Bayreuther Festspiele: „Die Meistersinger von Nürnberg“ – Abgesang auf die Utopie bürgerlicher Kunst

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Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg ist ein Ding der Unmöglichkeit. Eine tragikomische Opernhandlung, die im sechzehnten Jahrhundert spielt, komponiert in komplexer und anspruchsvoller symphonischer Großform mit eingestreuten Liedern. Philippe Jordan, Musikdirektor der Pariser Oper, macht in Bayreuth das Unmögliche wahr. Die manieristisch-postmodern-pseudointellektuelle Inszenierung von Barrie Kosky trägt wenig zur Erkenntnis bei. Von Stephan Reimertz.

Der Goldschmied Veit Pogner aus Nürnberg bedauert: In deutschen Landen viel gereist, / hat es mich oft verdrossen, daß man den Bürger wenig preist, / ihn karg nennt und verschlossen … Pogner ist einer der Protagonisten in Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg, ein Herr, der etwas für die Kunst und seine Vaterstadt tun möchte. Er lobt seine einzige Tochter Eva als Preis im Sängerwettstreit aus. Der Bassist Günter Goisböck ist seit 2011 in Bayreuth, wo er zuerst den Landgrafen im Tannhäuser gab, strahlt als Nürnberger Ratsherr große eine stimmliche und darstellerische Kraft aus. Derzeit steht er auch im Parsifal als Gurnemanz auf der Bühne und wirkt, wie auch dort als eine Art Moderator der durch die drei Aufzüge führt

Eine zweite Handlungsebene

Oper ist immer Überforderung. Dichtung, Musik, Theater, Malerei und Tanz wirken zusammen, und der szenische Leiter hätte die Aufgabe, alle Perlen auf eine Schnur zu reihen. Barrie Kosky legt bei den Bayreuther Meistersingern, heuer im zweiten Jahr bei den Festspielen im Programm, allerdings noch eins drauf und fügt eine zweite Handlungsebene hinzu. Der erste Aufzug führt uns in die zweieinhalb Kilometer vom Festspielhaus befindliche Villa Wahnfried. Im sogenannten »Saal«, typisiert und verkleinert, spielt jeder Darsteller zwei Rollen auf einmal; Richard Wagner = Hans Sachs, Cosima Wagner = Eva Pogner, Franz Liszt = Veit Pogner, Hermann Levi = Sixtus Beckmesser usw. Der zweite und dritte Aufzug führt uns in Foyer und Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse. Wir sind dem Australier Kosky zu Dank verpflichtet. Endlich hat uns jemand über die deutsche Geschichte aufgeklärt und einen Assoziationsraum zu Wagner und den Meistersingern eröffnet, auf den vor ihm in der 150jährigen Rezeptionsgeschichte in Deutschland niemand gekommen ist. So etwas vermag nur ein Spielleiter aus Australien. Offenbar sind auch Cosima Wagners Tagebücher und Hunderte von Bänden der Sekundärliteratur, besonders die Schriften von Adorno und Hartmut Zelinsky, inzwischen ins Australische übersetzt. Denn all das hatte Kosky zu lesen, bevor er uns die Augen öffnen und die neuen Bayreuther Meistersinger zu einem großen Aha-Erlebnis machen konnte.

Hermann Levi als Bühnenfigur

Besonders Hermann Levi alias Sixtus Beckmesser steht im Mittelpunkt von Koskys revolutionärer Neuinterpretation. Er wird vollständig zu einer Judenkarikatur aus dem Stürmer, und die vielfältigen Möglichkeiten, diese Figur des bürgerlichen Intellektuellen und kleinbürgerlichen Philister zu interpretieren, schnurren auf eine einzige zusammen. Johannes Martin Kränzle schlägt sich wacker als philiströser Stadtschreiber und zugleich als der gequälte Kapellmeister Hermann Levi. Die Maske verblüfft mit physiognomischer Ähnlichkeit. Für den normalen Opernbesucher ist es allerdings eine Qual, die Verhöhnung Levis erst in Cosima Wagners Tagebüchern lesen und dann den gedemütigten Kapellmeister auch noch als Bühnenfigur sehen zu müssen.

Ein Ritter wird bürgerlicher Dichter

Unterdessen überschreitet der Ritter Walther von Stolzing die Grenze zwischen Adel und Bürger. Seit 2007 hat Klaus Florian Vogt den singenden Ritter dann und wann in Bayreuth verkörpert. Er singt einen silbrig-hellen, strahlenden, ja geradezu knabenhaften Tenor. Der adelige Musensohn stieg von des Vaters Burg herab und möchte Stadtbürger und in den Kreis der Dichter-Honoratioren aufgenommen werden, die ihren Dilettantismus hinter Regelwerk und Meistertiteln verbergen. Stolz gesteht Stolzing: Herr Walther von der Vogelweid’, der ist mein Meister gewesen. Die Spießer von heute könnte man mit diesem Bekenntnis ebenso erschrecken wie Stolzing jene seiner Zeit. Von oben sich einzudrängen tut indes nicht weniger weh als von unten. Es kommt vor allem in Krisenzeiten vor. Der Dritte Stand wird umworben und kostet seine neue Bedeutung aus. Wagners Komödie spielt im sechzehnten Jahrhundert, wenn aber heute in Deutschland ein Aristokrat oder höherer Bourgeois in die Reihen der Schreiberlinge strebt, wird er ebenso als Fremdkörper abgestoßen, denn wer als Meister ward geboren, / der hat unter Meistern den schlimmsten Stand. Am kleinbürgerlichen Herd haben die Meistersinger ihr Treiben professionalisiert, wobei die Professionalität vor allem im Netzwerken, im Draußenhalten der Glücklichen und im Festschreiben politisch korrekter Sprachregelungen besteht. Der Sängerwettstreit ist eine Art Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb der frühen Neuzeit; allein damals gab es nur einen Beckmesser, und die Philister konnten am Ende ihre antiaristokratische Ideologie doch überschreiten und nahmen den Wohlgeborenen als Dichter in ihrer Mitte auf.

Champagner im Blut

Die Rolle der Eva ist damit überfrachtet, zugleich Cosima Wagner sein zu müssen. Emily Magee, zum ersten Mal schon 1997 in Bayreuth, gibt eine Rolle, die man gar nicht spielen kann, mit Würde und Ausstrahlung. Michael Volle als Hans Sachs und zugleich als Richard Wagner wirkt charismatisch und raumfüllend. »Das Festspielhaus ist für die Meistersinger einmal mehr nicht der günstigste Aufführungsort«, gibt Christian Thielemann in seinem Buch Mein Leben mit Wagner zu bedenken. »Die durchgestufte Hierarchie der Instrumente im Graben taugt für den brokatenen Parlando-Stil dieser Partitur wirklich nur bedingt. Es gibt Stellen, die bleiben auf dem grünen Hügel absolut unbefriedigend, die Prügelszene zum Beispiel wird niemals richtig transparent sein, einfach weil die vielen kleinen Noten unterm Deckel so gerne an Prägnanz verlieren. Gleichzeitig aber ist Bayreuth der Ort, an dem einem die Leichtigkeit und Poesie am besten gelingen können.« Dennoch wird die Produktion fliederholunderduftig, um mit Thielemann zu sprechen, denn sein Kapellmeisterkollege Philippe Jordan, Musikdirektor der Pariser Oper seit 2008 und Chefdirigent der Wiener Symphoniker seit der Saison 2014/15, der ab 2020 als Musikdirektor der Wiener Staatsoper vorgesehen ist, schafft die Quadratur des Kreises und dirigiert das schwierige Stück mit einer seltenen Leichtigkeit und Spritzigkeit, dabei voller musikalischer Intelligenz und Präzision. Auch die Chorarbeit und die präzise Personenregie von Barrie Kosky tragen zu einem Abend bei, der trotz seiner szenischen Macken zum musikalischen Erlebnis wurde.

 

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