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Trafo 1-3. kleinste galerien der Welt. Ein wunderschönes Kunst- und Architekturprojekt mitten in Brandenburg.

Foto: Michael Pommerening

3,27 qm – mehr brauchte Michael Pommerening nicht, um sich einen Traum von der Stadtflucht zu verwirklichen. Ein altes Trafohäuschen in Regenmantel – ja IN Regenmantel, 58 Einwohner, in Falkenhagen/Märkisch-Oderland, Brandenburg – war die Initialzündung. Michael Pommerening machte es zur kleinsten Galerie Brandenburgs und rettete es damit vor dem Abriss. Es folgte das 6qm große Wiegehäuschen in Dolgenin. Nun sollen noch mehr kleine Kunststätten hinzukommen.

Michael Pommerening

Michael Pommerening

Feuilletonscout: Sie wollten damals weg aus der Großstadt. Warum?
Michael Pommerening: Weil nur die Balance, die Komposition der Gegensätze, der Punk von Berlin und der Chill out in der Natur für mich das echte Lebensrezept war. Ich könnte auf beides nicht verzichten. Nicht auf die Frechheit und Freiheit der großen Stadt, die Leuchtreklame in der Nacht bei Regen, die ungewöhnlichen Typen und die namenlose Hektik. Und dann die völlig naturbelassene Ruhe des Landes hier am Waldrand von Regenmantel, das Gegenteil von Anonymität der Menschen hier, das frische Ei aus dem Stall, der Geruch von Acker und Mist und der unendliche Sternenhimmel.
Es sind die Gegensätze, die ein Leben in Bewegung halten und die Suche nach dem idealen Punkt in deren Mitte, den wir wohl nie finden werden. Die Symphonie der Großstadt und die Poesie der Natur…

Feuilletonscout: Was haben Sie auf dem Land gesucht?
Michael Pommerening: Die Nähe zur Natur. Das Handanlegen an den Boden, den Anbau von Obst und Gemüse ohne Chemie, das Leben ohne Massenansammlungen, die Ruhe und den Kindern einen Ort, wo sie Natürlichkeit selber erforschen können, Tiere und Pflanzen sehen und das alles nicht nur bei Peter Lustig

Feuilletonscout: Wie entstand die Idee zur Galerie bzw. zur Kunst in der Provinz?
Michael Pommerening: Die Idee war, Kunst an ungewöhnlichen Orten zu zeigen. Die vor allem auf dem Dorf oft geäußerte Meinung: „Kunst, was ist das, brauchen wir nicht, verstehen wir nicht…“war mir immer schon ein Dorn im Auge. Dazu kommt die Kultivierung des Massenansturms auf Kunst als Hype in Berlin. Jeder wollte dabei sein, stand stundenlang an den Kassen und vor den großen Kunsttempeln. Dieser Vermassung von Kunst – denn wer kann in Fünferreihen vor den Kunstwerken diese wirklich auf sich wirken lassen- wollte ich die Einsamkeit der Betrachtung, das Sich-Vertiefen in ein Kunstwerk entgegensetzen. Und dies dann auch noch am Feldrain neben dem Rapsfeld… das war und ist für mich die ideale Einheit von Natur und Kunst.

Feuilletonscout: Wie haben Sie das Trafo-Häuschen in Regenmantel gefunden?
Michael Pommerening: Das Trafohaus hat mich gefunden. Ich hörte zu dieser Zeit, dass der Energiebetreiber eon.Edis alte Trafohäuser abreißen und durch kleine graue Kästen ersetzen will. Dazu muss man wissen, das nicht nur die alte Eiche, sondern auch diese Backsteintürme, die bis zu 10 Meter in den Himmel ragen, für viele Menschen auf den Dörfern Treff- und Orientierungspunkt waren.
Es sollen sich schon Skatbrüder nach einem Besuch im Dorfkrug, etwas orientierungslos und leicht angedudelt verlaufen haben, weil das alte Trafohaus, welches seit hundert Jahren an der Weggabel seinen Platz hatte, plötzlich verschwunden war. Diesen Menschen wieder eine Lebensorientierung zu geben und bei der Suche nach dem rechten Weg zu helfen, war auch eine meiner Intentionen :)).

Feuilletonscout: Es begann mit Trafo 1 in Regenmantel, dann kam das Wiegehäuschen in Dolgelin hinzu. Nun soll mit einem dritten Haus das Projekt Trafo 1-3 entstehen und damit ein kunst-touristischen Wanderweg. Gibt es schon ein drittes Häuschen?
Michael Pommerening: Ja, der TRAFO.3 ist gefunden. In einem Örtchen im Oderbruch nahe dem Oderdeich. Die Verhandlungen zur Übernahme des alten TRAFO-Hauses laufen und auch die Suche nach finanzieller Unterstützung. Denn der Ausbau und die Gestaltung zu einer Galerie kosten ein wenig. Dazu habe ich gerade ein Crowdfunding-Projekt gestartet.
Wenn die drei TRAFO-Galerien am Start sind, möchte ich einen kunsttouristischen Wanderweg ins Leben rufen. Dann soll alle acht Wochen eine neue Ausstellung in allen drei Galerien gleichzeitig eröffnet werden, also an einem Tag, mit Arbeiten eines Künstlers/einer Künstlerin und die Interessierten können dann per Rad oder E-Bike nacheinander und zeitversetzt die Vernissagen besuchen und so die Natur hier im Märkischen Oderland und die Kunst an ungewöhnlichen Orten erfahren und genießen.

Feuilletonscout: Sind Sie so etwas wie der „Retter von Trafo- und Wiegehäuschen in Brandenburg“?
Michael Pommerening: Ich versuche Architektur der jüngeren Industriegeschichte zu bewahren. Den schnellen Abrissbagger aufzuhalten, über Geschichte nachzudenken, über Architektur und den Alltag der Menschen, die mit dieser leben.
Natürlich bekommt dieser Prozess eine gewisse Eigendynamik. Kürzlich bekam ich einen Anruf vom Energietreiber, dass ein weiteres Trafohäuschen abgerissen werden soll, ob ich denn Interesse hätte. Da aber TRAFO.3 schon gefunden war, musste ich ein wenig nachdenken. Aber nun steht fest, dass ich auch dieses Trafohaus vor dem Abriss bewahren werde. Was dann damit geschieht, wird die Zeit zeigen. Erst einmal bewahren. Vielleicht kann dieses ja auch als Niststation für Vögel ausgebaut werden. „VOGEL-TRAFO.1“ dann vielleicht???

Feuilletonscout: Wie finden Sie die Künstler, die bei Ihnen ausstellen?
Michael Pommerening: Ich besuche Ausstellungen, bekomme Anfragen und die weite Welt des Internets ist unerschöpflich.

Feuilletonscout: Welchen besonderen Herausforderungen sehen Sie sich gegenüber, wenn Sie auf 3,27 bzw. 6 qm ausstellen?
Michael Pommerening: Das Credo eines Künstlers auf ein Minimum zu konzentrieren. Jeder Künstler hat, trotz einer breiten Palette des Schaffens, doch seine besondere Art die Wirklichkeit zu sehen, in seiner Kunst zu brechen und zu reflektieren.
Oft sagen drei bis vier Werke mehr als 100. Die Einsamkeit der Betrachtung ruft nach Beschränkung, Masse macht Hektik. Und deshalb ist es keine Not auf kleinem Raum Kunst zu zeigen, sondern ein Versuch, in einer Welt des Überflusses, das Einzelne wirken zu lassen. Masse macht Angst, verwirrt, schreckt oft ab, gerade die Menschen hier auf dem Land.

Feuilletonscout: Sie selbst sind TV-Journalist. Können Sie sich vorstellen, irgendwann ausschließlich von der Kunst, als Galerist zu leben?
Michael Pommerening: Nein, schön wär`s.
Aber eigentlich lebe ich jetzt schon von der Kunst, nicht im Sinne der Sicherung meiner materiellen Bedürfnisse, als eher dem Genuss zu tun, was mich glücklich macht. Und es stimmt: Nur in der Kunst ist man wirklich frei. Kunst kann man nicht erzwingen.
Und auch die Freude, dass es Menschen gibt, die ein wenig mit dem oben genannten Vorurteil aufgeräumt haben, Kunst nicht zu brauchen.
Immerhin haben wir schon knapp 21. 000 Besucher auf der Homepage und schätzungsweise 5.500 Besucher in den Galerien in zwei Jahren. Und das an einem Ort, wo sich Fuchs und im wahrsten Sinne des Wortes Hase „Gute Nacht“ sagen.

Feuilletonscout: Was sind die nächsten Schritte?
Michael Pommerening: Der nächste Schritt ist die Mittelbeschaffung und die Eröffnung der Galerie TRAFO.3 und damit der Abschluss des Projektes TRAFO.1-3.-kleinste galerien der welt.
Und dann wieder so ein lauer Sommerabend mit Freunden auf der Wiese vor der TRAFO-Galerie, ein Glas Rotwein in der Hand und ein Empanada auf dem Teller mit Blick auf ein Kunstwerk und den blühenden Raps dahinter, das ist Entschleunigung und Genuss.

Feuilletonscout: Was ist Ihr Traum in Bezug auf Trafo 1-3?
Michael Pommerening: Ich träume davon, einmal mit meinen Enkeln auf dem Fahrrad diese kunst-touristische Wandertour zwischen den TRAFO-Galerien zu machen und ihnen zu zeigen, wie schön das Land ist und wie wichtig die Kunst als Lebensmittel sein kann

Wer Trafo 1-3 unterstützen möchte, kann bei der Crowdfunding – Kampagne mitmachen: www.startnext.com/kunstregen

 

 

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Trafo 1-3. kleinste galerien der Welt. Ein wunderschönes Kunst- und Architekturprojekt mitten in Brandenburg., 5.0 out of 5 based on 1 rating