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Alles, was Sie nicht lesen wollen

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Literatur

Der westfälische Literarturhistoriker Moritz Baßler analysiert Strategien und Verfahrensweisen aktueller deutscher Unterhaltungsliteratur. Nicht überall wo Klassik draufsteht ist Klassik drin.
Von Stephan Reimertz.

Moritz Baßler, Professor an der Universität Münster, vertritt die These, es gäbe einen Populären Realismus – so der Titel seiner neuen Monographie – in der Literatur. Dieser habe sich innerhalb des Medienverbundes herausgebildet, in welchem die Literatur derzeit stehe. Denn sie sei nicht länger Leitmedium. Vom International Style gegenwärtigen Erzählens, lautet der Untertitel. Leichte Übersetzbarkeit spiele dabei eine entscheidende Rolle. Baßler zitiert einen Japaner, der die Sprache des japanischen Schriftstellers Murakami als gar kein richtiges Japanisch bezeichnet, sondern »Übersetzungsjapanisch«. Dies sei typisch für den »International Style«, der sich derzeit als eine Art Alptraum des Immergleichen weltweit herausbilde. Eine öde Welt. Zwischen Buchdeckeln stößt man auf ewig dasselbe, so wie in den Einkaufsstraßen von London, Paris, Buenos Aires, Bejing usw. Lohnt sich das alles noch?

Anspruchslose Sprache, prätentiöse Inhalte, am besten in Serie

Typisch für die neue Gebrauchsliteratur sei ihre »Unauffälligkeit der Zeichenebene«, mit anderen Worten: eine nicht weiter in Betracht kommende sprachliche Gestaltung, die man gar nicht bemerke. Die einzelne Story sei auch nicht länger das Interessante, sondern die wiedererkennbare, »bewohnbare« Erzählwelt. Einen Roman aus einer bestimmten Serie zu lesen sei zunehmend so, als schalte man am Sonntagabend den »Tatort« ein. Infolgedessen tendiere die Literatur weltweit zur Serialisierung. Baßler nennt hier verschiedene Beispiele, u. a. Harry Potter.

Schlimmer geht’s immer

Nun sind das alles ganz schreckliche Dinge, aber Baßler hält sich mit Wertungen zurück und gibt diese dem Leser in die Hand. Wer einerseits humanistisch gebildet aufgewachsen ist und ab 15 Vergil im Original las, andererseits die Kulturkritik der letzten Jahrzehnte nicht gänzlich verschlafen hat, wird die neuere Literatur, die Baßler hier vorführt, frei nach Horkheimer und Adorno, als »Kulturindustrie als Massenbetrug« qualifizieren. Allein der Autor führt uns in seiner Monographie auf unterhaltsame Weise durch diese Kammer des Schreckens, und dem einen oder anderen Leser wird rasch aufgehen, wie die Lektüre dieser kritischen Studie mit akademischem Anspruch interessanter und unterhaltsamer ist als jene der analysierten Literatur selbst. Dabei führt uns Baßler verschiedene Stufen der Grauslichkeit vor. Er beginnt mit dem längeren Zitat aus einem kruden, bluttriefenden Unterhaltungsroman. Dergleichen verkaufe sich in Deutschland millionenfach. Warum kennt man dann keinen, der das gelesen hat? Aber nun kommt Baßlers Pointe: Wer glaubt, mit diesem Machwerk bereits auf der untersten Stufe des Kitsches angekommen zu sein, der irrt.

Die große Verarsche

Mehr Schaden als die Lieschen-Müller-Literatur richtet die Dr.-Lieschen-Müller-Literatur an. Bekennt sich die reine Unterhaltungsliteratur freimütig dazu, dies und nichts anderes zu sein, wird der Leser in jenem dubiosen Untergeschoss, das Baßler, frei nach Umberto Eco, »Midcult« nennt, zum Opfer einer Vorspiegelung falscher Tatsachen. Die Schreiberlinge tun so, als schritten sie erhaben durch die Dimension des legitimen Geschmacks, wühlen aber in Wirklichkeit in den Niederungen des mittleren, wenn nicht gar den Abgründen des populären Geschmacks. Ich schreibe wie Karl May, erzähle aber nicht von Winnetou, sondern rufe Beethoven an und impliziere, ich sei so genial wie dieser und ließe den Leser an den Geistesblitzen des Komponisten teilhaben, während ich ihn in Wirklichkeit durch den Kakao am Katzentisch ziehe. Ich schreibe im Stil der Zeitschrift Brigitte oder der Burda Moden. Das ist an sich nichts Schlechtes. Die genannten Zeitschriften freilich kämen nicht auf die Idee, sie seien der Goethe von heute. Eben dies behaupte ich aber und schreibe Gretchens Memoiren im Stil der Brigitte und Faust III in der Art der Burda Moden. Und dann erwarte ich, als der neue Goethe gefeiert zu werden. Dank einer ungebildeten Presse und Öffentlichkeit klappt das auch. Mein Faust wird als besser als der von Goethe empfunden, da dieser ja keine Strickmuster enthielt. Und die Kochrezepte in Gretchens Memoiren sichern mir ein Millionenpublikum, während der Urfaust vor sich hin staubt.

Cover: C.H. Beck Verlag

Wie schützt man den Leser?

Mit anderen Worten: dem Leser ergeht es wie einem, dem der Song I like Chopin der italienischen Popgruppe Gazebo vorgespielt und dabei weisgemacht wird, er höre ein Klavierkonzert von Frédéric Chopin. Oder er hört die Matthäuspassion in einer auf 35 Minuten gekürzten Version vom Orchester James Last und ihm wird gesagt, dies sei das Original. Das Wort Betrug fällt bei Baßler nicht, aber es schwebt über jeder Seite. Die Frage ist jetzt: wie führt man den von der Kulturindustrie Verlachten und Betrogenen vom Kulturmimikry weg und zur Kultur hin? Scheinbar enthält Baßler als reiner Analytiker uns die Therapie vor. Allein sein Werk ist selbst schon ein Teil der Therapie, indem es das Problem analysiert. Dr. Lieschen Müller kauft sich lieber für teuer Geld die Imitation eines Barockschranks statt für einen Bruchteil das Original. Undenkbar in einer zweitausend Jahre alten Kulturnation? Inzwischen nicht mehr! Baßler klärt uns darüber auf, welche Rolle sogenannte Literatursendungen im Fernsehen spielen. Bei diesen handelt es sich in Wirklichkeit um Reklameaktionen der Medienkonzerne. Adorno sprach von »Verblendungszusammenhang«. Bei uns ist es schon Verblödungszusammenhang. Interessant ist auch das Auftreten der »Experten« bei solchem medialen Buchempfehlungsmarketing. Ihr Schlabberpullover ist kein zufälliges Akzidenz, er ist die Sache selbst.

Des Kaisers neue Romane

Baßlers Monographie kann als Ergänzung zu der Neuerscheinung Schreiben von Carolin Amlinger  gelesen werden; die Literarhistorikerin analysiert den deutschen Literaturbetrieb mit seinen Autoren, Lektoren, Verlegern und Institutionen und kommt zu dem Resultat, es gehe dort zu allerletzt um Texte und zuerst um die Selbstreproduktion eines bestimmten Milieus. Amlinger zeigt auf, wie sich der Literaturbetrieb selbst ad absurdum geführt hat. Baßler demonstriert das gleiche nun anhand der von diesem Betrieb hervorgebrachten Erzeugnisse.  Dem Leser freilich bietet sich das Bild einer Kultur, die es nicht wert ist, bewohnt zu werden. Baßlers Populärer Realismus ist eine »Literatur nach den Medien«, die zugleich behauptet »irgendwie doch genuine Literatur vor den Medien zu sein«. In diesem Zusammenhang zitiert der Autor Umberto Eco und dessen Begriff des »Midcult«; dieser stelle, wie der italienische Semiotiker sich ausdrückt, »den Konsumenten zufrieden, indem er ihn davon überzeugt, das Herz der Kultur schlagen gehört zu haben«.

Low-brow-Autoren mit High-brow-Attitüde

»Auschwitz und Manufactum – die zwei bedrückenden Eckpfeiler eines Populären Realismus, der sich als Hochliteratur ausgibt. Leichte Muse, schwere Zeichen – nennen wir es Midcult!« So lautet Baßlers vernichtende Analyse der heute gängigen Mimikryliteratur. Allein gilt dies nicht für das ganze Land, seine Pseudokultur, seine Pseudogesellschaft? Dem Herrendarsteller im Hugo-Boss-Anzug entspricht der Klassikerdarsteller im Schlabberpullover. Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht! sagte Johann Nestroy und schrieb mit seinen Komödien Weltliteratur. Unsere Gesamtschulklassiker greifen schon einmal prophylaktisch nach dem Lorbeer. Wie schade, wenn gerade jetzt kein Nestroy da ist, das zu beschreiben!

Kulturindustrie als Massenbetrug

Es handelt sich also um dreisten Etikettenschwindel, eine Form von kleinbürgerlichem Snobismus; das literarische Äquivalent des Burberry-Style, bei dem der Träger glaubt, eine exklusive englische Arbeit am Leibe zu tragen und in Wirklichkeit billigen Schmonzes von der Stange aufträgt. Handelt es sich bei solcherart Talmi und vorsätzlich kalkulierte Mache (»Kuns«, um es jiddisch auszudrücken), oder hält sich der Schreiberling ganz naiv für den neuen Goethe? Das bleibt hier unaufgedröselt. Man dürfte es wohl mit einer Verbindung von beidem zu tun haben. Serialisierung wird wichtiger, Ausmünzen und Auswringen bis zum letzten Tropfen. Baßler betont, wie hier die Bedeutung einer »bewohnbaren« Serienwelt, in die der Leser oder Zuschauer immer wieder einkehren mag, wichtiger wird als die Handlung der einzelnen Episode. Er nennt hier zum Vergleich »Tatort« und andere TV-Serien.

Pseudo-Literatur für die Pseudo-Gesellschaft

Mit einiger Redundanz analysiert er einen zeitgenössischen Jugendroman namens Tschick, von dem die meisten von uns kein Freund sein würden. Hier ist es »die Ähnlichkeit zur Medienwelt, die der Alltagswelt Sinn verleiht«. Es bleibt offen, ob dieser Roman tatsächlich von Jugendlichen oder lediglich von theoretisch interessierten Erwachsenen goutiert wird. Sein Autor jedenfalls schreibt »an den Medien entlang« und erzielt so eine »mehrfache Codierung«. Baßler bescheinigt einem solchen Gebilde eine gewisse Relevanz. Philosophische Grundsatzdiskussionen spart Baßler aus, selbst jene des Realismus. Allein wir verständigen uns mit dem Autor problemlos auf das was er meint. Wem ist noch nicht aufgefallen, wie die deutschen Autoren heute so schreiben als lebten sie 1880 und als hätte es die literarische Moderne nie gegeben? Baßler: »Ein Erzähltext, der dieser unserer Wirklichkeit gerecht werden wollte, dürfte jedenfalls eines nicht: realistisch erzählen.«

Möchte man in der Kultur leben, die hier beschrieben wird?

Entspricht es einem Anflug von Humor des Autors oder unterwirft er sich seinem eigenen alles andere als demokratischen akademischen Milieu, wenn hier gewisse Jargonformulierungen auftauchen?. »Leserinnen und Leser«, »Bildungsbürgerinnen und –bürger« »Man findet keine:n der beiden Protagonist:innen…« Den Vogel schießt er auf S. 299 mit der bösartigen Neubildung »Charakterschauspieler:in« ab. Interessanterweise wirft er gerade hier aber die Frage auf, ob im Zuge des neuen Vulgäridentifikationsimus nur noch eine heterosexuelle Schauspielerin eine solche spielen dürfe, ja am Ende nur noch jeder sich selbst. Freilich hat sich der amerikanoide Sprachextremismus längst selbst ab absurdum geführt und wird nur noch in Universitäten und offiziösen Medien ernstgenommen.

Ausgedachte Autobiographie

Eine besonders dreiste Mode beschreibt Baßler in der ausgedachten Autobiographie, die ebenso indiskret wie fiktiv ist. Er nennt es »Autofiktionales Schreiben«. Meine Großtante predigte mir noch den Grundsatz: »Ein Kavalier genießt und schweigt!« Heute scheint das nicht mehr zu gelten. Prof. Baßler berichtet von einem Schweden oder Norweger, der sein ganzes Leben aufschreibt und keine Indiskretion ausspart, wobei ihm seine, wie Baßler ulkt, »Skandinavizität« durchaus behilflich ist. Und das über mehrere Bände, wobei er keine Chronologie anstrebt. Auch hier steht die puppenstubenhafte Wohlfühlwelt bereit, in welche der Leser mit jedem neuen Band zurückfallen kann. Eine kurz angerissene oder bisher unerwähnte Episode aus dem ach so interessanten Leben des Herrn Autors, der zugleich auch Erzähler, Protagonist und Marke ist, kann aufgenommen und ausgewalzt werden. Das ganze ist tautologisch. Der Kenner freilich seufzt: Si tacuisses…

Billige Lagen für den Export

Sozio-Autoren, die ganz undichterisch jeder Handlung eine schulmäßige Erklärung à la Bourdieu folgen lassen und gar keine richtigen Schriftsteller sind, wie Annie Ernaux, Didier Eribon und Edouard Louis sind, wie weiland Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, in Deutschland weitaus bekannter als in Frankreich. Sie werden von den Franzosen gleich für den Export produziert wie bestimmte billige Lagen beim Wein, die sie nicht selber trinken. Ihr Narrativ ist: Ach ich arme proletarische Maus aus der Provinz, wurde von Pariser Intellektuellen nicht ernst genommen und musste mich durchbeißen. Das kommt in Deutschland gut an. Baßler bespricht eine schreibende Französischlehrerin namens Annie Ernaux. Er konnte noch nicht wissen, wie diese matten Erzeugnisse mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet werden würden, analysiert aber sehr zutreffend, wie alles Literarische hier im Grauschleier des soziologischen Ressentiments versinkt.

Der Dreischritt

Echte High-brow-Ambition ohne Low-brow-Naturell diskutiert Baßler am Ende seiner Monographie. Er führt eine Reihe von Autoren an, die sich um eine komplexe und authentische literarische Bewältigung unserer Realität bemühen. Aber eine Deutsche, die nach Frankreich geht und dort ein Versepos über eine kommunistische Widerstandskämpferin dichtet? Ich würde mich als Franzose schön bedanken. Vulgäre Klassikermimikrys hier, verkopfter Modernitätsjargon da: Die Lösung scheint für Baßler ein offenbar österreichischer Autor namens Haas zu sein, der sich zwar einerseits den Forderungen des kommerziellen Buchmarkts beugt, indem er seine Bücher serialisiert, der andererseits jedoch in hoher, sei es auch ironischer Komplexität schreibt. Dies erscheint Moritz Baßler als die Lösung und als eine authentische Literatur für unsere Zeit.

Moritz Baßler
Populärer Realismus
C.H. Beck Verlag, München 2022
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