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Vor 200 Jahren erschien „Frankenstein“ auf der literarischen Bühne. Eine besondere Ehrung erfährt das Werk durch August Zirner und das Spardosen-Terzett. Von Barbara Hoppe

Mary Shelleys „Frankenstein“ gilt als einer der beliebtesten Schauerromane und seit 2015 auch nach Ansicht von 82 internationalen Literaturkritikern und –wissenschaftlern als einer der bedeutendsten britischen Romane. Wer dieses Meisterwerk der englischen Romantik allerdings in die Hand nimmt, sucht bisweilen das Schauderhafte darin, auch wenn die Entstehungsgeschichte uns etwas anderes erzählt: 1816 floh die damals 19-jährige Mary Godwin mit ihrem Geliebten und Vater ihrer zwei Kinder, Percy Shelley, nach Italien. Dort, in der Villa Diodati, unweit des Genfer Sees, waren sie und eine illustre Gemeinschaft aufgrund von sehr schlechtem Sommerwetter überwiegend ans Haus gefesselt. Um sich abzulenken, sollte jeder eine Schauergeschichte schreiben und sie den anderen vortragen. Damit legte Mary Shelley die Basis für ihre Unsterblichkeit.

Natur, Gefühle und wohlige Schauer

Und dennoch ist es eine fatale Erwartungshaltung, zu glauben, sich mit der Lektüre von „Frankenstein“ einem gruseligen Lesegenuss hingeben zu können. Seitenlange Natur – und intensive Gefühlsbeschreibungen nehmen mindestens genauso viel Raum ein wie die eigentliche Geschichte um die bedauernswerte Kreatur, die Viktor Frankenstein in krankhaftem Ehrgeiz zum Leben erweckt. Ganz im Sinne der Romantik verschmelzen Natur, Gefühle und naturwissenschaftliches Streben zu einem Roman, der einem in letzter Konsequenz das Schaudern lehrt – jedoch weniger ob des Monsters, sondern vielmehr aufgrund der Auswüchse wissenschaftlicher Hybris.

Unsterblich durch Reduktion

Der Weg in die Unsterblichkeit Frankensteins führte trotz der hervorragenden Komposition der literarischen Vorlage vor allem über die radikale Reduktion der Geschichte auf das Unheilvolle, das Grauenhafte des Monsters, das sich doch nur nach Liebe und Zuneigung sehnt, worauf sich viele der zahlreichen Verfilmungen und Adaptionen dann auch meist in Splattermanie beschränken.

Musik ersetzt die Beschreibung

Einen anderen Ansatz findet man auf der aktuellen CD „Frankenstein“, auf der August Zirner durch die wohl durchdachte Auswahl prägnanter Textstellen die Geschichte auf ihre schaurige Essenz zurückführt, um ihr gleichzeitig einen Gewinn zu bescheren. Zirner liest wunderbar eindringlich mit einer Stimme, die Gänsehaut hervorruft und Spannung nicht nur aufbaut, sondern hält. Unterstützt wird er vom Spardosen-Terzett, deren Jazz-Einwürfe das Geschehen untermalen und den Part der Natur- und Gefühlsbeschreibungen aus der literarischen Vorlage streckenweise übernehmen. In 23 kurzen Einheiten erweckt das Quartett die tragische, schauderhafte Geschichte zum Leben und gewährt auch für eingefleischte Literaturliebhaber einen neuartigen Blick auf diesen klassischen Roman.

August Zirner & Das Spardosen-Terzett
Frankenstein. Eine theatralisch-musikalische Lesung
Steinbach Sprechende Buecher 2018
Ein Koproduktion von GLM Music und Bayerischen Rundfunk

Rainer Lipski: E-Piano
Kai Struwe: E-Bass, Electronics
Mickey Neher: Schlagwerk
August Zirner: Erzähler, Querflöte

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