Édouard Louis und die harte Welt des „Lumpenproletariats“

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Wer Édouard Louis liest, versteht erst die Welt nicht mehr und dann umso besser. Von Barbara Hoppe.

Vor drei Jahren wirbelte Édouard Louis mit seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ die Literaturwelt auf. Der 1992 in Hallencourt ganz im Norden Frankreichs Geborene war damit von jetzt auf gleich zum neuen Shootingstar der französischen Intellektuellenszene avanciert. In 20 Sprachen ist sein Roman inzwischen übersetzt. Die Lektüre ist atemberaubend. Unter der Gattung „Roman“, basierend auf eigenen Erfahrungen, kommt er daher. Doch bei der Geschichte von Eddy Bellegueule, was auch gleichzeitig der Geburtsname des Autors ist, zweifelt man nicht eine Minute an der Wahrhaftigkeit. Er hat es erlebt. Und was er beschreibt – Homophobie, Xenophobie –  gibt es noch heute. Und erst recht noch Anfang der 2000er Jahre, allen Love Parades und Christopher Street Days zum Trotz.

   
Coverabbildung © S. Fischer Verlag
   

Jenseits dörflicher Idylle

Das Dorfleben in dem 1000 Seelen Ort, in dem die Männer „echte Kerle“ nur dann sind, wenn sie saufen, prügeln, Fußball spielen und in der Fabrik arbeiten, während die Frauen ihre Träume begraben und als Ehefrauen und Mütter einfache Jobs machen oder gleich zu Hause bleiben, ist geprägt vom täglichen Kampf ums Überleben und den fest zugewiesenen Rollen. Ein Milieu, in der Liebe grobschlächtig ist und sich darin ausdrückt, dass man Kindern ein Dach über den Kopf gibt und sie nicht verhungern lässt. Eine hilflose, brutale Zuneigung, die besonders schwer zu erkennen und zu ertragen ist, wenn man wie Eddy schon als kleiner Junge durch eine zu hohe Stimme, gestenreiches Sprechen und zu viel Hüftschwung beim Gehen auffällt. Eddy ist einfach zu effeminiert. Zu tuntig. Zu schwuchtelig. Eben schwul. Seine Kumpel können mit ihm ebenso wenig anfangen wie die Mädchen. Andere verprügeln ihn regelmäßig und lassen ihn ihren Rotz auflecken. Wer hier homosexuell ist, ist anders. Ein Außenseiter jenseits aller Gesellschaftsschichten, und damit auch für die unterste Schicht noch jemand, den man beschimpfen und bespucken kann. Der Vater ist enttäuscht von seinem Sohn, dem Weichei, und doch spüren die Eltern etwas in ihrem Jungen, das sich schließlich auch bewahrheiten soll: Eddy gelingt der Ausbruch aus dem Milieu.

   

Souveräne Sprachgewalt

Schaut man auf das Leben von Édouard Louis, mag man sagen: Der Eddy im Roman wird studieren, wird einer der führendenden Intellektuellen Frankreichs und schon mit 26 Jahren nicht nur in den USA, sondern auch als Gastprofessor an der Freien Universität Berlin lehren. Sein autobiographischer  Roman zu dieser Laufbahn ist schonungs- und selbstmitleidslos. Hart in der Sache, voll der Kritik und doch mit dem scharfen Blick eines Soziologen, der die Umstände mit einbezieht. Gnadenlos seziert Édouard Louis die Rolle seines Protagonisten Eddy und die Gesellschaft, in der er sich behaupten muss. Doch Vorwürfe oder Schuldzuweisungen sucht man vergeblich. Fast souverän lässt der Autor seinen Ich-Erzähler rückblickend erzählen. Anders als Yukio Mishima 65 Jahre zuvor, der in seinen „Bekenntnisse einer Maske“ ähnliches doch ganz anders erlebt (und für sich einen anderen Weg wählt), betreibt Édouard Louis keine introvertierte Nabelschau. In seinem Roman dominiert eine Sprachgewalt, die der realen Gewalt des Milieus in nichts nachsteht. Auch wenn das psychische Leid Eddys enorm ist, ja sogar manche Parallele zu Yuko Mishima – wie der Wunsch, zu sterben – hervorblitzt, steckt viel mehr Kraft in den Worten und Gedanken des Franzosen. Wer Édouard Louis liest, ist fassungslos oder zutiefst beschämt. Die einen schauen wie auf ein Gehege mit merkwürdigen Gestalten jenseits des Fassbaren, die anderen blicken in einen Spiegel.

   

Coverabbildung © S. Fischer Verlag

Die Mörder in der Politik

Édouard Louis war 18 Jahre alt, als er „Das Ende von Eddy“ schrieb. Es folgte der Roman „Im Herzen der Gewalt“. Nun ist der Autor literarisch zu seiner Familie zurückgekehrt. „Wer hat meinen Vater umgebracht“ ist eine unsentimentale Liebeserklärung an einen Vater, über den es beim Sohn heißt, „Die Geschichte seines Lebens erzählen heißt, die Geschichte meiner Abwesenheit zu schreiben.“ Eine Liebeserklärung, in der Sätze fallen wie „Ich habe oft das Gefühl, das ich dich liebe“. Es geht um einen Mann, dessen Leben sich durch das definiert, was er nicht ist, nicht geworden ist, nicht werden konnte. Weil die Umstände so waren, wie sie waren und bis heute sind. Édouard Louis‘ Literatur ist politisch. Er schreibt, um für die zu sprechen, die es nicht können oder die niemand erhört. Es kommt nicht von ungefähr, dass seine Stellungnahme zu den Protesten der Gelbwesten in Frankreich klingt als hätte man sie direkt aus einem seiner Bücher kopiert. Voller Wucht gehen seine Worte durch Mark und Bein. Immer noch und immer wieder. Das schmale Bändchen ist damit zugleich ein soziologischer Blick auf das, was er „Lumpenproletariat“ nennt. Menschen, die Opfer von Politikern sind, die keine Ahnung von der Schicht am untersten Ende der sozialen Leiter haben. Es ist aber auch ein Blick auf seine Familie mit den Augen eines Sohnes, der versteht.

Édouard Louis rüttelt wach. Wer ihn liest, kann nicht anders, als die Welt hinterher mit anderen Augen zu sehen.

Édouard Louis ist live am 3. Februar 2019 in der Buchhandlung Geistesblüten in Berlin. Weitere Infos hier.

Édouard Louis
Das Ende von Eddy
a.d. Französischem von Hinrich Schmidt-Henkel
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016
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Wer hat meinen Vater umgebracht?
a.d. Französischem von Hinrich Schmidt-Henkel
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2019
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Édouard Louis und die harte Welt des „Lumpenproletariats“, 5.0 out of 5 based on 1 rating

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