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Die Nazis stehen vor der Tür, da versucht ein deutscher Professor ihnen mit europäischem Bildungsgut entgegenzutreten. Doch das Antikenverständnis von Ernst Robert Curtius ist reduziert und bewirkt nichts mehr angesichts der titanischen Mächte. Wer wissen will, warum das deutsche Bildungsbürgertum 1933 versagte, sollte das jetzt aus dem Nachlass erschienene Manuskript des Romanisten studieren. Von Stephan Reimertz

Auch in seinem soeben aus dem Nachlass herausgegebenen Manuskript mit dem Titel Elemente der Bildung gibt Ernst Robert Curtius einige Proben seiner Gelehrsamkeit. Der im Elsass geborene Gelehrte klebt an einem überkommenen gymnasialen Bildungsbegriff und an typisch französischen Scheinantinomien wie: Dichter versus. Schriftsteller, oder: Liberalismus versus Demokratie. Die größte Leistung des Autors besteht darin, dass er schon während der Arbeit am Manuskript im Jahre 1932 beschlossen haben muss, das Buch nicht zu veröffentlichen. Hier wird nicht analysiert, warum das jahrhundertealte deutsche Bildungsbürgertum dem heraufkommenden Nationalsozialismus nichts entgegenzusetzen hatte, hier wird es gezeigt. Die bildungspolitische Schrift liest sich heute wie eine Ein-Mann-Tragödie, in welcher der Protagonist sich vom Publikum immer tiefer in den Hintergrund kehrt und mehr und mehr der Vergeblichkeit all seines Bemühens innewird. An welcher Stelle dieser im Druck zweihundert Seiten umfassenden Abhandlung dem Autor die Fruchtlosigkeit seiner am Rande von Erschöpfung und Krankheit geleisteten Anstrengung offenbar wurde, kann der Leser nicht mehr nachvollziehen. Es war wohl ein allmählicher Prozess, in dem Curtius aufging, dass er dabei war, mit Elemente der Bildung eine Totgeburt zur Welt zu bringen. Er ließ das Manuskript in der Schublade verschwinden und erwähnte es nicht mehr.

De docta ignorantia

Die Nazis stehen vor der Tür, Curtius ahnt, was das bedeutet und bietet alles auf, was ihm an bildungsbürgerlichem Erbe geblieben ist. So gehört sein Buch in den Zusammenhang mit Friedrich Sieburgs Es werde Deutschland und seiner eigenen, kurz zuvor erschienenen Schrift Deutscher Geist in Gefahr. Es zeigt sich, dass sein Humanismus und seine Bildung nicht einmal ansatzweise in der Lage sind, den titanischen Charakter der Mächte zu begreifen, zu beschreiben oder ihnen gar zu trotzen, mit dem die Welt es von nun an zu tun hatte. Ernst Jünger hat dies in seiner Schrift Der Arbeiter versucht. Curtius’ bildungsbürgerlicher Humanismus und der seines Milieus beruhte auf einem reduzierten Antikenverständnis, welches das von Nietzsche, Hofmannsthal, Hans Henny Jahnn und anderen doch wieder ins Bewusstsein gehobene archaische Griechenland ausschloss und dem gipsernen Klassizismus einer nachhellenischen Bürgerlichkeit frönte.

Griechisch und Latein zu lernen reicht eben nicht aus, um den titanischen Mächten der totalitären Moderne etwas entgegenzustellen. Allerdings kann das antike Erbe uns sehr wohl ein Instrumentarium an die Hand geben, mit dem wir uns gegen die prometeischen Mächte wappnen können. Dazu muss man jedoch vom Geist und Sinn der Alten ganz durchdrungen sein und darf jene Kräfte nicht zum Bildungsgut reduzieren.

Dokument der Zerstörung

Statt eines Nachworts beinhaltet der gerade im C. H. Beck Verlag erschienene Band eine Dissertation, die aus anderem Anlass geschrieben zu sein scheint und die ebenso lang ist wie die Schrift von Curtius selbst. Man kann dies als einen editorischen Fehlgriff empfinden, sollte jedoch die letzten Sätze dieser Abhandlung von Ernst-Peter Wieckenberg lesen: »Elemente der Bildung stand im Dienst des defensiven Liberalismus, der der Politik da eine Grenze ziehen wollte, wo sie sich der Bildung und ihrer Institutionen bemächtigte. Auch wenn das nationalsozialistische Herrschaftssystem 1945 zusammengebrochen war, hatte es doch die politische Ohnmacht der Curtius’schen Bildungskonzeption erkennen lassen.« Liberalismus, schon gar defensiver, war 1933 ebensowenig in der Lage eine Antwort auf die Provokation des totalen Staates zu geben wie der aggressive Liberalismus von heute. Damals wie heute zeigt der Liberalismus sich als Bedingung und Erfüllungsgehilfe einer totalitären Ordnung.

Liberalismus als Erfüllungsgehilfe

Anders als das Schlagwort einer »Stunde Null« nach dem Zweiten Weltkrieg suggeriert, sollte sich der Nationalsozialismus nur als der Erste Akt eines Gleichschaltungs- und Barbarisierungsschubes erweisen, der mit der Zerstörung des humanistischen Gymnasiums in den siebziger Jahren und der neoliberalen Zertrümmerung der deutschen Universität heute (die ausgerechnet nach der ehrwürdigen alten Universitätsstadt Bologna benannt ist) fortgesetzt wird. Elemente der Bildung von Ernst Robert Curtius ist ein Dokument jenes Momentes, in dem die Zerstörung der Bildung so weit voranschritt, dass selbst ein deutscher Professor sie bemerkte. Wie konnte das deutsche Bildungsbürgertum vor Hitler versagen? fragt man sich oft. Wer eine Antwort sucht, hat nun Gelegenheit, den Zusammenbruch der deutschen Bildung in Echtzeit in einem einzigen Manuskript mitzuerleben und sollte dieses einzigartige Dokument des Scheiterns studieren.

Ernst Robert Curtius
Elemente der Bildung
C.H. Beck Verlag, München 2017
Das Buch bei amazon kaufen oder nur hineinlesen

Coverabbildung © C.H.Beck Verlag

 

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