Den Abgrund überschreiten

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Der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und dem Überlebenden und Historiker des Völkermords Joseph Wulf ist das Herzstück des ersten Bandes der neuen Buchreihe »Jünger Debatte« im Vittorio Klostermann Verlag. Die außerordentliche Publikation wartet noch mit anderen Überraschungen auf. Von Stephan Reimertz

»In China werden gerade dreißig neue Opernhäuser gebaut«, flüstert mir mein chinesischer Stehplatzkamerad in der Wiener Staatsoper zu. »Und was wollt Ihr hören? Mozart?« frage ich. »Mozart? Ach, was. Wagner!« Wer verblüfft zur Kenntnis nehmen wird, wenn ihn chinesische Besucher demnächst mit einem kollektiven Hojotoho! begrüßen, der wird noch mehr staunen, wenn er erfährt, dass in China 2014 eine Übersetzung des Briefwechsels zwischen Ernst Jünger und Carl Schmitt herausgekommen ist. Unsere chinesischen Freunde lassen Romane, Erzählungen und andere belletristischen Gärten links liegen, um ohne Umschweife dem Arkanum der Macht zuzueilen. Haben wir nicht allen Grund, uns zu fragen, wie es im Gegenzug um unsere Kenntnis der chinesischen Philosophie und Literatur steht? Auch in Japan erschien eine Auswahl aus Jüngers politischen Schriften; unter einem Titel, der von Mishima Yukio sein könnte: Politik der Trauer.

Zu diesen und andere Reflexionen gibt die Bibliographie Anlass, mit der Nicolai Riedel soeben im Ersten Band der neuen Buchreihe Jünger Debatte die Ernst Jünger gewidmeten Schriftenverzeichnisse um die Jahre 1996 bis 2016 ergänzt. In Bibliographien ist Poesie versteckt, und weitreichende Rückschlüsse lassen sich aus kleingedruckten Erscheinungsangaben ziehen, wie die meisten Leser auch ohne die Hinweise von Jorge Luis Borges festgestellt haben dürften.

Versteht Frankreich Ernst Jünger besser als wir?

Das weltweite Interesse an Ernst Jünger wächst von Jahr zu Jahr. Das zeigt auch die neue detaillierte Bibliographie von Nicolai Riedel. Besonders zahlreich sind die Übersetzungen ins Russische, und als Kuriosität mag man eine Übertragung der Marmor-Klippen ins Esperanto betrachten. Kaum überrascht, dass die meisten Übersetzungen auf Französisch erscheinen. In Frankreich hat man Ernst Jünger von Anfang als den wichtigsten deutschen Autor der Moderne betrachtet. Auch ist die Jünger-Rezeption dort nicht auf die Intellektuellen beschränkt; der Autor ist populär.

Die französischen Leser, so scheint es, verstehen Ernst Jünger besser als die deutschen. Dies hat vor allem drei Gründe: 1.) Sie sind besser mit ihren eigenen Moralisten wie La Rochefoucauld, Chamford und Rivarol vertraut, die Jünger voraussetzt. 2.) Das Tagebuch hat in der französischen Literatur – wie auch in der englischen – einen höheren Stellenwert. 3.) Und schließlich wird die französische Literaturszene nicht wie die deutsche von einer Literaturpolizei bevormundet, die im Stil einer staatlichen Zensur den Lesern vorschreibt, was sie zu lesen haben und was nicht. Seitenweise führt die Bibliographie französische Neuübersetzungen auf, darunter ist, wie auch in Italien, die in Deutschland erst vor kurzem erschienene Schrift Zur Geiselfrage besonders hervorzuheben, ein erschütterndes Dokument der deutsch-französischen Verbindung im Zweiten Weltkrieg.

Widmungen in Büchern als Abbreviatur lebenslanger Freundschaft

Es ist interessant zu sehen, dass in einigen Ländern auch selbständige Zusammenstellungen von Jünger-Texten veröffentlicht werden. So kam in Italien unter dem Titel Terra sarda ein Band mit Jüngers Texten zu seiner Lieblingsinsel Sardinien heraus, der sich freilich auch in einer deutschen Ausgabe gut ausnehmen würde. (Eine anschauliche Lesung von Ernst Jüngers sardinischem Reisetagebuch Am Sarazenenturm finden Sie hier.) Neben der politischen Publizistik des Autors, an der weltweit Anteil genommen wird, erscheint unter dem Titel Tre strade per la scuola auch Jüngers aus dem Nachlass veröffentlichte Schülernovelle Drei Schulwege auf italienisch, die sich in aller Welt als melancholisch-heiterer Klassiker der Schulerinnerungs-Literatur zu verbreiten beginnt.

Eine Korrespondenz besonderer Art liegt in Zueignungen, die sich Autoren gegenseitig in ihre Bücher schreiben. Mit den sich durch Jahrzehnte ziehenden Bücherwidmungen von Ernst Jünger und Carl Schmitt wird in dem neuen Jahrbuch eine kennzeichnende Abbreviatur dieser ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Schriftsteller und dem Staatsrechtler vorgelegt. Besonders erfreut, dass auch farbige Faksimiles wiedergegeben werden, die historischen und persönlichen Reiz ausstrahlen. Jünger war gutherzig und beurteilte andere gelegentlich besser als sie es verdienten. Schmitt hingegen war ein ambivalenter Charakter, konnte in kurzer Zeit in der Beurteilung eines Freundes ins Gegenteil fallen, bestach aber nicht selten mit psychologischem Scharfsinn. Die Anhänger der beiden Autoren sind auffallend unterschiedlich.

Ein Autor der französischen Résistance kämpft um Ernst Jünger

Das neue Jahrbuch bringt die deutsche Übersetzung eines Artikels von Jean Schlumberger von 1945 über Jüngers Verhältnis zu Geschichte und Gegenwart und seine Stellung in der Literatur. Schlumberger, Mitglied der Résistance, rechnet Jünger zu jenen, die sich von Anfang an gegen den Nationalsozialismus wehrten. Der Essay gibt zudem eine interessante Zusammenfassung der französischen Sicht auf die deutsche Literatur. »Ein Thomas Mann erfreute sich sicherlich einer gefestigteren Position«, schreibt Schlumberger, »aber in den Augen der nachwachsenden Jugend stand er für die Vergangenheit […]. Wie viel besser spiegelten die harten und direkten Bücher Ernst Jüngers die Ängste Deutschlands!« Trotz der warmen und begeisterten Stellungnahme Schlumbergers für Jünger fühlte dieser sich von dem französischen Schriftsteller missverstanden. Joseph Breitbach suchte zu vermitteln. Der Briefwechsel zwischen Jünger und dem in Paris lebenden Schriftsteller Breitbach, ist historisch von Interesse und beleuchtet die unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden Autoren ebenso wie die Diskussionen über Résistance und Widerstand, Deutschland und Frankreich in den frühen fünfziger Jahren bei zwei Ausnahmeintellektuellen.

Gegen die Opportunisten

Im Dezember 1962 trat Joseph Wulf, Verfasser des Standardwerks  Das Dritte Reich und die Juden, brieflich an Ernst Jünger heran. Der Historiker und Überlebende des Völkermords suchte Kontakt zu dem Schriftsteller und versicherte ihm, »daß gerade meine jetzige Arbeit die aufrichtige Anerkennung und Wertschätzung für Ihre Werke aus den Jahren des zweiten Weltkriegs noch wesentlich vertieft und intensiviert hat«. Der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und dem jüdischen Gelehrten bildet den Schwerpunkt dieses schmalen dabei geistesschweren Bandes und erweist sich in hohem Maße als lesenswert. In ihrer Einführung betonen Anja S. Hübner und Detlev Schöttker den entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Autoren: Sie betonen, dass sich »Jünger als Chronist verstand, der das Zeitgeschehen nicht erzählen, sondern in Form von Tagebüchern zu deuten versuchte. Wulf bewunderte ihn dafür, wie die Briefe zeigen, doch könnten ihre Lebenswege unterschiedlicher kaum sein: Während Wulf als Kämpfer gegen die deutsche Besatzung in Polen und als Insasse des Konzentrationslagers Auschwitz den Tod täglich vor Augen hatte, gehörte Jünger als Offizier der Wehrmacht zum Stab des Militäroberbefehlshabers in Frankreich.«

Der Gedankenaustausch zwischen dem jüdischen Opfer und dem Verächter des Nationalsozialismus ist von wissenschaftlicher Direktheit und menschlicher Wärme geprägt. Beide fühlen sich immer wieder gedrängt, dem anderen Grundpositionen zu offenbaren, auch das macht den Briefwechsel zu einem einzigartigen Dokument. So kanzelt Jünger Anfang 1963 noch einmal jene zu Nazis gewordenen Konservativen vom Schlage eines Ernst von Weizsäcker (den er an dieser Stelle nicht beim Namen nennt) ab, deren Motto Mittun, um Schlimmeres zu verhindern lautete. Er stellt fest, wie gerade diese Verführten von seiner Wendung gegen den Nationalsozialismus irritiert waren: »Die eigentliche Enttäuschung, und das hat mir leid getan, bereitete ich übrigens nicht den Parteileuten, sondern den Konservativen, die meine Wahl betrieben hatten und die der Meinung waren, man müsse, um Gutes zu stiften und Ärgeres zu verhüten, „hineingehen“. Darüber lässt sich auch heute noch debattieren Ich erwähne das als Beispiel für die Ungenauigkeit der heutigen Schemata. Aber das war wohl schon immer so; Geschichtsschreibung ist Vereinfachung.«

Deutschlands Weg: Vom Nazi-Irrsinn in die Konsumhölle

Wulf und Jünger bemühen sich um eine differenzierte Beurteilung der vorangegangenen Epoche und ihrer Protagonisten, zu denen sie selbst gehörten. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs erweist sich dies als besonders schwierig, nicht weil es den beiden Briefschreibern an Bemühung um Objektivität gebräche, sondern weil die Umwelt sich damals noch stärker mit wütenden Vereinfachungen begnügte als dies heute der Fall ist. Joseph Wulf kann es noch immer nicht fassen: »Hitler hat aus Ihrem Volk, dem Volk von Dichtern und Denkern, ein fast geistloses Volk gemacht.« In diesem Zusammenhang rechnet der Gelehrte besonders mit Kollegen wie Heidegger u. a. ab. Von Ernst Jünger, der für ihn das echte, das verlorene Deutschland verkörpert wie kein anderer, will Wulf wissen, wie es zu einer Situation kommen konnte, »in der sich Philosophen und Dichter wie kleine, naive und unwissende Kinder benahmen«. Jünger antwortete abgeklärt: »Für mich bleibt die geistige Rangordnung der Welt bestehen, gleichviel, ob dieser oder jener Philosoph sich politisch richtig verhält oder nicht. Ich kann auch das moralische Verhalten eines Menschen mißbilligen und seine Einsichten hochschätzen. Seneca, Flavius Josephus, Talleyrand.«

Den Deutschen musste man nach Joseph Wulfs Ansicht aufgrund ihrer jahrtausendealten geistigen Traditionen Geistfeindlichkeit und -losigkeit besonders übelnehmen. Der große jüdische Gelehrte empörte sich Anfang der sechziger Jahre über ein einst bedeutendes Land, das dabei war, vom Nazi-Irrsinn direkt in die Produktions- und Konsumhölle überzugehen: »Nach 1945 brachte ein Volk von der Größe und Stärke Deutschlands lediglich eine Wirtschaftskapazität hervor, wo aber ist sein intellektuelles und mannhaft offenes Credo? Als sei nichts geschehen, wird über alles geschwiegen.«

Jünger-Debatte (Band 1): Ernst Jünger und das Judentum
Herausgeber: Thomas Bantle, Alexander Pschera, Peter Trawny
Internationaler wissenschaftlicher Beirat: Helmuth Kiesel (Heidelberg), Julien Hervier (Paris), Alexander Michailowski (Moskau), Wojciech Kunicki (Breslau)
Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt/Main 2017
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Coverabbildung © Vittorio Klostermann Verlag
Bildnachweis: Ernst Jünger by s. Originaldatei (s. Originaldatei) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

 

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