Eine einsame Hütte im Wald

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Romy Hausmann schreibt mit „Liebes Kind“ spannend mit Luft nach oben. Von Barbara Hoppe.

Dieser Thriller hat so viele unerwartete Wendungen und Winkelzüge, dass man besser darüber schweigt als zu viel zu verraten. Die Autorin, Romy Hausmann, war mit 24 Jahren schon Redaktionsleiterin bei einer Münchner Fernsehproduktion. Irgendwann war es genug, die vielen Geschichten, die vielen Schicksale, die sie mit der Kamera einfangen musste. Sie begann, einen Blog über ihre Arbeit zu schreiben, zog sich zurück und lebt heute, knapp zehn Jahre später, in einem abgeschiedenen Waldhaus bei Stuttgart.

Es mag dieser Hintergrund sein, der Romy Hausmann inspirierte. Denn in eine einsame, hermetisch abgeriegelte Hütte gerät auch die junge Frau in ihrem Thriller „Liebes Kind“. Doch eigentlich ist das alles schon vorbei, wenn der Roman beginnt. Die Geschichte fängt dort an, wo andere aufhören: Die Flucht ist geglückt, der Peiniger überwältigt. Nun beginnt die Aufarbeitung des Geschehens, die polizeilichen und therapeutischen Befragungen, die verzweifelte Suche nach der Wahrheit. Erzählt wird aus den Perspektiven der Entführungsopfer Lena und Jasmin, dem Kind Hannah und Matthias, Vater von Lena. Mit jedem Satz scheint sich das Geflecht zu entwirren, nur um kurz darauf für mehr Verwirrung zu sorgen. Geschickt lässt Romy Hausmann die Protagonisten von ihrer Wahrheit erzählen. Der Leser merkt erst langsam, dass hier etwas nicht zusammenpasst. Ein drohender Schatten taucht auf, der das Vertrauen in die Figuren nach und nach unterwandert. Irgendwo da draußen lauert noch nach Böse.

Nicht nur zerren das Ungewisse und die merkwürdigen Verhaltensweisen an den Nerven, auch wünscht man sich nicht selten eine rasche Auflösung, wenigstens eine flottere Erzählweise. Die atemraubende Spannung konterkarieren bisweilen etwas zu langatmige Passagen mit Abschweifungen, die Tempo aus einem Geschehen nehmen, wo es unnötig ist. Oftmals bleibt die Sprache zu flach und oberflächlich, um dem durchaus fintenreichen und spannenden Plot das Wasser zu reichen. Es fehlt an Raffinesse und Subtilität. Es ist ein bisschen so, als schaute man einen  – durchaus spannenden – Film von Bruce Willis, hat aber einen von Claude Chabrol erwartet. Dafür darf man den seltenen Fall genießen, in einem Thriller ausschließlich unsympathisches Personal vorgesetzt zu bekommen. Wer ist hier noch normal, sympathisch? Wem kann man Vertrauen? Und wer hat was zu verbergen? Nichts stimmt also so richtig und was bleibt ist, sich als Leser durch diese Ungewissheit irgendwie durchzuhangeln.

Romy Hausmann
Liebes Kind
dtv premium, Frankfurt 2019
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Eine einsame Hütte im Wald, 4.5 out of 5 based on 2 ratings

1 Gedanke zu „Eine einsame Hütte im Wald“

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