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„Das Unbekannte, Unentdeckte hat für mich eine große Anziehungskraft“. Ein Moment mit ... der Cellistin Jessica KuhnMit ihrer Konzertreihe sonorizzonte  gestaltete die Musikerin eigenwillige Programme aus Stücken, die man nur selten hört – und begeistert ihr Publikum.

Feuilletonscout: Frau Kuhn, vor fünf Jahren gründeten Sie die Konzertreihe sonorizzonte. Welches Resumé, auch persönlich, ziehen Sie nach diesen Jahren?
Jessica Kuhn: Nach diesen fünf Jahren würde ich eindeutig sagen: es hat sich gelohnt! Zu meinem Stammpublikum, das zum Teil schon seit dem Beginn 2013 dabei ist, kommen jedes Jahr neue Besucher hinzu. Der Saal ist durchschnittlich zu ¾ gefüllt, was in einer Kulturmetropole wie München keine schlechte Bilanz ist. Auch der Umzug vom ersten Konzertort, dem Akademischen Gesangverein, nach Schloss Nymphenburg hat sich als Fortschritt erwiesen – dieser wunderschön gelegene Ort scheint die Menschen geradezu anzuziehen. Vor allem aber habe ich das Gefühl, dass das Publikum von sonorizzonte meinen eigenwilligen Programmgestaltungen vertraut und sich ganz darauf einlässt. Zudem scheint es die Intimität des vergleichsweise kleinen Saals zu schätzen, der eine große Nähe zu den Musikern und ein ungewöhnlich eindringliches Erleben der dargebotenen Werke zulässt.

Feuilletonscout: Gab es Auftritte, die Sie nie vergessen werden?
Jessica Kuhn: Da fällt mir das Duo für Violoncello und Percussion des indischen Komponisten Param Vir ein, bei dem über fast die gesamte Bühnenbreite eine Vielzahl von verschiedensten Percussion Instrumente aufgebaut war. Gemeinsam mit der Schlagzeugerin Rie Watanabe entstand ein ungewöhnlicher Dialog zwischen all den Schlaginstrumenten und dem Cello.
Oder das Konzert „Das wilde Herz“, mit Cimbalom / Psalter (Enikö Ginzery) Rahmentrommel (Michael Metzler) und Barockcello – Werke vom frühen 17. Jahrhundert bis heute…eine unglaublich spannende Instrumentenkombination, nicht nur für die Zuhörer.
Unvergesslich auch das Klaviertrio Bernd Alois Zimmermanns, was ich zusammen mit Elisabeth Kufferath und Moritz Eggert im Konzert „Présence“ gespielt habe. Ein irrwitzig virtuoses Stück und eine Klangsprache, die ihresgleichen sucht!

Feuilletonscout: Sie suchen immer wieder nach unbekannten Komponisten. Wie finden Sie sie?
Jessica Kuhn: Zum einen erhalte ich Anregungen von den verschiedenen Ensembles für Neue Musik, in denen ich regelmäßig spiele – Ensemble Plus, Bregenz, Das Neue Ensemble, Hannover, Klangforum, Heidelberg, Musikfabrik, Köln. Zum anderen habe ich einen großen Kreis an Musikerkollegen, die wunderbare Ideen zur Programmgestaltung mitbringen und / oder mich auf außergewöhnliche Komponisten aufmerksam machen.
Aber vor allem halte ich stets die Augen und Ohren offen, um auf den Seitenpfaden und in verborgenen Nischen außergewöhnliche Entdeckungen aufzuspüren.

© Jessica Kuhn

Feuilletonscout: Sie vergeben auch Auftragskompositionen. Nach welchen Kriterien? Geben Sie Vorgaben?
Jessica Kuhn: Voraussetzung dafür, ob mich ein Komponist interessiert, ist die Balance von Inhalt und Form in seinen Werken. Berührt mich seine Art des Komponierens, wird eine tiefere Intention erkennbar, die über das Werk hinausreicht? Gleichzeitig schaue ich nach der technischen Umsetzung, der Darstellung in der Partitur, denn auch dies muss überzeugend und vor allem klar sein. Darüber hinaus ist mir der Austausch mit dem Komponisten wichtig, der Dialog, in dem über musikalische Feinheiten und Ideen diskutiert werden kann. Auch über die Besetzung unterhalte ich mich gerne, wenn ich auch ein gewisses Instrumentarium vorgebe.

Feuilletonscout: Kurz: Sie spielen Stücke, die noch nie (Auftragskompositionen) oder eigentlich nie (unbekannte Komponisten) gespielt wurden. Was macht für Sie den Reiz daran aus?
Jessica Kuhn: Das Unbekannte, Unentdeckte hat für mich eine große Anziehungskraft, da es besondere gestalterische Entfaltungsmöglichkeiten birgt – nach Möglichkeit im Dialog mit dem Komponisten. Es ist erstaunlich, welch großartige Künstlerpersönlichkeiten man entdecken kann, wenn man in die weniger beleuchteten Winkel des Musikmarkts blickt. Vielleicht entsprechen die Werke dieser Komponisten nicht der allgemeinen Neue-Musik-Szene, doch oft erreichen und berühren gerade diese Stücke das Publikum unmittelbar mit ihrer ganz eigenen Sprache.
Diesen Werken eine Stimme zu geben und sie zum Leben zu erwecken empfinde ich als sinnvolle Aufgabe eines Musikerlebens.

Feuilletonscout: Sie selbst haben für sich entschieden, nicht den klassischen Weg einer Cellistin zu gehen und möglichst in einem der vielen Orchester unterzukommen. Warum haben Sie sich für den vermeintlich unbequemeren Weg entschieden?
Jessica Kuhn: All die vielen, unterschiedlichen musikalischen Aktivitäten, die mein Leben ausfüllen, könnte ich sicherlich nie in dieser Fülle verwirklichen, wenn ich eine Stelle in einem Orchester hätte. Darüber hinaus war der Wunsch, selbstbestimmt zu leben und zu gestalten schon immer mein Leitmotiv. Deshalb ging es auch gar nicht um eine bewusste Entscheidung, sondern vielmehr um das selbstverständliche Einschlagen dieses Wegs als freischaffende Cellistin.

Feuilletonscout: Zurück zu sonorizzonte. Zum Jubiläum haben Sie eine DVD mit Live-Mitschnitten verschiedener Konzert der vergangenen Saisons herausgebracht. Wie haben Sie die Auswahl getroffen? Und warum eine DVD – also die Verbindung von Ton und Bild?
Jessica Kuhn: Natürlich ging es mir darum, die Besonderheit der Konzertreihe aufzuzeigen: die Aufführung unbekannter Werke und Komponisten mit einer Vorliebe für seltene Besetzungen und außergewöhnliche Instrumente. Allerdings ist mir bewusst: wenn das Ohr sich zwischendurch vertrauten Klängen widmen und darin entspannen kann, so ist es umso aufnahmefähiger für Neuland. Deswegen durften auch Brahms, Debussy und das parodistische Streichquartett von Hindemith nicht fehlen.
Zu Ihrer Frage: „Warum eine DVD?“:  Ein Live-Konzert unterscheidet sich stark von einer CD-Aufnahme. Die Emotionen des Musikers, die technischen Anforderungen auf dem Instrument, seine bedingungslose Hingabe an die Musik, die sich durch seinen ganzen Körper ausdrückt – all dies wird auf besondere Weise durch das Visuelle vermittelt. Außerdem ist es nicht unbedingt alltäglich, einer Cimbalom-Spielerin, einem Rahmentrommler oder einer Marimba-Spielerin zuzusehen. Das direkte Konzerterlebnis von sonorizzonte in all seinen Facetten – ungeschnitten (!) – soll auf diesen DVDs spürbar werden.

Feuilletonscout: Auf der DVD spielen Sie auf historischen Instrumenten, und zwar auch Musik des 21. Jahrhundert. Ist dies eine besondere Herausforderung?
Jessica Kuhn: Ja, natürlich. Die Darmsaiten des Barockcellos zum Beispiel oder die sieben Saiten plus Resonanzsaiten einer Viola d´Amore verlangen eine spezifische Spieltechnik. Ein Komponist sollte sich damit vertraut machen, wenn er für diese Instrumente komponiert. Dann können sich ganz neue Möglichkeiten für die Tonsprache der Neuen Musik eröffnen, was einen besonderen Reiz ausmacht.
Manchmal spiele ich sogar Werke, die für ein modernes Cello geschrieben sind, lieber auf dem Barockcello, da ich immer wieder diese Erfahrung mache. Das erlebe ich zum Beispiel bei der ersten Suite für Cello solo von Benjamin Britten. Durch den Barockbogen und den weichen, milden Klang des Instruments erhalten die Akkorde eine neue Farblichkeit und die vom Komponisten gewählten Formen des Barock (Canto, Fuga, Bordone etc. ) kommen stilistisch neu zur Geltung.
Ein weiteres Beispiel ist Friedrich Haas: Er lotete in seinem Werk „Solo für Viola d´Amore“ alle Möglichkeiten des Instruments kunstvoll aus und spielte im buchstäblichen Sinne auf jede erdenkliche Weise mit den 14 Saiten.
Die Verbindung von historischen Instrumenten und zeitgenössischer Tonsprache bewirkt aber auch, sich mit der Frage nach unseren musikalischen Wurzeln auseinanderzusetzen. Viele Komponisten haben dies ja intensiv getan – zum Beispiel Bernd Alois Zimmermann.

Feuilletonscout: Was sollen die Zuhörer aus Ihren Konzerten mitnehmen?
Jessica Kuhn: Ich freue mich, wenn die Zuhörer das Gefühl haben, ihren musikalischen Horizont erweitert zu haben: durch neue, unbekannte Werke und Komponisten, auf die man sonst vielleicht nicht gestoßen wäre, durch außergewöhnliche Musikerpersönlichkeiten und ihre Darbietungen, durch ein besonderes Konzertformat. Das wichtigste dabei ist, die Zuhörer innerlich zu erreichen, so dass sie bereit dazu sind, sich einzulassen und mitzugehen.

© Jessica Kuhn

Feuilletonscout: Haben Sie einen musikalischen Traum?
Jessica Kuhn: … dass der klingende Horizont von sonorizzonte überall sichtbar wird….

Feuilletonscout: Und wie sehen die nächsten, konkreten Pläne aus?
Jessica Kuhn: Im Jubiläumsjahr der Konzertreihe habe ich, zusammen mit Elisabeth Kufferath, Moritz Eggert und Arno Jochem de La Rosée, das ensemble sonorizzonte gegründet. Das Ensemble ist spezialisiert auf Alte und Neue Musik, mit einem Fokus auf Kompositionsaufträge. Dies bestimmt natürlich auch die Programmgestaltung der Konzertreihe 2018, in der das hundertjährige Jubiläum Bernd Alois Zimmermanns thematisch im Zentrum stehen wird. Mehr verrate ich aber noch nicht.

Danke für das Interview, Jessica Kuhn!

 

sonorizzonte. Kammermusik – außergewöhnlich!
Jessica Kuhn
Jubiläumsausgabe 2017
Doppel-DVD zum 5-jährigen Bestehen der Münchner Konzertreihe
Eine Auswahl von Live-Mitschnitten in Bild und Ton

 

!Tipp: „Das Unbekannte, Unentdeckte hat für mich eine große Anziehungskraft“. Ein Moment mit ... der Cellistin Jessica Kuhn, 1.0 out of 5 based on 1 rating