Die unglaubliche Geschichte von dem klugen und tapferen Philosophen Rudolf Schottlaender

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Er war ein jüdischer Cicero. Weder Nazis noch Kalte Krieger im Westen oder DDR-Führung konnten ihn einschüchtern. Als Redner schwer zu schlagen, als Philosoph der Freundschaft, Gerechtigkeit und Ethik verschworen, als Übersetzer von Marcel Proust wie auch des griechischen und römischen Theaters Pionier, mahnt uns Rudolf Schottlaender heute mehr denn je zum Widerstand gegen jede Form von Propaganda und Totalitarismus. Ein Interview mit seiner Tochter Irene Selle anlässlich der Neuausgabe von ihres Vaters Autobiografie. Von Stephan Reimertz.

Rudolf Schottlaender, der im Jahre 1900 in einem säkularen jüdischen Elternhaus in Berlin geboren wurde, starb 1988 in Berlin, Hauptstadt der DDR, deren Ende sich am Horizont abzeichnete. Als politischer Philosoph gilt er als einer der geistigen Väter der „Wende“ von 1989. Sein Glaube an eine „deutsche Kulturnation“ inspirierte die Generation von 1989, all jene, die wie Robert Havemann und Rudolf Bahro die deutsche Teilung überwinden wollten.

Deutschsein fünfmal anders nannte Schottlaender seine Autobiografie, die zuerst 1988 im Herder-Verlag erschien und die nun, ergänzt um wiederaufgefundene Materialien, im Verlag für Berlin-Brandenburg herausgekommen ist. Obwohl Schottlaender seinen Lebensweg fast ausschließlich in Berlin absolvierte, führte er ihn durch fünf deutsche Staaten. Ein Anpasser war er nie. Schon der Jugendliche ging 1914 auf Distanz zur allgemeinen Kriegsbegeisterung. Der Student von Heidegger, Husserl und Nicolai Hartmann genoss das Berlin der Zwanzigerjahre, hielt es aber für eine „Scheinblüte“. Als Jude im „Dritten Reich“ durchlebte er einen Abenteuerroman, der ihn um ein Haar das Leben gekostet hätte, zum Schluss versteckt von Angehörigen der Halbwelt. Im Kalten Krieg mahnte Schottlaender als politischer Philosoph zu Besonnenheit und Ausgleich, war aber seiner Zeit voraus, legte sich mit Kalten Kriegern in Ost und West an und musste mehrfach die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten überschreiten.

Ein Interview mit Irene Selle, Tochter von Rudolf Schottlaender.

Feuilletonscout: Dem Titel nach zu urteilen, müsste es sich um ein neues, postum erschienenes Buch Ihres Vaters handeln.
Irene Selle: Das Buch ist neu und alt zugleich. Die Grundlage bildet nach wie vor seine Autobiografie Trotz allem ein Deutscher. Mein Lebensweg seit Jahrhundertbeginn, die 1986 im Freiburger Herder-Verlag erschienen ist. Der „neue“ Titel ist allerdings der ursprünglich von meinem Vater gedachte, aber seinerzeit auf Wunsch des Verlages geänderte. Deutschsein fünfmal anders erschien dem jetzigen Verleger, André Förster, meinem Mitherausgeber Moritz Reininghaus und mir bei Weitem aussagekräftiger und passender. Den Untertitel jedoch mussten wir aktualisieren, da mein Vater ja im vorigen Jahrhundert lebte, und kamen so auf Erinnerungen eines Unangepassten.

Feuilletonscout: Gibt es weitere Veränderungen?
Selle: Um gleich die wichtigste zu nennen: Wir haben zahlreiche Stellen wieder eingefügt, die 1986 ebenfalls auf Betreiben des Verlages gekürzt wurden. Diese Rekonstruktion des vollständigen Textes macht das Buch persönlich wie historisch noch aussagekräftiger und lebendiger. Im Vorwort wird näher darauf eingegangen. Apropos: Das Vorwort ist ein echter Gewinn, denn hier konnte Moritz Reininghaus wichtige Erkenntnisse seiner Forschungsarbeit einfließen lassen. Auch das von uns hinzugefügte Personenregister ist eine Bereicherung, zeigt es doch die weitverzweigten, oft überraschenden Verbindungen und Bezüge meines Vaters, beispielsweise zu Günther Anders und Hannah Arendt. Eine schöne Ergänzung bilden auch die neun Fotos aus dem Familienarchiv, die ich für die Veröffentlichung bereitstellen konnte. Was den eigentlichen Textkorpus anbetrifft, haben wir dem Kernstück der Autobiografie noch vier weitere Texte beigefügt: einen in seiner Entschlossenheit, Klarsicht und Argumentationsstärke geradezu frappierenden Brief des sechzehnjährigen Rudolf an seinen Vater Leopold; das interessante TV-Interview, das der damalige ARD-Fernsehkorrespondent in Ostberlin, Lutz Lehmann, im Januar 1979 mit meinem Vater führte – ich war Augenzeugin der politisch hochbrisanten, natürlich heimlichen Aufzeichnung in meinem Elternhaus in Berlin-Hirschgarten, die zum Auslöser der umfassenden Stasi-Überwachung meines Vaters (Operativer Vorgang „Schreiber“) und bald auch von mir (Operativer Vorgang „Romanist“) wurde; Stephan Reimertz‘ investigativen Artikel über meinen Vater als erstem deutschen Proust-Übersetzer sowie eine Danksagung der Camus-Spezialistin Brigitte Sändig, die mit dem markanten Satz endet: „Ich habe in Rudolf Schottlaender einen Intellektuellen kennengelernt, der Geist mit Mut zu verbinden wusste“.

Buchcover © Berlin-Brandenburg Verlag

Feuilletonscout: Was ist eigentlich mit dem „fünfmal anderen“ Deutschsein gemeint?
Selle: Die einfachste Auskunft geben die fünf prägnanten Überschriften, die mein Vater für jedes seiner Kapitel wählte, die ersten drei durch ihre zeithistorische Einordnung: „Deutsch-jüdische Anfänge im Kaiserreich“, „Privatperson in der Republik“ und „Unperson im ‚Dritten Reich‘“; die letzten zwei durch die Verankerung im Spannungsfeld zwischen West und Ost: „Westberlin – Dresden – Westberlin“ und „In der DDR nur halb willkommen“.

Feuilletonscout: Sie selbst sind ja infolge der berufsbedingten Übersiedlung Ihres Vaters von West- nach Ostberlin im Oktober 1961, also mit vierzehn Jahren, zusammen mit Mutter und Bruder ebenfalls in der DDR gelandet. Haben Sie sich dort gleichfalls „nur halb willkommen“ gefühlt?
Selle: Ich habe in der DDR zwar beruflich und privat meinen Weg gemacht, mich in diesem System aber nie wirklich wohlgefühlt, zumal ich persönlich sehr positive Erinnerungen an meine Westberliner Zeit, zuletzt im Französischen Gymnasium, hatte und überhaupt nicht im Glauben an das utopische Projekt „Sozialismus“ erzogen war. Dies unterschied mich insbesondere von etwa gleichaltrigen Freunden jüdisch-kommunistischer Herkunft, die beispielsweise einen Frankreich-Hintergrund hatten, weil ihre Eltern dort in der Emigration gewesen waren. Außerdem erschienen mir Wahrheitssuche und -treue durch die im Elternhaus vermittelten und vorgelebten Werte als normal und natürlich: So etwas wie „Parteitreue“ gab es ja bei uns nicht, man war nur zur Treue dem eigenen Gewissen gegenüber angehalten. Folglich empfand ich den „realen Sozialismus“ mitsamt seiner verlogenen Propaganda und dem verbreiteten Mitläufertum vom ersten Tag an als abstoßend. Mich trafen die Einschränkungen der DDR übrigens viel härter als meine Eltern, denn mein Vater durfte vom bald erreichten Pensionsalter an zusammen mit der Ehefrau in den Westen reisen, ich dagegen musste beinahe bis zu dem – keineswegs erwarteten! – Mauerfall auf diese Möglichkeit warten.

Andererseits bezog ich Anregung und innere Stärke durch die hautnah erlebte Vorbildwirkung meines Vaters, der sich hüben wie drüben nicht vereinnahmen ließ und sich zunehmend DDR-kritisch äußerte, zu Hause wie in der Öffentlichkeit. Politisch Kritisches konnte er allerdings nur im Westen veröffentlichen, indem er seine Manuskripte rüberschmuggelte! So auch seine Autobiografie, mit der ich mich bereits im Entstehungsprozess intensiv auseinandersetzte, da ich sie für die Drucklegung abtippte. Insbesondere die Passagen über seine zunehmende gesellschaftliche Isolierung in der Nazizeit gingen mir sehr nahe, denn ich war zu diesem Zeitpunkt ungefähr ebenso alt wie er damals.

Feuilletonscout: Sie haben sich in Ihrem Berufsleben einen Namen als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin gemacht und sind so ein wenig in die Fußstapfen Ihres Vaters getreten: auf dem Gebiet des Französischen, das seit seiner Proust-Übersetzung von 1926 ein Teilgebiet seiner vielfältigen Aktivitäten darstellte. Kam es da zu einer Zusammenarbeit zwischen Vater und Tochter?
Selle: Ja, wir standen in kontinuierlichem Austausch. Vor allem spannte ich meinen Vater für einige der Neuübersetzungen in der von mir 1987 bei Reclam Leipzig herausgegebenen Anthologie „Frankreich meines Herzens. Die Résistance in Gedicht und Essay“ ein – und er ließ sich gern einspannen! Sogar an schier unübersetzbare Gedichte wagte er sich heran wie Aragons „Rose und Reseda“, das nicht einmal ein gestandener Übersetzer französischer Widerstandslyrik wie Stephan Hermlin ins Deutsche übertragen hatte.

Des Weiteren befragte ich meinen Vater beispielsweise zu den Begriffen „Mythos“ und „Mystifizierung“: im Zusammenhang mit meinen Forschungen zu Simone de Beauvoirs Essay „Das andere Geschlecht“, in dem sie den Mythos der Frau als der/des „Anderen“ zerstört. 1986, im Todesjahr der Schriftstellerin, regte ich ihn an, einen Aufsatz über „Das Alter“, jenes andere große Entmystifizierungsunternehmen der Beauvoir, zu schreiben – fühlte ich mich selbst doch noch viel zu jung dafür und betrachtete ihn als in jeder Hinsicht geeigneter. Auch hier war er wieder sofort bereit und lieferte in kürzester Zeit einen hervorragenden Aufsatz, der seine erste Publikation in der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“ werden sollte (vier weitere schlossen sich bis 1988 an). Ich bin sehr stolz darauf, die Veröffentlichung in diesem von der Akademie der Künste der DDR herausgegebenen Organ durch meine Kontaktaufnahme zu Sebastian Kleinschmidt, damals Redakteur (nach der Wende Leiter) der Zeitschrift, vermittelt zu haben. Wenn den DDR-Lesern aus ideologischen Gründen schon die beiden Groß-Essays der Existenzphilosophin vorenthalten wurden – sie waren nur im Westen erschienen –, so sollte wenigstens ein kluger Aufsatz darüber informieren, so meine Argumentation.

Rudolf Schottlaender im Jahr 1968 / Foto © Dr. Irene Selle

Feuilletonscout: Was motivierte Sie, die Autobiografie Ihres Vaters neu herauszugeben?
Selle: Im Zeichen des wiederaufflammenden Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus fand ich, dass seinen längst aus den Buchläden verschwundenen Lebenserinnerungen – wie auch anderen seiner Schriften – eine ungeahnte Aktualität innewohnt. Besonders bemerkenswert erschienen mir seine historisch und philosophisch tiefschürfenden, glasklar formulierten Überlegungen zum Judentum und zum deutsch-jüdischen Verhältnis in Geschichte und Gegenwart, zu Demokratie und Diktatur oder zum Brückenschlag zwischen verfeindeten Lagern durch Einsatz von Vernunft, richterlichem Gerechtigkeitssinn und Vertrauensbildung. Die Ausnahmepersönlichkeit meines Vaters – mit seiner Zivilcourage, seiner mitreißenden Begeisterungsfähigkeit und seinem pädagogischen Eros – schlägt sich in dieser Autobiografie auf so anschauliche und uneitle Weise nieder, dass mir das Buch auch für den heutigen Leser erhellend zu sein schien, zumal es durch seine Knappheit und Kürze den modernen Lesegewohnheiten entspricht. Diese Gedanken äußerte ich gegenüber Moritz Reininghaus, der mich als Tochter und Nachlassbewahrerin öfters für seine biografisch angelegte Dissertationsschrift über meinen Vater konsultierte. Er stellte den Kontakt zu dem Verleger André Förster her. Dieser begeisterte sich zu meiner großen Überraschung und Freude sofort für das Buch und nahm das Projekt ins Programm seines kleinen, aber feinen Verlages auf.

Feuilletonscout: Welche öffentliche Resonanz findet das Buch?
Selle: Bisher stößt es auf sehr positive Resonanz. Davon zeugen sechs Buchvorstellungen, darunter eine im Literaturforum des Brecht-Hauses am 5. April 2018, moderiert von dem Historiker Prof. Wolfgang Benz, dem ehemaligen Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Bei den bisher veröffentlichten Rezensionen hatte naturgemäß die in der „Berliner Zeitung“ vom 26. März 2018 die größte Verbreitung. Leider scheinen nunmehr auch die Feuilletons der angesehensten deutschsprachigen Blätter, in denen von der Sache her eigentlich ausführliche Rezensionen hätten erscheinen müssen, zunehmend auf den „Promi-Faktor“ oder sonst wie Spektakuläres zu setzen – und da ist der Name meines Vaters wohl durchs Raster gefallen, ganz unabhängig von der Qualität seines Buches. Von Fernsehen und Rundfunk ganz zu schweigen…

Feuilletonscout: Worin sehen Sie die Bedeutung des Buches?
Selle: Eine Autobiografie trägt immer subjektive Züge, auch wenn der Autor durch und durch Wissenschaftler und daher per se um Objektivität und Erkenntnisgewinn bemüht ist. Die schöne Mischung aus beidem macht, wie mir scheint, hier den besonderen Reiz aus. Noch dazu ist dieses keineswegs dem Mainstream entsprechende Schicksal doch so stark in die Zeitgeschichte eingebettet und hat so viele Facetten, dass es jeden Leser zu berühren vermag. Der wunderbare Berliner Humor tut sein Übriges…

Vielen Dank für das Gespräch, Irene Selle!

Rudolf Schottlaender
Deutschsein fünfmal anders. Erinnerungen eines Unangepassten.
Herausgegeben von Moritz Reininghaus und Irene Selle
Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2017
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