Gänsehaut: Hans Lebert „Die Wolfshaut“

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LiteraturEs ist schade, dass so manche Bücher nicht oder nur noch zu horrenden Preisen erhältlich sind. Dass sie es trotzdem wert sind, Gehör zu finden und Aufmerksamkeit zu bekommen, findet Ingobert Waltenberger in seiner Rezension.

Die „Wolfshaut“ ist eines der besten und wichtigsten österreichischen Bücher der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mein eigentliches Lieblingsbuch aus der Zeit ist Heimito von Doderers Roman „Die Dämonen“ nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff. Die bedürfen aber ihre Bekanntheit wegen weitaus weniger des aufmunternden Leseanstachlers als Leberts Wolfshaut. Lebert, ein Neffe Alban Bergs, die Oma Anna Nahowski war eine Geliebte von Kaiser Franz Joseph (ist Hans sogar sein Enkel?), war ausgebildeter Opernsänger und hatte 1941 eine Anklage wegen Zersetzung der Wehrkraft auf dem Hals.

Die letzten Kriegsjahre verbrachte er versteckt in den steirischen Bergen. „Wolfshaut“ ist literarische Nachkriegsbewältigung mit Lokalkolorit und antiidyllische Bestandsaufnahme, das Buch fühlt Tätern auf den eiternden Zahn. Der Matrose ist zurück und sucht seinen Vater. „Wolfshaut“ ist ein schwarz schillernder Kriminalroman, der das Unheimliche, das Metaphysische derart brillant zum Reden bringt, dass es einem wie ein Monster von hinten mit Klauen und Krallen anfällt.

Im Dorf Schweigen beginnen sich nämlich einige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges grausige Todesfälle zu häufen. Anschuldigungen und Diffamierungen fördern schließlich ein verschwiegenes, kollektives Verbrechen zu Tage. In 99 Tagen vom 8.11. 1952 bis 14.2.1953, welche der Erzähler Revue passieren lässt, fällt die längste Zeit ein ekelhafter, dünner Regen und sorgt für eine widerwärtige Flut an Schlamm, Lehm, Schmiere, Brei, Schleim und Kot. Daraus ersteht eine jede Haut ritzende Wahrheit, die durch die dichte Sprache beinahe körperlich erfahrbar wird. Jedes Wort sticht wie eine Tattoonadel ins Gewissen.

Der gescheiteste Lebert Experte Jürgen Egyptien bezeichnet in seinem Aufsatz „Kreuzfahrten durch den leeren Himmel“ die „Wolfshaut“ als transzendentales Logbuch. Die Toten haben Hunger. Da ist der Gehängte im Apfelbaum. Gott, Teufel und Wolf, die Hatz auf das Zebra. Die Höllenmaschine Malletta hält Jüngstes Gericht.

Mein Tipp: Lesen, Eintauchen in Alpen-Suspense und jenseitige Welten und gleichzeitig in höchst genussreiche österreichische Sprachkunst. Besteigen auch Sie diesen ‚Achttausender der österreichischen Nachkriegsliteratur‘ (Elfriede Jelinek).

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Gänsehaut: Hans Lebert "Die Wolfshaut", 5.0 out of 5 based on 7 ratings
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