Ein Leben in Russland: „Luftgänger“

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Jewgeni Wodolaskin schreibt ein melancholisches Buch über den Verlust von Zeit. Von Barbara Hoppe.

Ein Mann erwacht aus einem langen Schlaf. Er kann sich an nichts erinnern. Der ihn betreuende Arzt beruhigt und schlägt vor, der Patient solle alles, woran er sich erinnern könne, aufschreiben. Dann würde sich das Gedächtnis wieder zusammensetzen. Der Kranke willigt ein. Und so beginnt das Tagebuch des Innokenti Platonow. Einzelne Ereignisse kehren zurück. Eine glückliche Kindheit im vorrevolutionären Russland, die zarte, aber intensive Liebe zu Anastassija, die Revolution, Terror. Verrat, Lagerhaft und dann nichts mehr. Wer war er gewesen? Welchen Beruf hat er ausgeübt? War er Pilot oder Maler? Sankt Petersburg taucht auf, die Sommerfrischen in Siwerskaja aus glücklichen Kindertagen. Die erste Irritation entsteht, als Innokenti entdeckt, dass die Tablettenschachtel auf seinem Nachttisch aus dem Jahr 1999 stammt. Hat er so lange geschlafen?

Jewgeni Wodolaskin, dessen Roman „Laurus“ aus dem Jahr 2015 ein internationaler Bestseller wurde, gelingt mit „Luftgänger“ ein ebenso mitreißendes Buch. Bereits in 14 Sprachen übersetzt, stand es auf der Short List des russischen Booker Prize. In bester russischer Erzähltradition gelingt es Wodolaskin spielend, uns in die Vergangenheit mitzunehmen. Immerhin liegt auch das Jahr 1999 schon 20 Jahre zurück. Doch der Spagat zwischen dem Kennenlernen der neuen Zeit mit ihren Computern, Autos, Telefonen und Flugzeugen und der Geschichte Russlands bis 1930 macht nur den einen Teil des Reizes des Romans aus. Innokenti ist ein „Lebensbeschreiber“, dem Details, Gerüche und Geräusche wichtiger sind als die große Weltgeschichte. Es ist kein Panorama russischer Geschichte, das sich hier entfaltet. Es ist vielmehr ein Leben in Russland, das Wodolaskin auf poetisch-melancholische Weise entwirft.

Coverabbildung © Aufbau Verlag

Staunend, aber nicht aufgeregt, blickt Innokenti auf die neue Welt. Glücklich, am Leben zu sein, bestaunt er alles Neue und gewöhnt sich schnell daran. Fast gleichmütig blickt er auf die Menschen, ihre Marotten und politischen Systeme. Was soll jemanden wie ihn noch erschüttern? Sein zu Hause ist die Vergangenheit. Was tun, wenn die eigene Welt mit ihren Menschen und Ereignissen einfach weg ist? Seine Suche gilt der verlorenen Zeit, schmerzhaft personalisiert und konserviert in der inzwischen über neunzigjährigen Anastassija. Was bedeuten angesichts der vielen Dinge, die ein Leben und eine Liebe ausmachen, Revolutionen und Politik?

Manches in diesem Buch ist vorhersehbar, fast klischeehaft. Die Geschichte Frolovs, des kühnen Aviators zum Beispiel. Oder Nastja, die Enkeltochter von Anastassija, die der Großmutter ähnelt und doch ganz anders ist. Eine neue Liebe für Innokenti, eine moderne Frau, die dann doch wie selbstverständlich die traditionelle Frauenrolle einnimmt. Man kann darüber hinwegsehen. Denn der  Roman besticht durch seine Sprachschönheit. „Wir sind ein Boot auf den Wellen, und der Fluss unter uns schwingt sich abwechselnd in die Höhe und verschwindet wieder, verwandelt sich in Kiefernwipfel.“ So klingt es in Innokenti nach, wenn er an seine Sommer als Siebenjähriger in Siwerskaja denkt, schaukelnd unter dem Baum. „So steigt ein Naturforscher an den Rand eines Kraters, um das Brodeln der Lava kurz vor einem Vulkanausbruch zu erleben.“ fasst er den Versuch zusammen, dem geheimnisvollen Gurgeln in der Kehle des Vaters auf den Grund zu gehen.

Das Schreiben wird zur Passion im kleinen Universum des Patienten. Die Geschichte konzentriert sich auf die Perspektiven der drei Hauptpersonen Innokenti, den Arzt Dr. Geiger und Nastja. Abwechselnd schreiben sie nun über Alltägliches und geraten mitunter ins Philosophieren. Ihre Stimmen verschmelzen je mehr Innokenti seine Vergangenheit wiederentdeckt. Zählt noch, wie sie war? Oder darf auch erzählt werden, was nicht geschah? Wie Robinson Crusoe, der Held seiner Kindheit, wandelt Innokenti einsam durch die Zeit, auf einer Insel, die niemand anders je betreten hat, verzweifelt die Erinnerungen festhaltend. Eine Zeit, die beginnt, als ein Pilot noch Aviator hieß und endet, als Zeitenwandler Luftgänger heißen.

Jewgeni Wodolaskin
Luftgänger
Aufbau Verlag, Berlin 2019
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Ein Leben in Russland: „Luftgänger“, 5.0 out of 5 based on 1 rating

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