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Ein Moment mit... der Künstlerin Claudia Sawallisch: „In meinen Arbeiten schaue ich mir die Welt an und staune“.

© Claudia Sawallisch

Claudia Sawallisch schafft Papier-Plastiken, die unsere schöpferische Kraft freisetzen. Ihre Engelsskulpturen und –malereien sind Botschafter der Einigung und Wirksamkeit.

Feuilletonscout: Claudia, bist du ein gläubiger Mensch?
Claudia Sawallisch: Nicht im kirchlichen tradierten Sinn. Ich würde mich inzwischen aber als spirituell bezeichnen. Als Insel-Berlinerin und Tochter einer aus West-Preußen geflohenen Mutter, bin ich evangelisch erzogen, jedoch unaufgeregt und ohne Dogmen. Die Frauen der mütterlichen Linie haben die Haltung, dass alles einen Sinn ergibt und sich im Universum zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Wir Menschen haben die Fähigkeit zu wachsen und uns zu entwickeln.
Ich finde den Gedanken von C.G. Jung sehr sympathisch: „Ich glaube nicht, ich weiß“, auch wenn ich nicht jeden Tag zustimme.

Feuilletonscout: In deinen Werken beschäftigst du dich mit Engeln und unserer eigenen Verletzlichkeit, aber auch mit Gott und Vergebung. Warum setzt du dich mit diesen Themen so intensiv auseinander?
Claudia Sawallisch: In meinen Arbeiten beschäftige ich mich seit 2000 mit diesem Thema Engel.
„Angelos“ (griechisch, Ἄγγελος) bedeutet „Bote“ oder Botschafter, ist also der Überbringer einer Nachricht. Engelsdarstellungen sind in allen drei abrahamitischen Religionen zu finden und auch bereits im alten Ägypten.
Für mich sind die Religionen einigend, jedenfalls könnten sie das! – genau das ist aber auch die Herausforderung unserer Zeiten. Wenn wir mutig sind und genau hinsehen, dann liegt in der Unterschiedlichkeit der Religionen eben eigentlich sehr viel Verbindendes. Dafür stehen meine Figuren.
Meine Papier-Plastiken sind die Botschafterinnen und Gesandten, die uns eine Zeitlang begleiten, uns in unserer Akzeptanz, Empathie und Kongruenz mit der Umwelt stärken und wenn man so will, die schöpferische Kraft in uns freisetzen.
Wir kennen sicher alle Menschen, die uns im Laufe unseres Lebens impulsgebend, positiv wie negativ stärken. Wir haben sie alle schon mal getroffen; ich

Geflügelter / © Claudia Sawallisch

denke an wirkliche Menschen, die mich, ja uns alle, wirklich beeindrucken, fordern, ja, die uns sogar überfordert und in gewisser Weise auch angefixt haben, die deshalb wichtig und notwendig für meine Entwicklung waren.
Rilke formuliert es so: „Ich ließ meinen Engel lange nicht los (…) er lernte das Schweben, ich lernte das Leben, und wir haben langsam einander erkannt.“
In meinen Arbeiten schaue ich mir die Welt an und staune, wie jeder Mensch seinen inneren Diskurs im Zusammenspiel mit anderen meistert. Darin liegt, wie ich finde, eine eigene Ästhetik und schöpferische Kraft. Gehört dazu doch eine gehörige Portion Mut, Ruhe, Annahme und auch Versöhnung mit sich und der Umwelt.
Die BotschafterInnen zeigen uns einfach wie wir wachsen können und in der Welt wirken.
Interessant ist vielleicht, dass nicht alle meine figurativen Darstellungen Engel sind. Die Flügel entwickeln sich dann aus den Armen und wachsen nicht aus dem Rücken. Ich greife oft das Ikarus-Thema auf, denn Scheitern, Loslassen und das ständige Wählen zwischen den Möglichkeiten kehrt für mich immer wieder und gehört einfach zum Leben dazu.

Feuilletonscout: Wie würdest du selbst die Entwicklung deiner Kunst über die Jahre beschreiben?
Claudia Sawallisch. Ich verwende seit Jahren verschiedene Papiersorten (Japanpapier, Verpackungen oder auch Zeitungen) und koche es stundenlang bis ein Papierbrei entsteht. Diese werden dann mit verschiedenen Leimen versetzt bis eine modellierbare Masse entsteht. Im Laufe der Jahre habe ich so eine konsistente Pulpe entwickelt, die sich einerseits weich wie Papier anfühlt, andererseits beständig ist und eine ganz eigene Oberflächenstruktur besitzt.

Zu Beginn habe ich stärker mit Körperhüllen –also hohl und offengearbeitet, nun haben meine Figuren eine klare Position, eine bestimmte Körperhaltung, die die innere Kraft zeigen. Das sieht man auch in der Malerei. Sie hat vielfach mehr Tempo, ist etwas farbiger und deutlich kraftvoller. Die Figuren in den Bildern strahlen in ihre Umgebung und wirken integrierend. Meiner Lieblingsfarbe Indanthronblau, welches ich gern anstatt Schwarz verwende, bleibe ich treu, doch manchmal gelingt es mir, grelle Farbtupfer oder metallische Effekte dagegen zusetzen. Ich bewege mich zurzeit aus meiner blau-weißen Komfortzone.

Feuilletonscout: Hat dich deine künstlerische Arbeit selbst auch verändert?
Claudia Sawallisch: Ja, auf jeden Fall.
Denn für eine Plastik braucht es meine Geduld, die ich sonst oft nicht habe. Das fordert mich. Immer wieder bedeutet das: Papierbrei antragen, trocknen lassen, wieder und wieder verdichten, bis sich die gewünschte Form zeigt. Bis so eine kleine Figur fertig ist, vergeht gern schon mal ein Monat. Das ist eine wunderbare Gelassenheitsübung für mich. Bei Malen kann ich mich mit meinen unterschiedlichen Energien ausleben: schnell, flüchtig und gelegentlich langsam, detailreich und Schicht über Schicht auftragen.
So entstehen manchmal mehrere Bilder oder Plastiken gleichzeitig zu einem inneren Thema und haben damit für mich etwas Ganzheitliches, weil die Arbeiten sich eben am Prozessende ergänzen. Durch meine künstlerische Arbeit schaffe ich eine Art Reflexionsfläche, um meinen inneren Diskurs mit dem äußeren sicht- und nachvollziehbar zu machen. Dies empfinde ich als ungemein versöhnlich.

Aufwind 2017 / © Claudia Sawallisch

Aufwind 2017 / © Claudia Sawallisch

Feuilletonscout: Was möchtest du beim Betrachter auslösen?
Claudia Sawallisch: Einmal stand ein Besucher in meinem Atelier und hat spontan gesagt: „Deine Figuren sprechen zu mir.“ Kommunikation anzustoßen und damit Dialog zu initiieren ist auf jeden Fall ein Ziel. Ich denke, mehr kann man als Künstler nicht erreichen.

Feuilletonscout: Wie sind deine Pläne?
Claudia Sawallisch: Dieses Jahr ist noch nicht völlig geplant. Im Sommer zeige ich einige Arbeiten in Worpswede und den Niederlanden. Für den Denkmalstag im September arbeiten wir Künstler des Künstlerhauses 19, Schlachtensee, zum Thema „Macht und Pracht“.
Und, mal sehen was das Leben sonst noch so bereithält.

Vielen Dank für das Gespräch, Claudia Sawallisch! 

Kontakt:
Studio: Künstlerhaus 19, Schlachtensee
Wasgenstr. 75
14129 Berlin

Die nächste Ausstellung von Claudia Sawallisch findet im Rahmen der Privat residential gallery hours von Jeannette Hagen statt:
20. Mai – 18:00 bis 22:00 Uhr
19:00 Uhr: kleine Laudatio
bei Eichner/Hagen
Gieselerstr. 22
10713 Berlin
Mit der Bitte um Anmeldung unter kontakt@jeannette-hagen.de

Claudia Sawallisch wird vor Ort sein.

 

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