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Fotografin aus Leidenschaft: Das Leben der Vivian Maier

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LiteraturChristina Hesselholdt würdigt „Vivian“ in einem ungewöhnlichen Roman. Rezension von Barbara Hoppe.

Am Ende starb sie einsam und verarmt in einem Pflegeheim. Ihren großen Ruhm und das Gerangel um die rund 200.000 Fotos, die sie im Laufe ihres 83 Jahre währenden Lebens überwiegend in den Straßen von New York und Chicago gemacht hat, erlebte Vivian Maier nicht mehr.

Wer war diese Frau, die Zeit ihres Lebens mit Niedriglohnjobs als Haushälterin und Kindermädchen ein karges Gehalt verdiente, aber mit Herzblut und ganzem Einsatz alles fotografiert, was ihr vor die Linse kam? Und die nur kurze Zeit nach ihrem Tod 2009 zu einem Superstar der Straßenfotografie wurde? Oder sollte man sagen „gemacht wurde“?

Geboren 1926 in der Bronx als Kind eines österreichisch-stämmigen Vaters aus einer Adelsfamilie und einer Mutter mit französischen Wurzeln, wuchs die kleine Vivian in zerrütteten Familienverhältnissen auf. Die Eltern trennten sich 1930 endgültig, der sechs Jahre ältere Bruder Charles versank in Kleinkriminalität und im Drogensumpf, war zeitweise im Gefängnis und starb in den 70er Jahren in einer psychiatrischen Anstalt. Zwischen den USA (die Familie hatte die US-Staatsbürgerschaft) und Frankreich groß geworden, nahm die kleine Vivian ihre Erziehung mangels konstant anwesender Bezugspersonen irgendwann selbst in die Hand. Heraus kam, was heute ihren Mythos ausmacht: eine groß gewachsene, knochige Frau, die in etwas altmodischen, viel zu großen Kleidern und Mänteln, grundsätzlich mit Hut und einer Rollex vor dem Bauch burschikos durch ein Leben marschierte, das von Einsamkeit, Exzentrik und Armut geprägt war und in dem Männer keine Rolle spielten. Einzig ihre Schützlinge fühlten sich offenbar recht wohl in ihrer Gesellschaft. Drei von ihnen holten sie Anfang der 2000er Jahre aus der Obdachlosigkeit, finanzierten eine Wohnung, beglichen Rechnungen und sorgten am Ende für ein anständiges Begräbnis. Ihre Kisten voll unentwickelter Filme – ihr fehlte das Geld, sie entwickeln zu lassen – landeten in einem Auktionshaus, als die Mietzahlungen für den Lagerraum ausblieben. Die sich anschließende Geschichte um die Urheberschaft der Bilder, der Vermarktungs- und Nachlassverwaltungsrechte würde Bücher füllen und verdeutlichen einmal mehr, wie sehr offenbar die Kunst mit dem Künstler verknüpft werden will.

Ausstellungen und Filme versuchen, das Phänomen Vivian Maier zu ergründen. Ein Phänomen freilich, über dessen künstlerischen Wert, sein Wirken und seine Strahlkraft die Kunsthistoriker noch sehr zweifeln. Zu sehr steht die kunsthistorische Einordung ihrer Fotos einer umfangreichen Marketingkampagne zu ihrer persönlichen Geschichte gegenüber. Doch lässt sich Kunst nur erfassen, wenn man die Geschichte des Künstlers kennt? Und hier auch nur bekannte Eckdaten? Die Gedanken und Gefühle einer Vivian Maier bleiben jedenfalls außen vor. Weder existieren Tagbücher von ihr, noch Briefe und andere persönliche Schriftstücke.

Christian Hesselholdt Vivian
Cover: Hanser Verlag

Einen sehr originellen Weg, die Fotografin zu ergründen, hat nun Christina Hesselholdt gefunden. Die preisgekrönte dänische Autorin nähert sich ihrem Objekt vorsichtig, umkreist sie und lässt in ihrer fiktiven Biographie nicht nur Vivian Maier sprechen, sondern auch Menschen, die sie umgaben. Man taucht ein ins Jahr 1968, als Vivian mit Anfang vierzig in der Familie Rice als Kindermädchen anfängt. Die kleine Ellen kommt mit der burschikosen Frau gut zurecht, auch wenn ihr Kinderherz so manche Unsensibilität der Älteren aushalten muss. Ob Mr. oder Mrs. Rice, später eine zweite Familie, ob Vivian selbst oder ihre Mutter Maria, Tante Alma oder die Künstlerin Jeanne Bertrand, bei der die Liebe Vivians zur Fotografie begann: Der dominierende Ton ist lakonisch. Man beobachtet, man wundert sich, man stellt fest. Wo Fakten aufhören und dichterische Freiheit anfängt ist kaum zu ergründen. Es ist dieses Puzzle aus verschiedenen Stimmen, die sich zu einem gleichzeitig stimmigen wie fragmentarischen Bild fügen, auf dem Vivian Maier der Mittelpunkt ist.

Ein Erzähler mischt sich immer wieder ein, hält Zwiesprache mit Protagonistin wie Nebendarstellern, verbindet, wo Erklärungen nötig sind, fabuliert ein Leben zusammen, das es in Worten und Taten so hätte geben können. Ein Leben, das ihrer Besitzerin zunehmend gleichgültig wurde. Im Nachlass fanden sich zahlreiche uneingelöste Schecks. Ein Leben, das beginnend mit der großen Depression im 20. Jahrhundert den wilden Ritt ins 21. Jahrhundert miterlebte und damit gleichzeitig ein historischer Abriss der USA ist. Ein Leben mit zahlreichen Brüchen. Ob Vivian, Vivienne, Viv, Miss Maier, Miss Mayer oder V. Smith – ihr tiefstes Innerstes hielt sie so verschlossen wie uneinheitlich ihre Namen.

Jenseits aller Dokumentationen und Marketinggeschichten entwirft Christina Hesselholdt das Bild einer radikal unabhängigen Frau. Und macht sie uns dadurch nahbarer als es jedes Foto tun könnte. Ein mutiger Wurf.

Christina Hesselholdt
Vivian
Hanser Berlin 2020
Buch bei amazon kaufen oder nur hineinlesen
Bei Thalia kaufen oder für den Tolino

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Ein Gedanke zu „Fotografin aus Leidenschaft: Das Leben der Vivian Maier“

  1. … diee Rezension weckt eine Spontan-Sucht, eine Lust-Sucht, eine Sucht-Lust in mir, SOOO eine Frau kennenzulernen … Schaaaaade, dass ein Kennenlernen nicht mehr live möglich ist … Klar, die Photos zu betrachten, mag dann auch eine Spur sein, mir einekomplexe Biographie aufzuschließen … – HERZlichen Dank für diese Nach-SPÜR-Hinweis …

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