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Rezension von Barbara Hoppe.

Vielleicht sollte man im nächsten Sommerurlaub auf Strand und Meer verzichten und nach England fahren. Genauer in die Grafschaft Wiltshire, in die Nähe von Chippenham, rund 20 Kilometer von Bath und 160 Kilometer von London entfernt. Dort könnte man dann seine Blicke über die karge Landschaft und die Waldgebiete schweifen lassen und versuchen sich vorzustellen, wie es hier 1922 aussah. In diese Zeit und Gegend führt uns die britische Autorin Katherine Webb in ihrem jüngsten Roman „Die Frauen am Fluss“. Es ist ein heißer Sommer, als Irene als frisch angetraute Ehefrau des Gutsherrn Alistair Hadleigh im Dörfchen Slaughterford ankommt. Sie passt so gar nicht hierher, dieses dünne, mondäne Modepüppchen. Und obwohl ihr Mann sich redlich bemüht, will die Liebe nicht entflammen. Ihr Herz hatte sie einst in London verloren, der Skandal blieb nicht aus, und um wenigstens einigermaßen glimpflich aus der Sache herauszukommen, blieb der jungen Frau nichts anderes übrig, als dem Werben des gutaussehenden Landmanns nachzugeben. Als dieser jedoch brutal ermordet wird, muss sie sich emanzipieren.

Katherine Webb ist in England eine Bestsellerautorin und auch hierzulande landen ihre Romane bisweilen auf der Liste der meistverkauften Bücher. Die Autorin, 1977 im Süden Englands geboren, studierte Geschichte, schlug sich mit Jobs als Kellnerin und Verkäuferin durch, lebte in London und Venedig und arbeitete tatsächlich auch als Hausmädchen in diversen Herrenhäusern. Mit „Die Frauen am Fluss“ legt sie nun ihren siebten Roman vor. Ein Gesellschaftsroman soll es wohl sein, in dem der Mordfall Unruhe bringt und die Untiefen der Dorfgemeinschaft zutage treten. Allerdings fehlt Katherine Webb die Finesse einer Jane Austen, um ein wirklich entlarvendes Bild einer ländlichen Gesellschaft im Nachkriegsengland zu zeichnen und auch die Kauzigkeit der Texte von Agatha Christie sucht man vergeblich. Ein wenig zu tief greift sie in die Kiste der Klischees mit einem gütigen und gerechten Gutsherrn, seiner mondänen, etwas unselbständigen jungen Frau, der herrischen Tante, der frühreifen Tochter des Arztes, dem  Kriegsversehrten und der ärmlichen Dorfgemeinschaft, die überwiegend in der Papiermühle des Gutsherrn arbeitet. Nach Lehrbuch stellt Katherine Webb ihre Figuren vor und entwickelt den Plot, ohne dass echte Spannung aufkommt. Selbst mit dem Mord braucht es noch einigen Anlauf, bis die Geschichte an Fahrt aufnimmt, denn Irene und Arzttochter Pudding glauben nicht an den vermeintlichen Täter – Puddings Bruder Donald, der nach einer Kriegsverletzung geistig eingeschränkt ist. Ihre eigenen Recherchen verlaufen eher zaghaft, wissen sie doch nicht recht, wie man eine Ermittlung anfängt. Nichtsdestotrotz gelingt es der Autorin, uns bei der Stange zu halten, bis sie am Ende tatsächlich mit einem Coup aufwarten kann, den man nicht erwartet hätte.

Vielleicht ist es genau diese Lektüre, die man braucht, um einem Urlaub im Süden Englands die rechte Untermalung zu geben, während man entspannt über karge Landschaften blickt und sich vorstellt, wie das Leben hier vor rund einhundert Jahren aussah. Unterhaltsam ist es allemal.

Katherine Webb
Die Frauen am Fluss
Diana Verlag, München 2018
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Coverabbildung © Diana Verlag

 

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Ein Mord auf dem Lande: Katherine Webb „Die Frauen am Fluss“, 5.0 out of 5 based on 1 rating