Düstere Ästhetik mit Sogwirkung: „Verlassener Garten“ von Stanislav Struhar

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LiteraturRezension von Barbara Hoppe.

Darf man ein Buch mit einem so düsteren Thema wie Stanislav Struhars „Verlassener Garten“, einfach nur schön nennen? Ja und nein. Ja, denn ist das erste, was einem zur außergewöhnlichen Sprache des Autors einfällt. Der Roman des Tschechen, der 1988 nach Österreich floh, erschien 2004 noch auf Tschechisch. Es war der letzte in seiner Muttersprache. Danach schrieb Struhar nur noch auf Deutsch. Insofern ist es ein doppeltes „Ja“: Die Sprache des Autors ist auch gleichzeitig die Sprache der Übersetzerin Kristina Kallert, der es meisterhaft gelingt, Tonalität und Atmosphäre ins Deutsche zu übertragen.

Und nein: Denn „schön“ greift in diesem Fall viel zu kurz und bleibt zu oberflächlich. Auf jeder Seite staunt man erneut, wie einfühlsam, wie reduziert Stanislav Struhar es gelingt, den Leser ganz tief zu packen. Sein Roman geht unter die Haut.

Erzählt werden elf Jahre aus dem Leben von Joachim. Die Geschichte beginnt im Jahr 1974, als der Sechsjährige seinen zwei Jahre älteren Bruder zu Grabe trägt. Aus seiner Ich-Perspektive sehen wir, wie die Mutter, von Polizei eskortiert, an der Beerdigung teilnimmt. Joachim selbst hält sich an seine Tante Nathalie. Die erst Siebzehnjährige ist die zehn Jahre jüngere Schwester der Mutter. Eine Mutter, die auch nach der Beerdigung fern bleibt. Für den Jungen geht es ins Haus der Großeltern. Die riesige Villa ist düster und kalt, braun ist die vorherrschende Farbe. Kinderlachen hat in dem bedrückenden Ambiente keinen Platz. Stattdessen schallen die Musik Richard Wagners und das „Deutsche Requiem“ von Brahms täglich durchs Haus. Die Tage, Wochen und Monate sind geprägt von Gleichförmigkeit. Joachim bleibt allein. Der Junge mit den langen blonden Haaren zeichnet und malt, spielt in dem verwilderten Garten oder im angrenzenden Park des Schlosses Schönbrunn. Auch als er zur Schule kommt, bleiben die Freundschaften aus. Einzig zu seiner Tante Nathalie ist das Verhältnis inniglich.

Cover: Wieser Verlag

Warum, das erfährt der Leser durch Beobachtungen, die der Junge macht. In die Dielen eingeritzte Hilferufe, das Knarren der Klinke von der Tür zu Nathalies Zimmer, nachdem der Großvater die Treppe hinaufgekommen ist. Nichts wird ausgesprochen, aber die Symptome eines dunklen Familiengeheimnisses sind sichtbar und fügen sich nach und nach zusammen. Eine schaurige Faszination geht von Joachims völlig emotionslosen Beschreibungen über das Leben und Sterben im Haus aus, die umso atemloser machen, da der Junge seine Beobachtungen nicht deuten kann.

Meisterhaft gestaltet Stanislav Struhar seinen Roman, der wie ein Kammerspiel anmutet. Schon auf den ersten Seiten begibt man sich auf eine Kamerafahrt durch die furchteinflößenden Räume der Villa. Die Blicke gleiten über Wände und Möbel, nehmen Details wahr, die unwillkürlich aufs Gemüt drücken. Je dunkler und hermetischer das Leben in der Villa wird, so heller erstrahlt die Beziehung zwischen Joachim und Nathalie. Beide mit langen blonden Haaren, nähern sie sich nicht nur optisch aneinander an. Gelingt Nathalie auch die Flucht aus dem Haus, so liegen seine Schatten weiterhin über ihr und drohen, auch Joachim zu vernichten.

Der Sog, der von „Verlassener Garten“ ausgeht, ist immens. Die schreiende Stille dessen, was ungesagt bleibt, ist ohrenzerreißend und erklärt doch alles. Stanislav Struhar schreibt ein außergewöhnliches Buch voller Bilder und Bezüge, in dem Sprache zum Metronom einer Erzählung wird. Wer sich darauf einlässt, erlebt etwas ganz seltenes: Sprachästhetik auf höchstem Niveau.

Stanislav Struhar
Verlassener Garten
Wieser Verlag, Klagenfurt 2020
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