutlich wird Hofmannsthal nie ein populärer Autor werden, aber die Magie seiner frühen Lyrik, die Raffiniertheit seiner Essays, und auch die Wucht mancher Erzählungen dürften weiterhin anerkannt bleiben. Um die Opern, denke ich, wird man sich auch nicht sorgen müssen, aber schon bei den Komödien sind die Aufführungen sehr zurückgegangen. Für die Literaturwissenschaft sind, glaube ich, viele Anschlussmöglichkeiten zu erkennen und auch noch Entdeckungen zu machen.

Feuilletonscout: Was kann ein Autor heute von Hofmannsthal lernen?
Prof. Mathias Mayer: Das würden Autoren allenfalls besser beantworten können als bloße Wissenschaftler. Ein kleines Kapitel zu seiner kreativen Wirkungsgeschichte findet sich ja auch im Handbuch.

Feuilletonscout: Herr Professor Mayer, derzeit arbeiten Sie an einer Ausgabe von Hofmannsthals Briefwechsel mit seinen Eltern. Wie war überhaupt das Verhältnis des Dichters zu diesen? Können wir von der Ausgabe Überraschungen erwarten?
Prof. Mathias Mayer: Die editorische Arbeit an diesem großen Briefwechsel, der immerhin mehr als 2000 Dokumente umfassend wird, liegt in den Händen zweier jüngerer Hofmannsthal-Experten. Vor allem die Rolle der Mutter, scheint mir, wird das Verständnis für den Komplex von Nervosität, Phantasie und Kreativität erhöhen, – der Vater spielt insofern eine bedeutende Rolle, als er nicht ins Bild des generationentypischen Konfliktes mit dem Sohn passt. Ich glaube, dass es eine sehr aufregende Publikation werden wird.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Mayer!

Hofmannsthal-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung
Mathias Mayer und Julian Werlitz (Hrsg.)
J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016
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Coverabbildung © J.B. Metzerl Verlag

 

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